Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 7 (1.4.1923)
- Date
- 1923-04-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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'Veröffentlichungen der „Union deutscbösterreicbiscber 'Juden“ ffiien ix., Berggaffe 4 Postfv arkassrnkarrlo Ur.^464 Telephon Ur. 19-8-77 Die Kundgebung der Wiener Iudenschast. Die in eineni gemeinsamen Vo llzugsausschuß vereinigten jüdischen Parteien und Korporationen Wiens haben .am 14. März eine eindringliche und würdige Kundgebung beschlossen, in welcher ans die in Plakaten, Druckschristen und Versammlungen betriebene Ausreizung zu Hatz und Gewalttätigkeiten gegen jüdische Bürger, aus die Verunglimpfung ihrer Glaubenslehre durch Erdichtungen - und Entstellungen und ans die Bestrebungen nach Einschränkung der Lehr- und Lernsreiheit hingewiesen und die Regierung aufgesordert wird, dieser die Staatsautorität im Innern und das Ansehen der Republik nach Außen schädigenden Bewegung mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln entgegenzutreten. Die Kundgebung schließt mit der Erklärung: „Die Judenschaft Wiens und Oesterreichs ist fest entschlossen, jeder Beeinträchtigung ihrer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung und der Schmälerung ihrer bürgerlichen und politischen Rechte entschieden Widerstand entgejgenzusetzen ". Es geschieht zum ersten Male, daß die Iudenschast Wiens und Oesterreichs sich e i u h c i t l i ch und g eschlossen «gegen die antisemitische Hetze in Stadt und Land zusammensind et, daß unter Rückstellung aller Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Judenschaft der feste Wille kundgegeben wird, sich der Beeinträchtigung der verfassungsmäßigen Rechte zu widersetzen. Der Beschluß der Wiener Juden, der unter den Glaubensbrüdern im ganzen Staate, lebhafte Zustimmung gesunden hat, ist nach dieser Richtung von symptomatischer Bedeutung. Er manifestiert eine Solidarität in unseren eigenen Reihen, welche bisher gefehlt hat und uns von den Gegnern nur fälschlich zugeschrieben wurde, und den entschlosienen Willen, nicht nur die brutale Hetze der Gegner, sondern auch deren bisherige passive Duldung durch die Regierung mit aller Energie zu bekämpfen. Mit Recht betont die Kundgebung., daß die jüdischen Bürger dieses Staates sich treu zur Republik bekennen, Leid und Freud dieser Staatsgemeinschaft teilen und ihre Pflichten gegen die Gesamtheit stets erfüllt haben. Die gegenwärtige Regierung bietet das unerhörte Sauspiel, daß sie ruhig zusieht, wie treue Stützen des Staates durch dessen geschworene Feinde erniedrigt, verfolgt und bedri'ickt werden. Sie lenkt auch die Aufmerksamkeit des Auslandes, zu welchem dieses unglückliche Staatswesen durch den Friedensvertrag von Saint-Germain in ein förmliches Hörigkeitsverhältnis gebracht wurde, aus diese unhaltbaren Zustände. Der Bestand Oesterreichs ist nur möglich, wenn hier Ruhe und Ordnung herrschen. Erschütterungen, wie sie durch die antisemitische Hetze hervorgerufen werden und früher oder später in ihren letzten Wirkungen zum Bürgerkriege sichren müssen, sind keine Empfehlung für die Gewährung der Kredite, welche uns durch die Vermittlung des Völkerbundes zusließen sollen. Es sind in den letzten Wochen au hervorragende jüdische Stellen mehrfache Anfragen ans dem Anslande gelangt, ob es richtig sei, daß bereits die konstitutionellen Rechte und Freiheiten der Juden in Oesterreich bedroht seien. Diese Anfragen sind gemäß dem patriotischen Geiste, welcher die österreichische Judenschaft trotz allem Schimpf und Unglimps beseelt, bisher stets in verneinendem Sinne beantwortet worden. Die Sorge um den Staat stand und steht uns noch immer näher, als nufere eigene Sorge. Die Regierung S e i p e l - F r a n k - W a b e r hat uns jedoch für unsere Hingebung und Treue nur schlechten Dank gewußt. Alle unsere Vorstellungen, Eingaben und Audienzen, in welchen wir gegen die Hetze der völkischen Elemente und gegen behördliche Verfügungen, die einen ausgesprochen antisemitischen Charakter tragen, Beschwerde führten, sind wirkungslos geblieben. Da blieb letzten Endes nichts anderes übrig, als dieser Notschrei der vereinigten Wiener Judenschaft, der nunmehr in der ganzen gesitteten Welt gehört und verstanden werden wird. Wir sind im allgemeinen keine Freunde von papierenen Protesten. Nicht das Wort, sondern die T a t befreit! Wenn diese Kundgebung nicht ein leeres Wort, sondern eine wirkliche Tat bedeuten soll, dann muß die österreichische .Judenschaft sich zu einer k r ä f t i g ere n un d ft ä rk e r e n Aktivität aufraffen als bisher. Unsere antisemitischen Feinde operieren mit der Lüge, daß die Juden einen überragenden Einfluß auf alle Gebiete des öffentlichen Lebens ausüben und daß sie Staat und- Gesellschaft durch ihr Geld und ihre Zeitungen beherrschen. Ein Blick in die Judenviertel beweist, in welchem Elend Hunderttausende des jüdischen Proletariats leben, ein Blick auf die sogenannten „Judenzeitungen" bekundet, daß diese Blätter mehr von der Rücksicht aus die Stimmungen und Strömungen ihres christlichen Leserkreises als von jener auf das Wohl der Juden geleitet sind. Die Phrase von der „Judenherrschast" entbehrt jeder Berechtigung. Wer deshalb sind wir doch nicht wehr- und waffenlos. Schon als Lu eger einmal in Wien den Asemitismus, das heißt die vollständige Losreißung der christlichen von der jüdischen Gesellschaft predigte, haben wir darauf aufmerksam gemacht, daß jüdische Arbeit und jüdische Werktätigkeit zu enge verknüpft sind mit dem Wohl und Wehe.dieser Stadt, als daß auf sie ohne weiters verzichtet werden könne. Er war einsichtig genug, die Richtigkeit dieser Behauptung anzuerkennen. Man versuche es nur einmal, die Gedankenarbeit und die Tüchtigkeit der Juden aus dem Leben und Wirken dieses Staates auszuschalten und man wird die Folgen davon ebenso rasch zu fühlen bekommen wie man sie in Spanien und in Oesterreich unter Ferdinand dem Katholischen zu spüren bekam. Nicht' einen beherrschenden, wohl aber einen belebenden Einfluß über die Inden aus das Wirtschaftsleben dieses Staates, und diese Erkenntnis zeigt uns auch den Weg, den wir zu gehen, haben, um dm Judenhetze wirksamen Widerstand zu leisten. Das Wort „Widerstand" in der Kundgebung des gemeinsamen. Vollzugsausschusses ist gewiß nicht in brutalem körperlichen Sinne zu nehmen. Dieser Widerstand kann nur ein geistiger und moralischer sein, aber er kann zu starken Wirkungen sichren, wenn er einheitlich organisiert und mit