Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 7 (1.4.1923)
- Date
- 1923-04-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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lässigt. Mali hörte nichts davon, daß eine Dieser großen wirtschaftlichen Korporationen für den Schutz ihrer Mitglieder eingetreton wäre. Er freue sich daher, daß sich einige herzhafte Männer gefunden haben, die sich sagen, daß Schweigen eine Unterlassungssünde wäre. Es müsse vor allem nachdrücklichst Protest gegen die Schlappheit und Schwachheit dieser Korporationen erhoben werden. Auch müsse nachdrücklichst die Pflichtvergessenheit einzelner Korporationen betont und darauf hingewiefen werden, daß die Kaufmannschaft dem verräterischen Spiele gewisser Leute nicht länger ruhig zusehcu werde. Redner verweist auf die W a r e n u m s a tz st e u e r, die am l. April in Kraft treten soll. Man habe dabei gefunden, daß von dieser Steuer auch die Kommissionäre und Handelsagenten zu erfassen wären, das heißt, es soll dererr Provision von der Warenumsatzsteuer belastet werden. Man sollte nun meinen, daß in allererster Linie die Handels- und Gewerbekammer in dieser Angelegenheit in öffentlichen Kundgebungen das Wort nehmen werde. Vielleicht kam die Gegnerschaft der Handelskammer gegen diese Absicht nur innerhalb der vier Wände und bei geschlossenen Türen zum Ausdruck. Nach außenhin verhält sich die Handels- und Gewerbekammer auffallend still und es ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß auch bei dieser Sache der Sekretär der Handelskammer, der bekannte Dr. Conrad, seine Hand im Spiel hat. Was diesen Herrn anbelangt, so habe er schon manches auf dem Kerbholz. Redner erinnert an die Broschüre, die dieser Herr in der Kriegszeit verfaßt habe, in welcher er die Handelsagenten als Parasiten und als Verteurer des Lebens bezeichnet^ obzwar er als Beamter der Handelskammer von dem Gegenteil überzeugt sein müßte. — Wir erinnern daran, daß unser Rechtsschutzbüro gegen den Judenboykott in Tirol in einer Eingabe an das Justizministerium, deren Wortlaut wir in der vorigen Nummer veröffentlichten, bereits Stellung genommen haben. Eine kommunale „Amtsperson" als Antisemit. Unserem Mitarbeiter Schriftsteller Chaim Bloch beanständete der Tramwayschaffner I. Weisselberger den Fahrschein — wie übrigens durch die Straßenbahndirektion festgestellt tourde — völlig grundlos. Da Bloch behauptete, sein Fahrschein fei in Ordnung und sich weigerte, dem Verlangen des Schaffners, er möge aussteigen, Folge zu leisten, ließ dieser seinen antisemitischen Roheitsinstinkten freien Lauf und zerrte Bloch mit den Rufen: „So ein jüdischer S chw indler! Das sind jüdische Tricks und Listen!" vom Wagen. Der Vorfall, der sich in der Wallensteinstraße abfpielte, erregte beim Publikum lebhaftes Aufsehen und große Entrüstung, da Weisselberger seine rüden Schimpfworte auf der Straße fortsetzte. Mur hatte sich der höfliche Schaffner vor dem Bezirksgericht Leopoldstadt wegen Ehrenbeleidigung zu verantworten. Er behauptete, nirr von „jüdischen Tricks" gesprochen zu Haben, das Wort „jüdischer Schwindler" habe er nicht gebraucht. Durch Zeugen des Vorfalles wurde jedoch festgestellt, daß der Held im Amtskleid die Schimpfworte, wie sie die Klage angibt, gebraucht und Bloch ans dem Wagen gezerrt hat. Nun gab Weisselberger eine Ehrenerklärung ab und erklärte sich bereit, die Kosten zu.tragen. Bloch gab sich mit der Ehrenerklärung zufrieden, da er, wie er sagte, ein Beweis und Beispiel gegeben werden solle, daß der Jude sich nicht widerstandslos beschimpfen lasse, aber nicht die Bestrafung des Mannes durchführen wollte, die dem Weisselberger, der Familienvater ist, eine empfindliche Disziplinarstrafe einbringen könnte. d.. Mitteilungen ans dem Zentralvorstaud. Dr. Ludwig Holländer, der Syndikus des „Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in Berlin, weilte in der Zeit vom 10. bis 17. März in Wien, und trat hier mit einer Anzahl namhafter Persönlichkeiten der Judenfchaft in nähere Verbindung. Dr. Holländer leitet seit 23 Jahren den Berliner Zentralverein, mit welchem uns seit ebenso langer Zeit herzliche Beziehungen verknüpfen, und es gereichte uns zur aufrichtigen Freude, unseren verdienten Kampfgenossen bei uns begrüßen zu rönnen. In einer Sitzung des erweiterten Vorstandes der „Union deutschösterreichischer Juden" gab Herr Dr. Holländer ein ausführliches Expose über die Zusammenhänge der völkisch-antisemitischen Bewegung in Deutschland mit jener in Oesterreich und über die zahlreichen Fäden, welche zwischen den monarchistischen Parteien der beiden Staatsgebiete gesponnen werden. In eingehender Weise erörterte der Redner auch das umfassende System der Abwehrorganisation des „Zentralvereines" und bot namentlich in diesem Teile seiner Ausführungen eine Fülle wertvoller Anregungen für die österreichische Judenschaft. Am letzten Tage seiner Anwesenheit in Wien hielt Dr. Holländer vor den vereinigten Logen der B'uai-B'rith einen in Form und Inhalt gleich ausgezeichneten Vortrag, in welchem er insbesondere auf die Notwendigkeit hinwies, durch gründliche Aufklärungsarbeit in Wort und Schrift dem antisemitischen Gifte entgegenzuwirken. Von Wien begab sich Herr Dr. Holländer begleitet vom Sekretär der „Union" nach Salzburg urrd Innsbruck, um auch im Kreise der dortigen Glaubensgenosien, in denen er herzlichste Aufnahme fand, für die gemeinsamen Zwecke zu wirken. Aus unseren Mitgliedschafreu. Salzburg. Am 17. März begrüßten wir in unserer Ortsgruppe beit Syndikus des „Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" aus Berlin, Herrn Dr. Ludwig Hollände r, und den Sekretär der „Union" Herrn Siegfried Fleischer. Nach herzlichster Bewillkommnung beider Herren durch den Vorsitzenden Herrn Otto L ö w y, entwickelten dieselben in längeren Ausführungen die Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses aller jüdischen Gruppen zum Zwecke der erfolgreichen Bekämpfung der auch in unserer Stadt mächtig anschwelleuden antisemitischen Bewegung. Dr. Holländer war in der Lage, auf Grund eingehender Erhebungen die engen Beziehungen aufzudecken, welche zwischen dem Treiben der Hakenkreuzler in Salzburg und in München bestehen. Eine wirksame Bekämpfung dieses Treibens sei nur möglich, wenn die Mittel zu einer erhöhten Abwehrtätigkeit aufgebracht und die Notwendigkeit begriffen werde, in unausgesetztem Zusammenwirken mit dem Zentraloorstande der „Union" jedem Angriffe^sofort und mit allen gesetzlichen Mitteln zu begegnen. — Sekretär Fleischer forderte die Ortsgruppe Salzburg zu intensiverer Betätigung aitf und gab die Versicherung, daß dem Zentralvorstande das Wohl und Wehe der in dieser Ortsgruppe auf exponierten Posten stehenden Glaubensgenossen besonders am Herzen gelegen sei. Der Versitzende dankte den beiden Rednern herzlich für ihre Ausführungen und versprach namens aller Versammelten, daß unsere