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Die Wahrheit · 1923-04-01 · Heft 7 (1.4.1923) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 7 (1.4.1923)
Date
1923-04-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Die Wahr heil Nr. 7 Seite 8 Worden: „Wer hungrig ist, der komme und esse mit!" Und da treiben sie so einen Humbng mit a alten Orach! . . . Es kommt a Fisch znm Tisch, Brüder, einfach prachtvoll! Kren mit rotem Rübensaft. „Esst, Orach, schämt Euch nicht", sagt der Balebos (Hausherr). Wo Hab' ich nur die Stimm' -gehört? „Wollt Ihr Kartoffeln dazu?" „Wenn es sein kann, warum nit?" Wie ein Mühlrad ging es mir durch den Kopf. Hat mich jener genarrt, wollen die mich narren? Aber sei es, wie da wolle. Ich bin vollständig satt, satt bis morgen mittags. Man trägt ab . . . Wehe mir, es kommt a Gansbraten mit Pflaumen, der Duft dringt in die Nase, nein, in die Neschoma (Seele)! Es kommt a Kalbsbraten mit Kompott. Der König Achaschwerosch mit der Königin Esther hätten nicht Besseres gebraucht. „Esst, Orach, esst!" sagt der Balebos. Wo Hab ich nur die Stimm' -gehört? Ich sitz da mit verblendeten Augen, mit a verschlossenem Magen, ich reiß' alle Knöpf auf . . Du, Hüter Israels! . . . Verfallen, es geht ka Bissen mehr herunter. Was war das für a Mamser, der mich so genarrt. Zerreissen könnt ich ihn' zerreißen wie a Hering. Man trägt ab. Es kommt a Möhrenzimmes mit Kifchkes (Würsteln). Es steigt der Dampf aus der Schüssel, wie dort im Merchez. Ich sitz da und schüttle den grauen Kopf. Als wollte mich der Letz (Kobold) höhnen, kamen immer wieder neue Speisen zu Tisch. Man ißt, man trinkt, man singt, ich sitze wie der Balteschuba, wie der reuige Büßer, bei Tisch. In der Nacht wird mir schlecht — schlecht! Ich Hab' nichts gegessen, ich Hab' zu viel gegessen. Ich Hab geglaubt, es ist meine letzte Stunde! Heute, Jomttow, Hab' ich noch keinen Bissen in den Mund getan. Mich vor Schmerzen in der Nacht windend, kam mir in den Sinn, wie der Möhrenzimmes auf dem Tisch dampfte, schien es mir, ich sehe den dicken, großen Mann, wie er sich auf dem Pol mit dem Besen schmeißt — jawohl, es ist Jossel Feigelstein! Und jetzt frag' ich Euch: ist es eine Gerechtigkeit, mit a alten Orach so Frevel zu treiben?" Einer mit einem rotmelierten breiten Bart sagte: „Rabosaj! Meine Herren! das is alles eins. Man muß unsere Juden nehmen, wie sie eben sind) es gibt solche und solche, ohne Fehler is kein Mensch. Ich bekomm a Plett bei Reb Zorach, Bäcker in der Langen Gass'. Man geht sich die Händ waschen, hör' ich wie „sie" zu „ihm" sagt: „Der Zimmes steht auf dem Schvlitofen, wenn der Orach fortgeht, wer'n mir ihn essen." — Gut zu wissen, häb ich mir gedacht. Man macht Kidusch; er kriegt große, feine Fisch, ich bekomm' kleine Plotkes (Weißfische); Hab' ich geschwiegen. Kommt das Fleisch auf den Tisch, er kriegt a feine Portion Huhn, mir gibt sie a Stück Lammfleisch. Sag ich zum Balaboß: „Seht Ihr, wie sich diese zwei Teller drehen, so dreht sich die Sonn' nm die Erd'." Und schon, bevor er. den Schreck noch überwunden, Hab ich das Huhn gehabt und gegessen. Man hat gebenscht, das Tischgebet verrichtet; ich stehe auf und soll fortgehen, packe ich mich beim Bauch und schrei: „Krämpfe, weh' mir, Mageukrämpse, ich vertrag' kein Lammfleisch. Weh' mir!" Sie sagen: „Was macht Ihr für Geschrei, Ihr habt doch gar kein Lammfleisch gegessen!" Ich sag: „Nur Lammfleisch scheu und ich bin a Maß (eine Leiche). Ich muß mich mit dem Bauch auf eine Viertelstund auf den heißen Schalitofen legen. Es wird bald vergehen." Was hätten sie mit mir machen sollen? Ich ging hinauf und seufzte. Dabei Hab' ich oben den halben Zimmes mit Kifchkes aufgegessen. „Es ist mir schon leichter," Hab' ich gesagt, und bin fortgegangen. Heut' Hab' ich bei einem anderen Balaboß gegessen. Jeder Jud nimmt a Orach auf Schabbes gern. Man muß nur a bißl Witz bei unserem Geschäft haben. Unsere Juden sollen leben, sind keine schlechte Menschen!" Es erhob sich ein Lärm. Man hörte Stimmen: „Jeder is kein Spaßmacher. Moische von Pawranke hat recht." Gegen Abend erschien eine Abordnng von Orchim bei Reb Jossel Feigelstein und stellte ihm ein Ultimatum: entweder er sucht den gekränkten Orach zu versöhnen oder — es wird kein Orach mehr sein Haus betreten. „Gott oll mich davor hüten," rief Feigelftein entsetzt, „ich habe mir ja nur einen harmlosen Spaß geleistet, weil ich mir ägte: Bei welchem Juden wird ein Orach hungrig vom Sedertisch Weggehen? Der alte Mann soll nur kommen, man wird ihm einen Glühwein zubereiten und er bleibt bei uns, bis er gänzlich hergestellt ist." Die Kunde vom Sieg der Orchim ging durch die ganze Stadt. Moische von Pawranke wurde von seinen Berufsgenossen verherrlich!/. „Seht Ihr", triumphierte er, „man braucht sich nichts gefallen zu lassen: Einigkeit macht stark!" Ing. Friedrich R. Engel Oberinspektor i. R. der Nordwestbahn gest. am 13. März. Von Unit). Doz. Dr. David Herzog, Landesrabbiner in Graz. Am 15. März l. I. wurde am St. Peterfriedhofe zu Graz ein Mann zu Grabe getragen, dem in jüdischen Blättern -ein ehrendes Gedenken geziemt. Denn Oberinspektor Friedrich R. E n g e l ist ein Menschenfreund im edelsten Sinne des Wortes gewesen. Er war, wie mir sein Sohn Oberbaurat Robert Engel beim Leichenbegängnisse seines Vaters mit Recht sagte, ein durch und durch altruistisch! gesinnter Mann gewesen, der sich immer der unschuldig Verfolgten und Bedrängten in liebevollster Weise angenommen hat und der namentlich für uns Juden lange Jahre hindurch wie ein Reisiger auf den Plan getreten ist, um mit seinen im Feuer einer glühenden Ueberzeugung geschmiedeten geistigen Waffen Hiebe den Verleumdern, Lügnern und Lästerern auszuteilen. Und didfe Hiebe saßen! Denn Oberinspektor Engel schöpfte aus dem Vollen. In einem vornehmen, geistig hochstehendem Hause erzogen — sein Vater war Professor der Medizin — hatte er sich nicht allein auf seinem eigentlichen Gebiete ganz hervorragende Kenntnisse erworben, sondern auch ein großes universelles Wissen, das bis ins späte Alter (er ist im 77. Lebensjahre gestorben) von einem ausgezeichnet funktionierendem Gedächtnis unterstützt wurde, sich angeeignet. Hierzu kam noch, daß Engel die besten Männer seiner Zeit in Wien kannte und mit vielen von ihnen im innigsten persönlichen Kontakt gestanden hat. Diese glänzenden Eigenschaften und Fähigkeiten waren verknüpft mit einem selten zu findenden Adel der Gesinnung, einem goldenen, vornehmen Herzen und seltener Charaktergröße, Eigenschaften, von denen jede einzelne allein schon genügt hätte, ihn zu verehren und zu lieben. War es bei einem so gearteten Manne ein Wunder, daß er, als er in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts jene giftspeiender Gehässigkeiten, die Hochflut des Antisemitismus in Oesterreich gesehen hatte, die, wie heute, auch damals Oester-

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