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Die Wahrheit · 1923-04-01 · Heft 7 (1.4.1923) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 7 (1.4.1923)
Date
1923-04-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Seite li Nr. 1 D i e W ahrhelt zähem Willen durchgesührt wird. In tausend Verzweigungen und Verästelungen macht sich die wirtschaftliche Arbeit amd die Tüchtigkeit der Juden in Stadt und Staat geltend, aber wir können sie nur leisten, wenn der Staat unser primitivstes Recht, das der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, rms voll und ganz gewährt. Der maßlosen Agitation der Gegner muß eine zielbewußte und energische A u sklärungstätigkeit von unserer Seite gegenüber gestellt werden, damit auch der einer Belehrung zugängliche Teil der christlichen Bevölkerung — und dieser Teil ist noch immer die überwiegende Mehrheit — von den Gefahren eines Umsturzes durch die judenhetzerische Propaganda überzeugt werde. Das ist die nächste und dringendste Aufgabe des vereinigten Vollzugsausschusses! Siegfried Fleischer. Die antisemitische Letze in den Alpenländern. Die „Nene Freie Presse" brachte am 21. März die nachfteihenlde Mitteilung: „Einige Innsbrucker Zeitungen veröffentlichen täglich Verzeichnisse nicht liur jüdischer, sondern mit dem Judentum in irgendeinem Zusammenhalte stehender Industrieller, Gewerbetreibender und Kausleute, und fordern das Publikum auf, bei diesen Unternehmern nicht nur nichts zu kaufen, sondern mit ihnen überhcnlpt jedeVerbindung abzubrechen. In den Zeituligeu werden Ankündigungen veröffentlicht, die direkt zu Raub und Aufruhr auiffordern, ohne daß der Staatsanwalt sich irgendwie «bemüßigt sieht, emzujschreiten. Eine Reche Wiener Geschäftsleute hielten nun geistern eine äußerst bckv-egte Bersunlurlung ab, die sich mit diesen Vorgängen beschäftigte und nach längerer Deti-atie einstimmig nachfolgende Resolution annahm: ,Die Ve-vsammelten stellen mit größter Entrüstung und tiefstem Bedauern fest, daß die für unser Wirtschaftsleben so tieftraurige anÄsemitffche Bewegung d-as Gebiet der Politik zu verlassen und das der W i r t s ch a f t z n ergreifen beginnt. Nicht nur, daß es den Staatsgrund- und Strafgesetzen widerspricht, daß öffentlich in Innsbruck ein derartiger Kataster ausgestellt wird, in demselben Maße ist es auch erstaunlich, daß die dortigen wirtschaftlichen Körperschaften nichts zum Schutze der jüdischen Milglieder unternehmen. Das U e b e r g r e i s e n «dieser Bewegmrg muß nun einerseits verhindert werden, anderseits auch die dortigen bedrängten Geschätsleuie, Gewerbetreibenden und Agenten geschützt werden. Die Wiener H «a n d e l s- und Gew erbe kämme r muß in gesetzlicher Wahrung der ihr anvertrauten Interessen und zur Beruhigung ihrer vielen tausenden jüdischen Wühler in Wien und Niederösterreich öffentlich erklären, daß sie d a s I n n s b r n ck e r Treiben als v erwe rflich«nnld w irts chaf tli ch schädlich bezeichnet und alles daran setzen werde, desseil Ausbreitung in Wien und Niederösterreich zu verhindern. Sollte die Kammer wegen ihrer Geschäftsführung das zu tun verweigern, dann werden sofortige N e u w a h l e n für die Kammer verlangt." Hierzu erhalten wir von einem Freunde unseres Wattes folgende Zuschrift: „Geehrte Redaktion! Ich habe in idtzn letzten Tagen eine Geschäftsreise nach Salzburg nnd Innsbruck unternommen. Da ich mich auch um öffentliche Angelegenheiten bekümmere, habe ich bei diesem Anlässe, wie ich stets gewohnt bin, die Lokalblätter von Sarzburig uüd Innsbruck einer Durchsicht unterzogen -und hierbei die Erfahrung -gemacht, daß in diesen Landeshauptstädten von allen Zeitungen ohne Unterschied der Parteien stellüng eine wilde Judenhatz betrieben wind. Dieser «gerstrgen Seuche sind «auch solche Blätter verfallen, welche «früher freiheitlichen Anschauungen huldigten und den Antisemitismus als eine reaktionäre nnd -kulturfeindliche Bewegung verdammten, so insbesondere das „Salzburger Volksblatt" -und die „Innsbrucker Nachrichten". Meine Geschäftsfreunde in diesen beiden Städten klagtendarüber, daß in den genannten Blättern die hakenkreuzlerische Bewegung gefördert wird und daß dabei jede Gelegenheit -ausgenützl wird, um die ansässigen Inden dom Spott nnd -der Mißachtung der christlichen Bevölkerung auszusetzen. Das Hakenkreuz lertum hat starke Beziehungen zu den Agitationen Hitlers in Bayern. Zn dem Fahnenweihefeft, das kürzlich in München stattgefunden hat und der bayrischen Regierung so -große Sorgen bereitete, gingen von Salzburg und Innsbruck Extrazüge, welche viele Hunderte von Teilnehmern in die bayerische Hauptstadt brachten. Namentlich Innsbruck ist zu einem Brennpunkte aller reaktionären Bestrebungen der deutschen Rechtsparteien geworden, und es ftuben dort wiederholt Konferenzen reichst» eutsch'er Monarchiftenführer wie Ehrhardt, L u d e n d o r f f ui®, statt, die sich des Antisemitismus zur Aufreizung der Bevölkerung bedienen. Der Innsbrucker Judenschast, welche selbst nach antisemitischem Zeugnisse aus durchaus loyalen und hochachtbaren Elementen besteht, hat der Landeshauptmann Doktor Stumpf anläßlich einer Beschwerde, die eine von dem 85jährigen Kultusvorsteher Herrn D a n n h a u f e r geführte Deputation wogen der Veröffentlichung des Judenkatasters im dortigen nationalsozialistischen Blatte bei chm vorbrachte, die Antwort erteilt, daß er dagegen nichts machen könne, weil die Wiener Juden durch Veranstaltung einer Protestversammlung die christliche Bevölkerung provoziert hätten und weil dies nun einmal die jetzige Strömung sei. Die Innsbrucker Behörden nehmen keinen Anstoß daran, daß jener Garagebesitzer, welcher den Mördern Rathenaus das Automobil beigestellt hat, aus welchem sie die tödlichen Schüsse gegen Rathenau abseuerten, sich in Innsbruck befindet und daselbst vollkommen freie Hand zu seinen Agitationen hat. Die Tatsache, daß auch Besitzer von Hotels und Kaffees in den antisemitischen Hetzblättern Salzburgs rrnd Innsbrucks inserieren und daß der Bürgermeister von Zell am See neulich an einer Hakenkreuzlerversammlnng in Salzburg teilgenommen hat, sind im Auslände nicht unbemerkt geblieben und au viele meiner Geschäftsfreunde in den Alpenlaudern und in Wien gelangten in den letzteren Wochen Anfragen von solchen Personen aus dem deuffchen Reiche, welche die Salzburger und Tiroler Sommerfrischen seit Jahrzehnten mit Vorliebe auffuchen, ob es denn noch ratsam sei, in unsere Alpenlander zu kommen und ob die Sicherheit jüdischer Sommergäste gewährleistet werden könne. Mit Rücksicht darauf, daß die Hakenkreuzler nnd die Tiroler Heimwehren über große Wafsenlager verfügen und fortgesetzt militärische Uebungen veranstalten, laßt sich diese Frage nicht mit einem absoluten Nein beantworten. Es ist klar, daß diese Zustände nicht nur auf den Fremd enbesuch im kommenden Sommer einen nachteiligen Einfluß üben müssen, sondern auch aus die Fremdenindustrie, von welcher zahlreiche Firmen in Tirol und Salzburg leben, aus das schwerste schädigen, und es ist mir unbegreiflich, warum die Interessenten des Fremdenverkehrs in Salzburg, Zell a. S. Kitzbühel, Innsbruck, Jgls, Mayerhofen usw. der Duldung «dieser Hetzereien ruhig zusehen, statt

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