Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 8 (13.4.1923)
- Date
- 1923-04-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" Wien, IX. Betggasse 4. Postsparkassen«Konto Nr. 9464. Telephon Nr. 19-2-77. Offener Brief an die katholische Geistlichkeit Österreichs. Angesichts der systematischen Aufreizung welcher sich die deutschösterreichischen Staatsbürger mosaischen Bekenntnisses derzeit wieder in erhöhtem Maße ausgesetztsehen, und der Tatsache, daß von der Einflußnahme des Klerus an die Gläubigen in Wort und Tat deren Denkrichtung und Handlungsweise außerordentlich abhängig ist, gestattet sich der Gefertigte die hohe und niedrige Geistlichkeit zu bitten den folgenden Ausführungen eine geneigte Aufmerksamkeit schenken zu wollen. Es kann wohl den Priestern jener Religion, welche sich so oft und so gerne die Religion der Liebe nennt, nicht gleichgültig sein, daß diese christliche Liebe in so zerstörenden Fanatismus ausartet wie ihn die aus eine Afterwissenschaft von Rassen-Entstehung sich stützende Irrlehre des Antisemitismus gegenwärtig mit Gummiknütteln, Stinkbomben und sogar mit Revolvern auszuwirken sich anschickt. Schon der völkermordende Weltkrieg hat die Frage berechtigt erscheinen lassen, welchen sittlichen Fortschritt die christliche Kirche und der christliche Staat und seine Gesetzgebung seit Kaiser Konstantin bis heute für die Menschheit aufzuweisen vermögen. Was hat bei dieser Wiedergeburt von Menschen-, Rassen- und Glaubenshaß der christliche Mensch vom Heiden, was hat er vom Urmenschen voraus? Besonders jedoch erhebt sich die Frage: „Handelt die gegenwärtige Christenheit im Sinne des Stifters oder der Evangelien?" Ist doch der Haß gegen den Stamm, welchem Jesus seiner Geburt nach angehörte, eine Verlängerung des Ursprungs des eigenen religiösen Bekenntnisses. Ist es schon ganz unbegreiflich, wie 60 Millionen Deutscher die verschwindend kleine Zahl von 600.000 Juden (bei uns in Oesterreich von 6 Millionen bloß eine Viertelmillion) zum Anlaß einer so ungeheuren Bekämpfung und Verfolgung gleichwie eines wirklich riesenhaften gefährlichen Gegners machen können, so entfällt doch sicher für die allmächtige weltbeherrschende, Hunderte von Millionen Anhänger zählende katholische Kirche jeder Grund zu jener Erbitterung, mit welcher zahlreiche ihrer Vertreter die verschwindend kleine Minorität des machtlosen Judentums angreift. Ihr sollte doch der Bestand desselben als ein lebendiger Beweis für die Wahrheit der christlichen Lehre nur willkommen sein. Aber wir, die wir vom Hause aus die Lehren des Evangeliums aus dem altjüdischen Schrifttum kennen, vermissen deren Verwirklichung im praktischen Christentum. Wir begreifen nicht, wie auf dem Boden einer vom jüdischen Geiste durchwehten Lehre Menschen- und Judenhaß überhaupt hat entstehen können, wie gerade die Jugend, die in der Schule chren christlich-religiösen Sinn sich aus einem echt jüdischen Katechismus holt, von diesem Gifteangesteckt werden kann. Wie kommen Sie, die Geistlichkeit, über diesen krassen Widerspruch von Theorie und Praxis hinweg? Einer unserer strenggläubigen Rabbiner des vorigen Jahrhunderts (Jakob Emden in Hamburg) hatten Satz niedergeschrieben: „Wenn die schönen Lehren des Evangeliums wirklich befolgt worden wären, wir wären in hohem Grade glücklich in unserer Zerstreuung. Die Juden hätten den Kelch des Leidens nicht in gar so erschreckender Weise geleert. Wir wären kein Gegenstand des Hasses für die Christen". — Das unserer Religion und dem Christlichem Glauben ge me infame Grundprinzip der Nächstenliebe stammt doch aus dem alten Testament:" Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Wenn engherzige Auslieger unter dem Begriff des „Nächsten" Nichtjuden ausgeschlossen wissen wollen, so belehrt sie das mosaische Fremdengesetz: „Dem Bürger gleich sei euch der Fremdling, der unter euch wohnet, liebe ihn wie di.ch selbst", unläugbar eines besserer^. Die jüdische Bibel, die dem Christentum gleich heilig gilt, hat die Götzen Aegyptens, Babylons, Roms und Griechenlands zerstört. Sie war es, die die Scheiterhaufen ausgelöscht und die Sklaverei vernichtet hat. Sie bildet den Kern jener zivilisatorischen Mission, die sich das wahre Christentum zur Aufgabe für die Menschheit gemacht hat, ohne sie jedoch bis heute noch erfüllt zu haben. Es ist ebenso tief bedauerlich wie unbestreitbar, daß selbst die Autorität des Papstes, der aus dem Stuhl Petri, eines Juden thront, trotz anerkennenswerter Bestrebungen den Weltkrieg und seine derzeitigen Folgen nicht verhindern oder auchi lnuv mildern konnte. Die Weltreligion, die den Namen des Nazareners trägt, hat, trotzdem sich sein Apostel Paulus geäußert hat: „Es ist hier kein Unterschied zwi- > schen Juden, und Griechen; es ist Aller Ein Herr über Alle Ihn anzurufen", nicht verhindert, daß unter ihrer Herrschaft die Stellung der Nationen zu einander so schroff und abstoßend wie möglich geworden ist. Wieder erhebt sich eine Frage: „Welche Bedeutung hat dann aber eine Weltreligion, wenn sie die Kluft nicht überbrückt und Getrenntes nicht vereinigt?" und die andere: „Ist die Weissagung des Propheten erfüllt? Ist die Menschheit erlöst worden? Gab es ein tausendjähriges Reich des Friedens und grasten Wolf und Lamm schon friedlich beisammen?" Aber wir Juden erbitten den Frieden als Bekenner jener Lehre, zu der sich der Stifter der Ihrigen bekannt hat. Niemals haben wir religiöse Gefühle Anderer verletzt und es an dem Respekt vor der religiösen Ueberzeugung Anderer fehlen lassen. Wir haben jedoch auch,' in unseren Reihen eine starke Zunahme des religiösen Indifferent! smus zu beklagen. Die antisemitischen Exzesse haben eine Zuname der Austritte aus dem Judentum und der Taufen zur Folge, welche bei dem Umstande, daß es nicht Ueberzeugung ist, was den Uebertritt veranlaßt, der Geistlichkeit unmöglich gleigiltig oder gar willkommen sein kann. Es kann wahrlich nicht als Erfolg gebucht werden, was sich aus der Bekehrung dieser Fahnenflüchtigen für das Christentum ergeben müßte. Wir stehen nicht an, im Gegenteil eine schwere Bedrohung darin zu erblicken, ebenso wie eine Vermehrung der Zahl der Konfessionslosen wohl unmöglich im Sinne der Geistlichkeit erwünscht erscheint.