Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 7 (1.4.1923)
- Date
- 1923-04-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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D i e Wahrheit Seite 17 Nr. 7 klagt: Ob Christian oder Jtzig, das Geschäft bringt es so mit sich. Der spaßhafte Antisemitenprinz. Er wird Prinz Friedrich Wilhelm zu Lippe angesprochen und wäre nicht einer der „Edelsten der Nation", kein richtiger Deutscher, wenn er nicht im Nebenberuf — sein Hauptberuf ist der Müßiggang — Monarchist und Antisemit wäre. Das eine bedingt das andere. Dieser hochgeborene Herr, trieb sich vor einem Monat in Essen herum, wo er seinen arischen Leidenschaften fröhnte und das Pech hatte, von einer französischen Patrouille verhaftet zu werden. Es wurde in seinem Besitz ein Totschläger und neben den Legitimationspapieren eine Fahrkarte „zur Reise nach Jerusalem, aber nicht zurück", gefunden. Se. Hoheit erklärte diese Karte als Juxartikel, der an die Juden des Ruhrgebietes verteilt wurde. Die Franzosen scheinen für solche Scherze Verständnis und Stimmung zu besitzen. Weniger Humoristischl fanden sie den Totschläger, und nahmen den Besitzer der verbotenen Waffe mit sieben Millionen Mark in Strafe. Ein gewöhnlicher Verbrecher aus der misera plebs wäre in einem ähnlichen Falle kurzerhand an die Mauer gestellt und niedergeknallt worden. Aber der deutsche Gott verläßt keinen Prinzen, der sich als Monarchist und Antisemit betätigt. Sie spotten ihrer selbst. Knüppel-Kunze kann auch spaßhaft sein. Neben seiner Hauptradauschrist „Deutsches Wochenblatt" gibt er auch ein „Deutsches Witzblatt" heraus, in dem der satyrifche Gummiknüttel gegen Juden und Judenfreunde geschwungen wird. Die Nummer vom 4. v. M. verzapft ein „Die Offensive" betiteltes Gedicht, dessen zweite Strophe wir zur allgemeinen Ergötzung nachstehend wiedergeben: Alles tapfere Schwadroneure Mit geladenem Gewehre Greifen sie die Weiber -an Und mit spitzem Bajonette Geh'n sie mutitz auch, ich wette, Ava-nzig gegen einen Mann. Angesichts der Heldenstücke, die von den Wiener Knnzeanern anläßlich des Magnus Hirschfeld-Vortrages geleistet wurden, -möchten wir die -übernommene Strophe -sinngemäß so mutretren: Hakenkreuz-geschmückte Jungen Sind im Saale eingedrungen, Schlugen dort ans Frauen los, Stinkbomben und Handgranaten, Zeugten dort von Heldentaten, Machten deutsches Wesen groß. <3. Die unsterblichen Weisen von Zion. Der verbrecherische Wahnsinn der deutschen Antisemiten, der sich der Legende von den „Weisen von Zion" trotz aller gegenteiligen Feststellungen bedient, hat zu einer StrafhaNdlnng gegen den -verantwortlichen Redakteur des Hetzblattes „Ans Vorposten" Pastor Vierow und den Herausgeber Hauptmann a. D. Ludwig Müller geführt. Privatklä-ger war der ehemalige Finanzniinister Georg Gotth-ein, der -von dem Sudelblatte beschuldigt wu-rd-e, er habe den Umsturz verschuldet und sei ein bezahlter Vorsitzender -des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus". Das Lanidesgericht verurteilte -bloß den Herausgeber Müller zu einer Geldstrafe von 600 Mark, weil die grundlose Beleidigung nur in /der „Hitze des ^Gefechtes" gefallen. Auch ein Standpunkt! Theater, Kunst und Literatur Sarah Bernhardt ist am 26. März, um 8 Uhr abends, gestorben. Rosine Berhardt, später Sarah genannt, wurde im Jahre 1844 als Tochter jüdischer Eltern in Paris geboren. Schon in jungen Jahren debütierte sie im Odeontheater, wo sie auch ihren ersten Erfolg errang. Sarah Bernhardt war die größte Tragödin und von vielseitigen Können. Sie versuchte sich auch mit Erfolg als Malerin, Bildhouerin und sogar als Schriftstellerin. Seit dem Jahre 1900 leitete sie in Paris ihr eigenes Theater und betätigte sich dort nicht nur als Direktorin, sondern auch als erste Darstellerin. Im Jahre 1880 ist Sarah Bernhardt auch in Wien längere Zeit ausgetreten. Die inl Insel-Verlag, Leipzig, erschienenen Bände IV und V vom „Born Judas" (Legenden, Märchen und Erzählungen), gesammelt von M. I. bin Gorion, bringen Proben aus „Prinz urob Derwisch", „Katila und Dimua", „Menorath hamaor", Bachja, aber auch aus nichtjüdischen Quellen. Alle an den früheren Bänden gerühmten Vorzüge eignen auch den vorliegenden. Die sinngetreue und doch flüssige Ueberfetzung machen diese musterhafte Sammlung, zu einer wertvollen Bereicherung jeder jüdischen Bücherei, die gediegene Ausstattung einen geschmackvollen Geschenkwert. — Derselbe Verlag hat sich um die jüdische Literatur durch die von H. B r o d y und M. Wiener besorgte Herausgabe einer „^ntbvlosis hebraica" ein weiteres hohes Verdienst erworben. Dieser erste Band enthält Gedichte seit der Zeit nach Abschluß des biblischen Kanons bis zur Vertreibung der Juden von der pyrenäischen Halbinsel. Zahlreiche alte Bekannte kommen in diesem schmcken neuen Gewände erst so recht zur Geltung. Die Ausgabe darf als vorbildlich bezeichnet werden. Besonders ist aus die Einleitungen der Herausgeber hinzuweisen. G. Pessach-Hagada, mit Einleitung (I—XXXV), Erklärungen und Anmerkungen (hebräisch) von Schewach Knöbil, Wien 5683, Verlag „Menorah", Wien-Berlin. Die Hagada, das „Erzählungsbuch", welches in jedem jüdischen Hause an den beiden Sedernächten verlesen wird, gehört zum Schönsten, was uns an überliefertem Gut erhalten -blieb. Uralt muten uns ihre Erzählungen, Hymnen und Gebete und die an sie gebundenen Gebräuche an. Doch nur wenige wissen, wie diese Gebräuche und Erzählungen entstanden sind. Knöbil untersucht dies in langen Ausführungen und gibt uns gestützt auf eine erstaunliche Fülle von Feststellungen in verschiedenen Büchern des alten jüdischen Schrifttums in dieser Richtung einer: geschichtlichen Ueberblick. Man muß sagen, daß uns ein solches Buch fehlte, und der Verfasser hat durch seine Zusammenstellung gewiß eine Lücke in unserer Literatur ausgefnllt. Auch in den Erklärungen zum eigentlichen Texte steckt so mancher originelle Gedanke. Man kann aus dieses scheinbar unansehnliche Buch das alte Wort: „Wende es her, wende es hin, alles ist darin" (Aboth, Abschn. V, 27) anwenden und dem rührigen Berlage gebührt Dank, daß er in dieser schweren Zeit die Drucklegung dieses Buches besorgt. B. Ist die Liebe tot? Erzählung von Dr. Heinrich H e rb a t s ch e k. Gesellschaftsv erlag, Wien, 2. -Betz., Praterftmße 13. — In unserer, von den Ausbrüchen des Rassen-