Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 7 (1.4.1923)
- Date
- 1923-04-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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sich darauf zu besinn«:, daß tatsächlich Ruhe des Staatsbürgers erste Pflicht ist, die Pflicht der Selbsterhaltung. Zur Naturgeschichte der Hakenkreuzler. Unter dem Titel „Swastika" brachte der „Morgen" einen Aufsatz von Maximilian Harden, der sich geschichtlich und philosophisch mit den Bewegungen der deutfchn-ationalen Judenverfolgungen befaßt. Maximilian Harden, bekanntlich selbst von Geburt Jude, dann aus Gründen der Zweckmäßigkeit Täufling, hat im Alter seelisch heimgefunden, was nach seinen Erlebnissen mit den deutschen Mordbuben sehr begreiflich ist. Aus dem unübersehbaren Rüstzeug feines Wissens schöpft er Argumente gegen die verbrecherische Torheit der Uoberdeutschen. Wie sollten sie auch nicht? Hat doch ihr Idol und Abgott, der letzte Hohenzollern-Herrscher — allerdings nachdem er das Spiel um Szepter und Krone verloren — das allerhöchste Kommando über die Hakenkreuzler an sich gerissen. Von pikanten: Interesse ist es, was dieser'Wilhelm, in den Tagen seines Glanzes Freund und Nachläufer prominenter Juden feines Reiches, ihnen anzudichten wagt: „Oft sagte ich dem Kaiser Franz Joseph, unter zwemndzwanzig seiner ungarischen Minister seien immer neunzehn Inden." (Nur? Zwei Tisza, zwei Andrassy, Weckerlei, Ächponyi, Khuen, Zichy, Kossuth, Bnrian, all die weniger namhaften Kernmagyaren: die Judenquote muß höher gewesen sein.) „Von diesem Volk stammt alles Unheil der Welt. Die Welt muß sie ausstoßen. Am besten wär's, alle Juden zu henken." So der ehemalige Freund seiner Hausjuden B a l l i n und R a t h e n a n. Eine seine Nummer, dieser kaiserliche Hohlkops und Charakterfatzke! Er hat Schule gemacht unter seinen uniformierten und nichtuniformierten Lakaien von Ludendorff bis Fritsch. Harden weist in glänzenden Ausführungen auf alle Gefahr und Schmach, aus «alles Unrecht und Verrückte frer Hakenkreuz lerseuche hin. Leider ein Prediger mehr in der Wüste, der am wenigsten jene aufklären wird, die zu den ewig Blinden zählen. Der Sommer des Mißvergnügens. Immer bevor noch die ersten Schnepfen durchs Gefilde streichen, bemächtigt sich unserer guten Gesellschaft ein Erregungszustand und gewisser Wandertrieb nach ländlichen Gegenden, dort für die schöne Zeit ihre Zelte anfzuschlagen. Soweit hierbei das jüdische Element in Betracht kommt, hat es in den letzteren Jahren stetig unliebsame Beobachtungen gemacht. Das Prinzip der Judenreinheit kommt bei unseren biederen Landleuten immer weiter zur Geltung. Unverkennbar ist hier die Agitation der völkischen Hetzer. Im Kamptal, in der Wachau, selbst in dem nichts weniger als pitoresken Tullnerfeld schmücken sich die Bauernhäuser mit den abweisenden Zetteln: An Juden wird nicht vermietet. Anderseits weiß die Einwohnerschaft den Antisemitismus lohnend zu praktizieren. In einem Flecken an der lokalen Südbahnstrecke forderte der Besitzer eines Anwesens von der sommerwohnungsuchenden Partei für zwei keineswegs den Gipfel der Kultur bedeutenden Zimmer und Küche die beispiellose Miete von schreibe 10 Millionen Kronen! Motiv: „Die Juden haben Geld, sie sollen nur zahlen." Es gibt wohl Gegenden, wo die jüdischen Sonrmevfrischler gegen wahnsinnige Zahlung toleriert werden, aber man läßt sie es fühlen. Besonders die holde Jugend kann sich da an Unfug und Bosheit nicht genug tun. Es sind dann eben die unverantwortlichen Elemente, aus die man sich ausreden kann. Es liegt unter solchen Verhältnissen' die Frage, ob die großen Opfer der jüdischen Sommerfrischler mit den Gegenleistungen in Einklang gebracht werden. Zu den Imponderabilien des Landaufenthaltes zählen doch die Ruhe des Gemütes, das Einfühlen in das Millieu. Schon der weise Salomvn hat gelehrt: „Besser ein Stück trockenes Brot in Frieden, als eine Schüssel Braten in Zank.". So ist es wohl das kleinere Uebel fiir die Juden, jene ungastlichen Stätten zu meiden, wo sie nur Aergernisse und Demütigungen, vielleicht auch Gefahren erwarten, und die Stadtlnft zu atmen, die einigermaßen Sicherheit davor bietet. Im vorigen Jahr hat eine jüdische Zeitschrift in Deutschland den Glaubensgenossen Ratschläge für das Verhalten der Glaubensgenossen in Bade- und Erholungsorten erteilt. Besonders - empfohlen wurde bescheidenes, zurückhaltendes, jeden aufreizenden Luxus vermeidendes Benehmen. Mer auch das bietet keinen Schutz gegen Verunglimpfungen, denn bekanntlich kann auch der Bravste nicht in Frieden leben, wenn es dem bvsen Nachbarn nicht gefällt. Und wo gäbe es jetzt durch die systematische Verhetzung durch Schürung des Klassen- und Rassenhasses nicht böse Nachbarn, die ihre Bosheit den Inden nicht empfinden ließen? Selbst viele der aus Fremdenindustrie eingestellten Kurorte können es sich nicht versagen, ihre während der Saison eingekaiupferte Judenfeindlichkeit gelegentlich zu lüften. Wer also halbwegs, den Konflikt mit dem gehässigen Volkstum der arischen Bodenständigen meiden kann, der ersprae sich einen Sommer des Mißvergnügens. Der Jude hat schon Größeres durchgestanden als den Verzicht auf die sehr problematischen Freuden eines Landaufenthalt es. Zurückgelegte Ehrung. Der jüdische General Popper, eine unübertroffene Kapazität aus dem Gebiete des Kriegsschifsbaues, der seine außerordentliche Begabung bei Ausbruch des Krieges in den Dienst der österreichischen Marine stellte, obgleich ihm vom feindlichen Anslande die verlockendsten Angebote gemacht wurden, die er als aufrechter Patriot ablehnte, wurde von der Wiener Technischen Hochschule zum Ehrendoktor ernannt. Damals galt in Anlehnung an einen Ansspruch Wilhelm II. das Wort: „Wir kennen weder Inden noch Christen, nur Oesterreicher". Später las mans freilich anders und die Wiener Technische Hochschule, die den Juden Popper zum Ghrenrektor ernannt hatte, war auch die erste, die aus ihrer Machthoheit den uameru8 clausus für ausländische jüdische Studenten einführte. General Popper zog aus dieser Tatsache die richtige Folgerung, er stellte dieser Hochschule ein Diplom zurück, das unter den gegebenen Verhältnissen nicht zu besitzen eine Ehre ist. (Vgl. die Notiz „Ein Ehrerljude der Wiener Technik" in voriger Nummer.) Michels Pech. Herr Hans Kipper, Schriftleiter des strammantisemitischen Hetzblattes „Michel", Wien, Graz, Leipzig und überall wo Hakenkreuzler sich herumtreiben, dient mit tausend Argumenten zum Beweis für die Gefährlichkeit der Juden. Unter anderem schädigen sie das brave deutsche Volk durch das Erblaster des Wuchers. Nun, wir sind gewiß die letzten, die den durch das Gesetz Moses un!d ethisches Empfinden verbotenen Wucher, verteidigen möchten, und waren bisher der naiven Meinung,, daß die völkischen Moralprotzen ebenso die letzten sein müßten, die einer derartigen Schändlichkeit fähig wären. Aber, o des Jammers! Da lesen wir, daß eben dieser Kämpfer für deutschnationale Tugend und arische Seelenreinheit, derselbe Herr Kipper, wegen Wuchers unter Anklage gestellt wurde. Schon der alte biedere Logau hat sich darüber be-