Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 7 (1.4.1923)
- Date
- 1923-04-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 i e Wahrheit Seite 9 reich im Auslände in Mißkredit bringen mußte, mit einigen gleichgestimmten, hochherzigen, edlen Menschen in die erste Reihe derer sich stellte, die -den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" begründeten, als dessen Vorstandsmitglied er -durch lange Jahre bis zu seiner vor zwei Jahren -erfolgen Uebersiedlung nach Graz angehörte. Als manche von diesen Edlen, angewidert von dem häßlichen, schamlosen Treiben der Gegner sich zurückzogen, weil sie mit Recht um ihre Ruhe fürchten mußten, blieb Engel fest und harrte bis zum letzten Atemzuge treu und fest aus. Dabei war er gläubiger Katholik und treuester Deutscher. Er liebte, wie kein Zweiter, fein Volk, aber ihm tat es weh, daß durch die Lügen und Verleumdungen unverantwortlicher, streberischer und ehrgeiziger Männer sein. Volk in kulturfeindliche Unduldsamkeit zu geraten drohte. Er trat aber fürs Judentum auch darum ein, weil er in ihm sittliche Kräfte von unschätzbarem Werte erblickte und weil er erfüllt war von Bewunderung dafür, daß die Bekenner dieser sittlichen Kraft selbst in Zeiten der höchsten Macht, die sie auf -geweihten Boden innchatten, niemals Mißbrauch mit ihrer Macht übten und selbst den größten und bissigsten Feinden Menschenrechte zuerkannt haben. „Wie der Einheimische, sei der Fremde unter euch", dieses Wort zitierte er mir unzählige Male, um darzulegen, wie turmhoch die Menschenliebe dieser Alten über unserer Zeit stanld. Dabei war Engel durchaus nicht ein blinder Verehrer der Juden. Im Gegenteil, ihn schmerzte es ganz gewaltig, wenn -er sah, daß es zuweilen Juden gab, die abgebogen waren von dieser sittlich hohen Warte, solche konnte er aus tiefster Empörung verachten. Aber noch mehr verachten, ja hassen konnte er die, welche für von einzelnen begangene Fehler alle Juden verantwortlich machen wollten, wenn er Verleumdungen, offenkundige Unwahrheiten gegen Juden Vorbringen hörte. Da zitterte er an Leib und Seele, da sprühten Zornessunken aus feinen sonst so gutmütig dreinschauenden, milden, lieben Augen. Da trat er als Anwalt der Entrechteten, der Gedrückten, Geschmähten auf. Da war nichts Gemachtes, nichts Geheucheltes, man fühlte vielmehr die aus ehrlichster Ueberzeugung aufschäumende Empörung, die nicht eher ruhte, als bis sie in einer schriftlichen Abwehr sich ausgeklungen hatte. Interessant war es zu hören, wie zum erstenmal der Zorn gegen die ungerechte und schamlose Behandlung der Juden in ihm aufwallte. Mit seinem -edelgesinnten Vater besuchte er einmal eine vornehme, damals in Wien sich hohen Ansehens erfreuende jüdische Familie, wo eine größere, aus erlesenen Geistern bestehende Gesellschaft sich zusammengefunden hatte. Darunter auch ein akademischer Lehrer, der nicht genug Schmeichelndes und Liebenswürdiges der Wirtin sagen konnte, kaum aber auf der Straße angelangt, nicht voll genug den Mund gegen die „Jüdin" wetzen konnte. Diese schamlose und ungerechte Art empörte sein Rechts- und Sittlichkeitsempfinden so sehr, daß er wie versteinert daftand. An d e m Abend hat er sich -gelobet, die Vorurteile gegen Juden, so weit es in seiner Macht stcht, zu zerstreuen. Und er hat Wort gehalten! Denn je mehr er leider Gelegenheit hatte, mit diesen Vorurteilen sich zu befassen, umsomehr liebte er uns Juden, -ein umso eifrigerer Anwalt ist er uns geworden. Er hatte volles Verständnis für die ganze Tragik der Juden und darum lauschte er auch so gern den diese Tragik verklärenden Melodien der jüdischen, synagogalen Musik. So lange ihn die Füße trugen, war er fast jeden Freitag Abend Gast in unserem schönen Gotiteshanse und oft genug beobachtete ich, wenn unser prächtiger, begabter Herr Oberkantor Horn mit ergreifender Stimme die Freitagabendgebete gesungen, wie Tränen seinen Augen entströmten; da war -er zuinnerst geri'chrt. Vor ungefähr zwei Monaten war er zum letztenmal bei mir, um mir Teile seines so schön und warm geschriebenen Buches über die Lüge des Ritnalmordes vorzulesen. Es waren schöne, wahre Worte, die ich nicht vergessen werde. Draußen heulte damals ein Nordwind und eisige Kälte schnitt sich in die Glieder, es war ein düsterer Tag. Und wie von selbst mußten wir da auch sprechen über Menschen und die leider immer mehr und mehr um sich greifenden Niederungen d-es Alltags, die so recht zum Sn'cutjjeit herrschenden Wetter paßten. Da aus einmal erklangen im Nebenzimmer die Töne des Kol Nidre, die mein Junge spielte. Stumm lauschte und horchte er, und als -es zu Ende war, ersuchte er meinen Jungen, nochmals das Ganze zu wiederholen. Und als dann die letzten Akkorde verklungen waren, stand er auf, drückte mir, als ob er vorausgeahnt hätte-, daß es zum letztenmal war, fester als sonst die Hand. Es war tatsächlich das letztemal, daß ich den guten, edlen Menschen, den von mir so hochverehrten Freund gesehen, von dem man mit Recht sagen kann, daß er zu den Zadike umoth haolam gehörte. Die Judenheit, ja die Menschheit hat eine Pflicht, das Andenken dieses Mannes in hohen Ehren zu halten und der Grabhügel hier auf dem St. Peterssriedhofe sollte den nachsahrenden Geschlechtern künden, daß in unserer so tief verfallenen Zeit es nicht nur Schlechtigkeiten auf Erden gegeben hat, sondern auch Güte, Milde und Erbarmen. Ehre seinem Andenken! Batija. (Die ägyptische Königstochter, als sie den kleinen Moses gerettet hatte.) Zum Himmel Batija erhob fromm die Hand Und rief: „Dank Dir, Vater, sür's Kind, das ich fand- Ich könnt' aus Gefahr Dich, Knäblein, -erretten, Mutter Jochebed wird gleich warm Dich betten. Geschwunden für Dich jetzt sind Not, Leid, Gefahr, Gott schenk in Glück Dir viel Tage und Jahr'. Aus dem Wasser ich Hab Dich, mein Söhnchen, gezogen, Der Herr bleib' in Gnaden Dir allzeit gewogen! Moritz A n t f ch e r l - Wien. Wegen Raummangel unterbleibt in der vorliegenden Nummer die Fortsetzung des Feuilletons „Bialik und die junghebräische Renaissance in Rußland" von Dr. M. G r u n w a l d. prima “CE b» “lfr2 i RESTAURANT WIENEA t II., Obere Donaustraße 91. £ VTTTVTVTTTVTTTTTTTVrTTTTTTTTTTTrTTTfTVT»