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Die Wahrheit · 1923-04-13 · Heft 8 (13.4.1923) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 8 (13.4.1923)
Date
1923-04-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Unabhängige Zeitschrift für jüdische Interessen Redaktion u. Ndministration r Wien, II. Heinestratze 13. — Fernruf 42.216. Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Inden" XLLIX. Jahrgang Wie», 13 April 1923. Nnmmer 8 Bismarck nnd die Jndenstage. Der „eiserne Kanzler", den die heutigen Nationaldeutschen so gerne für ihre Zwecke und Ziele gebrauchen möchten, war nach den Zeugnissen vertrauenswürdiger Historiker und Zeitgenossen nichts weniger als judenfeindlicher Gesinnung. Vor Jahren bereits hatte Herbert Eulenberg in Hardens „Zukunft" einen Artikel „Judenfrage" veröffentlicht, der nach des alten Bleichröder Aufzeichnungen den Standpunkt des Fürsten Bismarck zur Judenfrage präzisiert und so interessant ist, daß er hier Ausnahme finden soll: Bismarck und Bleichröder hatten den ganzen Vormittag in Versailles über die Kriegsentschädigung Frankreichs und die neue Münzordnung Deutschlands verhandelt. Fast 5 Stunden hatten sie zwischen 6 — 7 stelligen Ziffern herumgesessen und mit Zahlen verkehrt. Sie saßen an dem Kamin (es war im Jänner 1871 und grimmig kalt) in dem Salon der Madame de Jeffe in der Rue d' Provence Nr. 14, der zarten Tuchfabrikantenswitwe, die vor Ankunft der Deutschen mit ihrem Mops und mit ihrer Kammerfrau aus Versailles geflüchtet war, damit der norddeutsche Bundeskanzler, Graf von Bismarck, in ihrem stattlichem leeren Haus Quartier nehmen und mit Jules Lavre und Thiers dort über den Frieden und mit Gerson Bleichröder über die Kriegsentschädigung, die Frankreich zahlen müsse, verhandeln könnte. Der gewaltsame Hausherr und Mieter wider Willen der Madame Jesse wurde an dem Morgen schließlich der Zahlen müde. „Kommen Sie, lieber Bleichröder! Der Teufel hole diese verfluchten französischen Kamine! Ein deutscher Ofen aus Eisen ist mir lieber als ihrer hundert. Sie rösten einem auf der einen Seite die Haare ab, während man auf der anderen vor Kälte blau wird. Ganz wie die Menschen in Frankreich. Es ist kein Verlaß auf sie. Wir wollen vor dem Essen draußen im Garten ein paar Gänge machen, ehe die Sonne ganz' im Westen hinter Spanien ist. Es wird wärmer unter den Bäumen sein als hier drinnen." „Wie Eure Exzellenz wünschen!" entgegnete Bleichröder. „Rechnen macht freilich immer warm. Auch muß man sich akklimatisieren." „Darin sind sie mir über", meinte Bismarck, „schon von Rasse wegen". Und damit traten die beiden, der eine im Kürassiermantel, der andere im russischen Persianerpelz, durch die Tür des Erdgeschosses hinten an der Schildwache vorbei in den großen, wohlgepflegten Garten hinaus. Das Gespräch über Rassen, das beliebteste und gefährlichste zwischen Juden und Christen, war im Gang und Bismarck, der als nervöser Mensch den Wechsel liebte, schien nach all den Zahlen ordentlich froh darüber zu sein. „Sie haben die Anpassungskraft im Blut", fuhr er fort, „während ich als Sproß eines märkischen Adelsgeschlechtes mich eigentlich nur wohl fühlen kann, wo es preußisch zugeht". „Exzellenz berühren scherzhaft die ernsteste Frage, die es für uns Juden gibt", warf der Bankier dazwischen. „So tragisch kann ich denn Fall nicht nehmen, mein Lieber", meinte Bismarck... „Nach der Emanzipation der Juden in Europa. Bei uns in Preußen oder, wie wir bald sagen müssen, in Deutschland, steht es jedenfalls nicht mehr so für Israel, wie an den Wassern des Babels, darüber zu weinen und die Harfen an die Trauerweiden zu lehnen. In Rußland und im Balkan mag es oft nicht heiter zugehen für einen, der hebräisch betet. Aber geht es uns in Deutschland nicht ebenso? Meinen sie, daß es nicht auch mein teutonisches Blut empört, wenn ich von Mißhandlung oder Unterdrückung der deutschen Sachsen in Siebenbürgen durch die gelben Teufel, die Magyaren, vernehme? Aber darum einen Krieg mit dem Kaiser Franz Josef anzufangen; ich danke, Königgrätz genügt mir. Ich helfe, wie ich kann und sie schicken auch alljährlich 20.000 Mark, wie mir der Oberhofmeister, der es denen nicht gönnt; erzählt hat, zur Unterstützung ihrer Glaubensgenossen nach Russisch-Polen." „Eurer Exzellenz zugegeben", sagte Bleichröder lächelnd, „aber auch in den sogenannten zivilisierten Ländern von heute verlieren wir als Juden nicht ganz das Gefühl der Unsicherheit, daß wir jeden Augenblick wieder als Eindringlinge und Fremdlinge Hinausgetrieben werden können. Die Jahrhunderte ewiger Verfolgung und Mißhandlung stecken uns noch mehr als die Anpassungskraft im Blut. Das ist bitter, aber wahr." Darauf Bismarck: „Was ist sicher, Bleichröder, hier unter den wechselnden Mond, wie Kotzebue, der doch ein Stockkonservativer war, wenn ich nicht falsch zitiere, gesungen hat? Wird Deutschland, wie wir es eben jetzt zurechtzimmern, so sicher sein? Wir wollen uns nach 40 oder 100 Jahren im Himmel weiter darüber unterhalten. War Preußen sicher, nachdem Friedrich der Große es in drei siegreichen Kriegen, wie wir, als einen rocher de lironce stabiliert hat? Sein Großneffe, einer der Linkser unter den Hohenzollern, hat es bei Jena so verjeut, daß man es danach aus 7 Staaten wieder zusammensuchen mußte. Wir wollen einander doch nicht mit der Zukunft bange machen. Mir fällt dabei immer mein Pommerischer Gutsnachbar in Kniephof ein, ein fauler, vertrunkener Kerl, der seine Wirtschaft verkommen ließ. Der Mann hatte, weil sein Land Morgen vor Morgen unter den Hammer kam, die Judenangst, die so etwas ähnliches wie Platzangst ist, bekommen. Und wenn man ihm dann zuredete, er solle doch das verwünschte Saufen lassen, sah er einen mit stieren Augen an und schrie! „Macht nichts! Kommt doch

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