Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 7 (1.4.1923)
- Date
- 1923-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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!1h. 7 Die Wahrheik Seite 7 seiner göttlichen Huld und Milde, wie wir sie ihm anverttauen und ubergeben, in dessen Hand der Geist ist alles Fleisches unld die Seele alles Lebens — geheiligt sei sein Name! Und noch ein Gebet zu dir, Vater im Himmel, bevor dieses Grub sich schließt! Der eine war seines Vaters einzig Kind, fern letztes, seines Herzens Trost und Freude. Sende ihm den Trost aus deinem Himmelsreiche, daß an dein Tage, der mit allen seinen Schrecken und Grauen als ein Ehrentag und Freudentag in unserem Herzen angeschrieben steht, keine blutige Erinnerung haste, und uns allen den Trost, daß aus diesen Grübenr ein neues Leben sprießt. Amen! Es sei mir noch ein Wort vergönnt an meine christlichen Brüder! Ihr habt gewollt, daß die toten Juden da mit Euch rachen in Eurer, in einer Erde. Sie haben gekämpft für Euch, geblutet für Euch! Sie ruhen in Eurer | Erde! V e r g ö n n t n u n a b e r a u ch d e n e n, d i e den gleichen Kampf gekämpft u n d d e u schweren, daß sie mit Euch leben au s einer Erde, s r -e i rr n d n n v e r k ü m m e r t w i e I h r. Ich halbe mir selbst angelobt, daß ich fortan keine Bitte, keine Klage mehr erhebe um meines Stammes Recht. Aber ich bin es mir und Ihnen schuldig, daß ich das Wort, das sich mir auf die Lippen drängt, nicht verschließe in meinem Herzen. Ich rede nicht für mich. Mein Lebensweg, ist abgeschlossen, geht abwärts und seinein Ende zu. Aber die mit Euch gerungen um das Licht der Wissenschaft und ihre Befähigung bewahrt, die mit Euch gekämpft den blutigen Kampf und ihren Freimut und ihre Seelenstürke erprobt, die werden morgen, wenn sie den Lohn | ansprechen für ihren Fleiß, nicht den Lohn und Ehren- I sold, nein, das Gebiet, ititb wäre es noch so beschränkt, noch so klein und eng, das Gebiet, daran und darauf sie ihre Tüchtigkeit beweisen können, ab- und zurückgewiesen werden und auf das Leben hingewiesen, das nun seit vielen Jahren und Jahrhunderten unser trauriges, aber unverschuldetes Gelschick auf Erden ist. Ihr seid die freien Männer! Gott weiß es, keiner unter Euch allen fühlt es inniger und wärmer, wieviel die Errungenschaft der Hingeschiedenen Tage galt. N e h m e t a u ch u n s a u f a l s freie Männer, und Gottes Segen n b e r E u ch! Ich segne Euch alle, die Tausenden nahe und fern, im Namen Gottes des Allmächtigen. Amen! Ein Orchiin-Meeting. Pefsachgeschichte von Armin W i l k o w i t s ch, Eger. Man hatte das Minchagebet beendet und ging ins (Freie hinaus. Ein lauer Frühlingshauch zog flüsternd durch die Gassen. Wer ihn Verstands konnte Wunderdinge von den Begebenheiten der ersten Sedernacht oernehmeu: wie die sich erlöst Wähnenden sangen und tranken, wie sie einander von der Befreiung aus dem ägyptischen Sklavensoche mit Verzückung erzählten. Wie die kleinen Jungen mit wohlklingenden Stimmchen die vier Fragen an den Vater richteten und wie jener aus sämtliche Fragen nur eine Antwort hatte: Knechte w a reu wir in Aegypten! . . Hinter dem Schulhof, aus einem Steinhaufen, nahe an der Böschung des Scheschlugaufers, tagte ein Meeting der Orchrm — der Wanderarmen. Den Vorsitz führte ein Greis mit langem weißen Bart, besten Gebrechen man nur in unmittelbarster Nähe wahrnehmen konnte: ein Holzbein lag vor ihm hingestreckt. Er sprach fließend und hielt in der Rckre nur inne, wenn er eine Priese an die Nase führte: „Die Reichen sollen mit uns nicht viel spaßen!" ries er mit donnernder Stimme, daß die Worne sich in ein Echo verkollerten, „Zedvkka und Gemiluth chastadim -- Almofengeben und Wohltun — halten sie von bösen Verhängnissen fern! Ohne Ansehen wäre ihr Reichtum, ohne Freude und Glück, besäßen sie nicht den Vorzug des Gebens und Helsens! Sie sind aus uns, wie wir ans sie angewiesen!" „Bravo, bravo!" donnerte es von allen Seiten, „Moische von saus) Pawranke is a Chochem — a gescheiter Kops! Er soll hundert Jahr' leben! . . ."So und ähnlich erscholl es aus der Versanrmlunig. Nur ein Orach. dem der rechte Arm fehlte, mißgönnte dem alten Berufsgenossen den rauschenden Beifall und er rief: „Freunde, Juden, was gibt uns Anlaß gegen unsere Wohltäter, die mit Recht den Titel: Rachamonim, be'ne rachamonim — Barmherzige, Söhne Barmherziger — führen, zu rebellieren?" Gespannt ruhten der Versammelten Blicke aus Moische von Pawranke, der die Antwort nicht lange schuldig blieb: „Juden, Brüder, hört meine Anklage und gebt Eurer gerechtes Urteil ab! Gestern früh hatte ich mein Plett (Boletteanweisung) für die ersten Tage Iomtow erhalten und ging, wie ein rechtschaffener Jude, in den Merchez (Dampfbad). Ans dem oberen Pol (Podium) sitzt a Iud, a großer, a dicker und schlägt sich mit dein eingeseiften Besen aus die Händ', auf die Füß', ans den Rücken, weiß ich wohin? . . . In dicken Schwaden rinnt der Dampf, ein dichter Nebel, den man mit dem Messer hätte schneiden können, man sieht einander nicht, man hört sein eigen Wort kaum! Ich mache das gleiche, was jener, was alle andern: schmeißen mit dem Besen. Win sitzen nebeneinander und ich frage ihn: Reb Iud', ich bin ein Orach, ich Hab' a Plett aus Iomtow bei Reb Iossel Feigelstein, sagt mir: kennt Ihr ihn? ,^Ia!" gibt er mir zur Antwort, „was wollt Ihr über ihn wißen?" „Was ich über ihn wissen will? Gar nischt", Hab' ich poschet leinsach) geantwortet, „ich will nur erfahren, ob ich dort ausreichend zu eßen bekomm'? Ich bitt' Euch, a ganze Woch', a ganzes Jahr wartet man auf einen Schabbes, auf einen Iomtow . . . Weiß man's, wie man's trifft?" Der große, dicke Ind' schmeißt sich mir dem eingeseisten Besen weiter ans den Kops . . . „Iossel Feigelstein" sagt er, „man rühmt ihn als Geber nicht sehr! Weiß ich, wie die Sach' is? Ihr werdet jedenfalls gut tun, vom ersten, was aus den Tisch kommt, so viel zu eßen, daß Ihr aus die Rechnung kommt. Sicher is sicher!" „Da hat man's", Hab' ich verärgert ausgerufen; jener hat dnbei gelacht. „Was lacht Ihr zu so einer traurigeil Sach'", Hab ich. ihn gefragt? „Ich Hab mich mit dem Besen gekitzelt." gibt er mir zur Antwort. — Man geht aus der Schul, traurig schlepp' ich mich zum Seder . . . Wieder einmal ein verstörter Iomtow! . . . Ich komm' herein zu Reb Ioßel Feigelstein . . . Gut Iomtow, gut Iomtow! — Ein Sedertisch steht da, wie bei a Fescht! Alles blitzt vör Licht und Silber! . . . Gott über alle Welt! Solche K'zinirn — solche reiche Leit', da soll man sich nit sattesten können? Aber was kann ich reden, was kann ich sagen? Jener Ind' im Merchez war ein Hiesiger, ich bin a Fremder. Man fängt mit dem Seder an, man macht Kidusch — ein Wein voll Feuer, voll Leben, zum Erquicken! . . . Wie ist es zu verstehen? Hat mich jener im Merchez genarrt, wollen mich die narren? . . . Was taugen mir alle Wunder der Hagoda, wenn man am heiligen Iomtow soll nicht ordentlich zu essen kriegen? Da ruft der Hausherr mit frommen