Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 8 (13.4.1923)
- Date
- 1923-04-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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alles an die Juden!" Auf den Mann können sich die schlechten Juden berufen und dann auswandern." „Ich danke Eure Exzellenz für die gute Lehre", entgegnete Bleichröder, der ganz rot dabei geworden war. „An mir wird es nicht fehlen, uns Juden in Deutschland beliebt zu machen." „Ich weiß es, fuhr Bismarck fort, „Sie sind ein anständiger Mensch und wollen nicht mehr und nicht weniger sein als ein guter deutscher Jude, wie wir seit Moses Mendelsohn, ja Gott Lob, mehrere gehabt haben. Wie Sie mir denn auch, ich darf Ihnen dies wohl sagen, als Gerson Bleichröder lieber sind denn als Siegsried, Friedrich oder Teut Bleichröder. Ich liebe keine 8ujet8 mixte8 und es gefällt mir, daß Sie Ihre krumme Nase mit demselben Anstand tragen wie ich meinen Bauch und meine drei Haare aus dem Kopf. Schönheitsfehler verschwinden vor guter Gesinnung und großer Tüchtigkeit. Ich wäre auch als Bauer etwas vorzügliches geworden, und wenn Sie nur der dumme Sohn eines reichen Vaters wären, ginge jetzt Rothschild neben mir unter diesen kahlen Pappeln. Jeder ist seines Glückes Schmied, wie mein zitierter Pommerscher Gutsnachbar sagte, als er im Armenhause und in Cognac verschied. Mein Großvater ist nicht Kleinbauer geblieben und der Ihrige nicht Kuhtreiber und Sie als sein Enkel sind wie ich so wenig degeneriert, daß Sie, im Vertrauen gesagt, nah vor dem von Bleichröder stehen." Der Bankier schmunzelte ein wenig und fügte, als habe er noch etwas in ihrer Unterhaltung, wie ein wichtiger Posten in einer Rechnung, gefehlt, dann ein: „Etwas 8ujet3 mixte muß auch der beste deutsche Jude bleibenwie es schon in den Worten „deutscher Jude" liegt. Und es gibt nur zwei Auswege aus dieser Doppelmischung: Rückkehr nach Jerusalem oder, wie es die. meisten meiner Glaubensgenossen jetzt so halten, völliges Einswerden und Untergehen in den germanischen Volkskörper." „Ich weiß nicht, warum Sie so hartnäckig den zerbrochenen Krug spielen", war Bismarks Entgegnung. „Ich bin, wenn Sie wollen, au chein Ragout aus Zucker und Pfeffer und anderen appetitlichen und unappetitlichen Ingredienzen. Ein brandenburgischer Deutscher ist bekanntlich ein ganz anderes Tier als ein bayrischer Deutscher: und ein deutscher Jude sollte nicht seine lange Nase für sich allein haben dürfen? Freilich deutsch muß er vor allem andern sein, so lMtge er bei uns sitzt, und die Juden, die bei Mars la Tour gefallen sindsollen mir ebenso wie die Makkabäer fühlen, daß sie fürs Vaterland ihr Blut ließen. Sehen sie sich doch Ihre Künstler an, Bleichröder; ich kenne dieses Terrain ja schlecht. Hat es Heinrich Heine oder Felix Mendelssohn-Bartholdy in iher Kunst geschadet, daß sie Deutsche waren? Haben sie nicht schön gezwitschert, wie weiland ihre seligen Könige David und Salomon psalliert haben, Herrscher und Dichter von Jehovahs Gnaden, die ich übrigens für bessere-Poeten als unsere Bayernkönige halten muß? Hat es meinem Deutschtum etwas geschadet, daß ich die Bibel, unser aller Mutter, die stets auf meinem Nachtisch liegt, halb auswendig' kann? Sehe ich so aus, als ob ich darum restlos im Mosaischen aufgegangen wäre? Muß ich deshalb etwa zu mauscheln anfangen oder müssen Sie Vize versa, weil sie deutsch reden, und fühlen können, gleich in ein Corps eintreten und dem Graten Zitzewitz duzen und ihm im Hoppegarten einen Hundertmarkschein pumpen? Sie werden sich bedanken! So wenig wie ich mich dazu dränge, in der Synagoge vorzubeten, weil ich die großen und kleinen Propheten vor- und rückwärts hersagen kann. Hol der Henker meinethalben uns Germanen, wenn wir das Judentum nicht verdauen können! Und wenn Sie als Juden in uns Deutschen eingehen, dann mag sich Ahasver schlafen legen und ein neuer Jesajah Ihren Bankerott erklären. Dann haben Sie Ihre Rasse vor Ihren Vorfahren aus dem 14. Jahrhundert gründlich blamiert, wo man bekanntlich (wenn Sie darüber noch vor Zorn rot werden, so werde ich es vor Scham) in Mainz auf dem Markte Judenzungen schockweise verkaufte. Das sind Fragen der Rasse und nicht etwa der Religion. Denn ich kann mir denken, daß auch ein Freigeist ein guter Jude sein kann, wie Friedrich der Große ein guter Deutscher war... Aber wir haben uns genug Motion für unser französisches Menü gemacht und wir wollen hineingehen. Ich Feuilleton Bialik und die jung-hebräische Renaissance in Rußland. Zu des Dichters 50. Geburtstag. Von Dr. M. Grunwald. (5. Fortsetzung.) In der neuhebräischen Literatur verkitt Bialik eine Eigenart. Während die ältere Generation des Neohebraismus nur dem biblischen Schrifttum Gerechtigkeit widerfahren läßt und die spätere Literatur nicht recht nach Gebühr-würdigt, ist Bialik gerade für das Kulturwerk, das von dem talmudischen und kabbalistischen Judentum in den langen Jahrhunderten der Ghettoschmach geleistet worden ist, voller Anerkennung und Bewunderung. Wenn bei Heine der verwunschene Prinz Israel nur mit Eintritt des Sabbates für 24 Stunden sein menschliches Fühlen gewinnt, ist in Bialiks Augen Israel der Königssohn, dem kein Zauberer der Welt an seine edle Aeele zu tasten vermag, solange Israel sich seines Talismans, der Thora, nicht entäußert. Bialik würdigt die reichen Geistesschätze, die das talmudische Judentum der Welt geschenkt hat, er fühlt in sich selbst jene Kraft zu dulden, die es dem jüdischen Herzen verleiht mit dem tröstendem Hinweis auf messianische Zeiten, auf ein Morgenrot besserer Tage, er sieht in diesem talmudischen Judentum den unerschöpflichen Quell der jüdischen Familieneinigkeit und Sittenreinheit und der Gesinnungs- und Ueberzeugungstreue, die sich auf den Leidenstätten unserer Märtyrier so oft glänzend bewährt hat. Dem Leben im Bethhamidrasch und der Jeschiwa widmete er ein Gedicht mit dem bezeichnenden Titel: „lm jesch et nafschecha ladaath hamajan“ „Wenn du die Quelle kennen willst". Willst du die Quelle kennen, aus der deine Brüder, die dem Tod geweiht, in Todesnot den Heldenmut geschöpft, die Herzenskraft, mit Freuden in den Tod zu gehen, den Hals dem Messer, dem geschwungenen Beil den Nacken darzubi-eten, den Holzstoß zu besteigen, in Flammen eingehüllt, das „Echad“ auf den Lippen schauervoll zu sterben? Und willst den Schoß du kennen, in den dein Volk sein Herz und seine Seele blutige Träuen ausgeschüttet, den Ort, der seine Klagen hörte, Klagen, daß im Innersten der Hölle Schlund Teufel erbebten — Schmerzensschreie, daß Felsen barsten — nur unserer Feinde Herz blieb unberührt, das härter als der Fels und grausamer als eines Satans Sinns: Und willst die Burg du kennen, darein die Väter mit ihrem Höchsten, ihrer Thora, ihren Allerheiligsten geflüchtet?