Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 7 (1.4.1923)
- Date
- 1923-04-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 7 Die Wahrheil Seite 15 ich nicht weiß, welche es sein soll. Wenn von dein llniversickitsrichter die Rede wäre, so wollte ich es mir gefallen lassen, aber aus meiner akademischen Erinnerung weiß ich nicht, daß der Dekan oder Rektor obrigkeitliche Gero alt ausübt, den einzigen Fall ausgenommen, daß man ihm den Handschlag gibt auf Befolgung der akademischen Gesetze. Ich will zum Schluß die verehrte Versammlung nur an den Grundsatz erinnern, zu dem sie sich bei mehreren Gelegenheiten in überwiegender Mehrheit bekannt hat, an den Grundsatz, nicht konfessionelle Unterschiede dahin zu bringen, wo sie nicht h i ngehören, und nicht da, wo es sich nicht um die Religion handelt, sondern nur um wissenschaftliche Tendenzen, den konfessionellen Standpunkt festzuhalten." Vinke schloß seine Ausführungen mit den Worten: „Ich glaube, wenn Spinoza und Mendelssohn heute an der Berliner Universität sich habilitieren wollten, sie alle Ursache hätte, sich dazu zu gratulieren." Hoch tönt das Lied vom braven Mann! In unseren! Falle heißt er Dr. G r n n z e l und ist Rektor der Hochschule für Welthandel. Wie bekannt, hat Herr Rektor Hofrat Dr. Grunzet in rühmlichem Gegensatz gegen den Rektor der Universität im nationalen Streit unter den Studenten den Standpunkt der Gerechtigkeit soweit behauptet, daß er in Konsequenz seiner Haltung das Rektorat niedergelegt Mid mir aus dringenden Wunsch des Professorenkollegiums wieder angenomnien hat. Run ereignete sich Samstag, beit 17. März das folgende Nachspiel: Die in der genannten Hochschule vertretene Sektion der jüdischen Hochschülervereinignng „Indaca" hielt an diesem Tage, wse alljährlich, ihre Generalversammlung ab. Der Herr Rektor hatte für diesen Zweck einen Raum der Anstalt zur Verfügung gestellt und war, der -Einladung folgend, vor Eröffnung der Versammlung als Gast erschienen. Wieder im wohltuenden Unterschied gegen den Universitätsrektor dankte Herr Hofrat Dr. Grunzet der „Indaea" dafür, daß sie ihn in Ausrechthaltnng der Ordnung wirksam unterstützt habe. Mit eiiiemmal drang von der Gasse her ein ohrenbetäubendes unartikuliertes Gebrüll, wie von wilden Tieren. Die „arischen" Hörer der Anstalt stürmten unter Sukkurs der herbeieilenden Gesinnungsgenossen von der Hochschule für Bodenkultur gegen die Anstalt vor, um die Inden hinauszutreiben. Da trat der Rektor ihnen entgegen und erklärte, die Inden hätten von ihm die Erlaubnis zur Abhaltung der Versammlung in der Anstalt erhalten, er deckte den Eingang in d e r An st aff mit s einem Leib e. Es eilten einige Professoren herbei, die ihren Rektor in dieser mannhaften Abwehr 'bestialischer Roheit unterstützten. Herr Hosrat Dr. Grunzet führte zunächst die jüdischen Hörerinnen durch die Rotte der Demonstranten und erwirkte dann den übrigen Teilnehmern den freien Abzug. Es ging aber nicht ohne Leibesvisitation nach Waffen ab. Die Wut dieser Verbrecher gegen die Ehre der Anstalt und der Wiener Bürgerschaft hat sich dadurch gesteigert, daß einige dieser Rowdies, denen beim ersten Ansturm das Eindringen in die Anstalt gelungen war, von der jüdischen Gegenpartei tüchtig Prügel erhalten hatten. Eine solche Tat, wie die des Herrn Rektor Grnnzel, verdient dem Gedächtnis überliesert zu werden. Solange Wien Männer solch liberaler, will sagen: anstäudiger Gesinnung aufweift, brauchen wir nicht an seiner Zukunft zu verzweifeln. Gegen den Uni- .«wrsitätsrektor sollte jeder Jude aber auch damit Stellung nehmen, daß er keinen Aufruf unterfertigt, der den Namen dieses Mannes trägt. Es gehen jetzt wieder Hilferufe für Wiener Notleidende ins Ausland. Da man dort auf jüdisches Geld reflektiert, fordert man auch hier Juden zur Mituntersertigung ans. Wir empföhlen dringend, die Unterschriften dieser Aufrufe zu prüfen, um nicht zu einer Irreführung der Juden des Auslandes beizutragen. Alldieweil und simemalen derlei schon passiert sein soll! R. Bom akademischen Kriegsschauplatz. Seit der berühmten Schlacht im Rathausviertel und Votivkirchen'- platz, bei der sich germanische Jünglinge mit heldischem Mut gegen einzelne jüdische Männer und Frauen erwiesen, hakenkreuzgeschmückte Sturmtruppen aus Trambahnwagen semitische Fahrgäste herausholten und deutsche Hiebe den turor teutonicus hell erstrahlen ließen, will die Studentenschaft nicht zur Ruhe kommen. ^Kvar hat der Polizeipräsident Schober einer jüdischen Abordnung unter dem Eindruck der Ereignisse, des schwarzen Samstags versichert, daß ähnliche Vorfälle in Wien nicht mehr stattfindeu werden, aber es gibt Umstände, die stärker als gewöhnliche Menschen sind. Und Herr Schober ist schließlich n>ur ein Mensch. Tatsache ist und bleibt, daß die Berichte vom akademischen Kriegsschauplätze immer noch eine Schmach der gepriesenen Kulturstadt Wieu bedeuten und nur wenig hinter den Zuständen in der Hunnenzentrale Zurückbleiben. Bei näherem Zusehen ergibt sich zwischen hüben und drüben ein gewisser Parallelismus; ergibt sich, daß die Verantwortlichen hier wie dort nicht nur eine wohlwollende Neutralität, sondern zuweilen Parteinahme für die sich ins Unrecht setzende Partei bekunden. Was den ungarischen Machthabern recht ist, muß den österreichischen billig sein. Nur in einem Punkte will die Rechnung nicht stimmen. Ungarn ist ein unabhängiges Staatswesen, mir keinerlei Völkerbnndbefehlen, keinen Genfer Protokollen, keinem Generaloberkontrollor Zimmermann belastet, wie es dem gewerbemäßigen Bettelvolke unserer alpinen Republik von einem grausamen Schicksale bvschieden wurde. Ungarn kann schlimmstensalls auch ohne Auslandskredite bis ans weiteres fortbesteh en, während Bundeskanzler Seipel, der ewige Reisende eines zahlungsunfähigen Hauses, nicht müde wird, nach jeder mißlungenen Spritzfahrt zu versichern, daß wir ans einer bitterbösen Gegenwart in eine rosige Zukunft steuern, wenn wir uns nur des Vertrauens der maßgebenden Geldmächte, unseres guten Rufes bei diesen würdig verhalten. Woher aber dieses Vertrauen kommen, dieser guter Ruf gewahrt bleiben soll, wenn diese uralte Kulturstadt, dieses ganzd Staatswesen, dessen Kleinheit, Schwäche und Ohnmacht in krassem Mißverhältnisse zu seinen Ansprüchen steht, der inneren Ruhe entbehrt, das verschweigt der unentwegte Dauerredner. Man läßt sich im Aus lande kein 36 für ein U vorschwindeln, weiß recht gut, daß die bedenklichen Kreise, die es mit dem numerus clausus bekommen haben, beiden jüdischen Studenten nicht halt machen würden, weiß, daß Losung und Feldruf „hinaus mit den Juden" nicht den semitischen Studenten allein gilt, sondern der Auftakt zu einer Pogrombewegung sein soll, und die um Plan und Zisl der Bodenständigen Wisienden werden sich wohl hüten, für den akademischen Kriegsschauplatz Waffen und Munition zu liefern, denn auch ftir den Bürgerkrieg braucht mau Geld, Geld und wieder Geld. Das reiche Ariertum der Schwerindustrie wird es auch nachgerade müde, Subsidieu zu leisten. Die Augenauswischerei mit dem Wiener Messersegen kann auch nicht mehr verfangen. Es ist deshalb für alle Horthywahlverwandten die zwölfte Stunde,