Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 8 (13.4.1923)
- Date
- 1923-04-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Die Wahrheit Seite 7 stehen ließ, er zeigt, wie er in veränderter Form auch, in ganz anderem Gewände nach Jahrtausenden noch lebendig war. Und um schließlich noch aus etwas anderes hmzuweisen. Auch in der Lehre von Christus ist der Kerngedanke ein sozial jüdischer. Er wendet sich nicht an die Reichen, sondern an die Girmen. Aber es ist auch das Schicksal aller großen Sozialreformer, nicht sogleich verstanden zu werden. Es ist die Tragödie, von Lassalle und yjtcur, daß ne die Früchte ihrer Arbeit nicht in dem Maße haben reifen sehen, wie sie es gewünscht hätten. Sie wurden zerbrochen, lhc d:e Tat vollendet war, und vielleicht liegt aucy oann etwas Jüdisches, daß sw Same wurden sür eme neue, bessere Zu tunst. Kronprinz Rudolf und die Judenfrage. Von einem Gegner des Monarchismus. Die Gestalt des Kronprinzen — man nennt ihn heute noch, mehr als 30 Jahre nach seinem Tode, in Wien nie anders — ersteht in einer Sammlung seiner Briefe, die er an den Herausgeber des „Neuen Wiener Tagblattes", den feinsinnigen Wiener Schriftsteller Moriz Szeps, gerichtet hat, zu neuem Leben; der Sohn des Empfängers dieser Briefe, Dr. Julius Szeps, selbst ein Literat ersten Ranges, hat die Briefe liebevoll geordnet und mit einer stimmungsvollen Einleitung in Buchform „Kronprinz Rudolf, politische Briefe an einen Freund, 1882 — 1889" herausgegeben. Erwähnt seien auch die interessanten Anmerkungen, mit denen das vom rührigen R i k o l a - Verlage schön ausgestattete Buch versehen ist. Der Briefwechsel entsprang dem Wunsche des Kronprinzen, hervorragende Männer der Zeitung kennen zu lernen, und der bekannte Hofrat Dr. Karl Menger, der Rudolf in der Volkswirtschaftslehre unterwies und sein Reisebegleiter auf den wiederholten Reisen nach Paris! und London gewesen war, führte den Herausgeber des „Neuen Wiener TagblatteA" bei ihm ein; gleich die erste Unterredung, die zwei Stunden dauerte, brachte den Kronprinzen und den Literaten einander sehr nahe und es entwickelte sich ein, zwischen solch gleichgestimmten Seelen nicht verwunderliches freundschaftliches Verhältnis, von welchem die Briefe Zeugnis geben und das bis zum Tode des Kronprinzen ungetrübt dauerte. Aus diesen Briefen gewinnt man einen tiefen Einblick in die Ideen, Bestrebungen und Hoffnungen dieses hochbegabten Sprosses des Hauses Habsburg. Frei von jeder konventionellen Lüge, offen und vorbehaltlos spricht sich Kronprinz Rudolf über die Ereignisse des Tages aus und ohne Rücksicht offenbart er seine Gesinnungen und seine geheimsten Gedanken. Das Bild, welches aus seinen Briefen hervortritt, trägt so charakteristische Züge, daß es sich tief ins Gedächnis einprägt. Kronprinz Rudolf war für seine Zeit ein durch und durch moderner Mensch, erfüllt von den Ideen seiner Epoche; voll Tatkraft, beseelt von den höchsten Absichten, nach großen Zielen strebend, wissensdurstig, lebhaften Geistes, den verschiedensten Gegenständen sein eifrigstes Interesse zuwendend. Vorurteilslos und unbefangen unterzieht er Menschen und Ereignisse der schärfsten Kritik von einem hohen Standpunkt aus, er scheut sich nicht, über Personen und Zustände die für den Staat schädlich erscheinen, das härteste Urtejil zu fällen. Er ist keine schwärmerische, unklaren Instinkten nachgehende Natur. Ein Verstandesmensch in erster Linie, hat für ihn nur die Wirklichkeit Bedeutung. Die Naturwissenschaften bildeten den Lieblingsgegenstand seiner Studien und von dem festen Grund der freien Forschung ausgehend, erhoffte er den Fortschritt der Menschheit. Ornithologie, Geographie, Physik fesselten in höchstem Maße sein Interesse und für sie verwandte er die Zeit, die ihm seine vielseitige offizielle Tätigkeit übrig liefe, Sein Antlitz war nicht der Vergangenheit, sondern der Zukunft zugewendet und — Dr. Julius Szeps bemerkt das ausdrücklich — der Sinn für historische Entwicklung war ihm ftemd. Er wäre der Antiromantiker auf dem Thron geworden. Sein scharfer Verstand, von trefflichen Lehrern vorzüglich ausgebildet, befähigte ihn, die Dinge rasch aufzufassen und zu einem klaren und trefflichen Urteil zu gelangen. Ohne eine Spur von Klassengeist, abhold den veralteten und unbegründeten' Ansprüchen des Adels, die Geschäfte zu leiten, war er von der Überzeugung durchdrungen, daß der Augenblick gekommen sei, in dem das freisinnige Bürgertum berufen wäre, die erste Rolle in Österreich zu spielen. Mit ungetrübtem Blick erkannte er die Gefahren der Zukunft und prophetisch klingen oft Äußerungen in seinen Briefen. Manches, was er vorausgesagt, ist in Erfüllung gegangen und das traurige Schicksal, das das deutsche Volk getroffen, hat er leider richtig vorausgesehen. Da er hoch stand, konnte er auch weit sehen. So war der beschaffen, dem es ein unbarmherziges Geschick versagt hat, seine Gedanken in die Tat umzusetzen und seine Pläne zu verwirklichen. Kronprinz Rudolf war sehr verschieden von den traditionell-ftondierenden Thronerben, die so gewöhnliche Erscheinungen in der Geschichte sind. Widerspruch um jeden Preis war ihm fremd und stets ließ er sich bei seinen Handlungen bloß von sachlichen Gründen leiten. Sein wissenschaftlich geschulter Geist bewahrte ihn vor Oberflächlichkeiten und als ausgeprägten Verstandesmenschen lagen ihm phantastische Utopien fern. Wie hoch er geistige Arbeit schätzte, geht aus seinen Außerungery'hervor, daß ihn noch keine Auszeichnung so sehr gefreut wie die Verleihung des Ehrendocktorates durch die Universität Wien. Von seiner Mission hatte er die höchste Meinung und unablässig bereitete er sich für die schwere Aufgabe vor, die er zu erfüllen gehabt hätte." Ein wahrer Patriot, erblickte er in dem Fortschritte das Mittel, Österreich und Ungarn zu starken und blühenden Staatensihre Völker zu glücklichen Nationen zu machen. Was aber Österreich der Welt leisten sollte, darüber hat er sich mehr als einmal klar in seinen Briefen ausgesprochen. Es sollte der Bringer der Kultur und Zivilisation nach dem Osten sein, im Gegensatz zu Rußland, das den Orient zu unterjochen und von jedem Fortschritt fernzuhalten bestrebt war. Herrschaft des Liberalismus im Innern — Zurückdrängung Rußlands: das waren die Kardinalpunkte seines politischen Programms." (Schluß folgt.) Konkursausschreibung. Der Tempelverein des X. Bezirkes, Humboldtg. 27, sucht einen musikalisch gebildeten, stimmbegabten erstklassigen Oberkantor ( Ckasan) der auch mit Chor vorbeten kann, das 40. Lebensjahr noch nicht überschritten hat und ein guter Kore ist. Gehalt nach Uebereinkommen. Dienstwohnung vorhanden. Probevortrag erwünscht. „ Der Vorstand. Zuschriften erbeten an; Max Berger, Obmann, X. Bucheng&sse 44.