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Die Wahrheit · 1923-04-01 · Heft 7 (1.4.1923) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 7 (1.4.1923)
Date
1923-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 7 jlj;! I ii;; iP i: die durch ihre Tracht auch kulturhistorisch von größtem Interesse sind, steht mit dem Text der der Haggadüh in nur losem Zusammenhang. Bemerkenswert ist eine Darstellung des Sedermahles, die in photographischer Wiedergabe in dem vorerwähnten Aufsatz von Schmidt zu sehen ist. Die beiden letzten Blätter enthalten zwei große Miniaturen, eine Hirschjagd und einen Jungbrunnen darstellend. Dieses letztere Bild hält Schmied für die älteste Illustration des bei mittelalterlichen Dichtern und Schriftstellern oft erwähnten Jungbrunnens. Der Codex gibt mancherlei Rätsel auf. Pros. A. Freimann (Frankfurt), der ihn vom palaeoWaphischen Standpunkte untersuchte, möchte dem Schristcharakter nach als Entstehungszeit den Anfang des 14. Jahrhunderts (1300 bis 1320), als Entstehungsort Süddeutschland (beziehungsweise Oberitalien) annehmen. Prof. Dr. August L. Mayer (München), dem ich nachstehende kunsthistorische Beurteilung verdanke, vermutet als Entstehungszeit des Hauptteils der Miniaturen das letzte Viertel des 14. Jahrhunderts, jedenfalls nicht vor 1375. Mayer glaubt, daß wohl drei Hände an den Miniaturen gearbeitet haben. Die Miniaturen weisen starke Beziehungen zur italienischen, besonders bolognesischen Treeentominiatur auf. Mit deutschen! Einfluß (Erinnerungen an die berühmte Heidelberger Manessesche Minnesängerhandschrist) verbindet sich ein möglicher Einfluß, der vom Westen kommt. Vor dem letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts sind diese beiden Miniaturen sicher nicht entstanden. Was den hebräischen Text und (deutschen) Ritus betrifft, so zeigt er au einzelnen Stellen bemerkenswerte Abweichungen von dem üblichen Text und Ritual. Die Haggädah schließt mit dem bekannten Gebet um Wiederausbau des Tempels; das sogenannte Zahlenlied und das Sieb vom Lämmchen fehlen also. Der Kommentar, der auf den in der Handschrift vorliegenden Text keinen Bezug nimmt, hat offenbar ältere Quellen benutzt, so insbesondere den zur Zeit des dritten Kreuzzuges lebenden bekannten Rabbiner Eleasar ans Worms. Aber auch spater lebende rabbinische Autoritäten, insbesondere der berühmte Rabbi M e i r aus Rothenburg (gest. 1293), werden wiederholt erwähnt. Vielleicht stammt der Verfasser aus der Schule dieses Mannes. Noch ein Wort zu dem kostbaren Einband, dessen Holzdeckel mit braunem Leder überspannt, mit Metall-beschlagen geschmückt sind und durch zwei metallene Schließen zusmnmengehalten werden. Besonders der Hauptdeckel weist reiche Verzierungen in Lederschnitt vornehmlich mit Tiergestalten auf. Die Verzierungen beider Deckel haben überraschende Aehnlichkeit mit zwei Einbänden hebräischer Handschriften der Wiener Hofbibliothek aus dem 14. Jahrhundert, die Gottlieb („Bucheinbände", Wien 1910) beschreibt. Der Codex ist laut Mitteilungen Schmidts seit Anfang des 19. Jahrhunderts Eigentum der Darmstädter Landesbibliothek (ehemaligen Großherzoglichen Hofbibliothek) und einer seiner wertvollsten Schätze. Sie verdankt ihn dem Kölner Bibliophilen Baron Hüpsch, der den Landgrafen Ludwig X. zum Erben seiner höchst wertvollen Bibliothek eingesetzt hat. Ein bekannter deutscher Verlag: plant den Codex farbig nachzubilden und' so iveiten Kreisen die wundervolle Schönheit dieser Handschrift zu erschließen. Rede, gehalten am Grabe der Märzgefallenen am 17. März 1848.*) In einer Zeit, die für die glorreichen Ideale der Märzlage des Jahres 1848 wenig übrig hat, ja sogar deren Andenken durch die Epigonen der damaligen akademischen Freiheitskämpfer entweiht, ist. es namentlich für uns österreichische Juden von ungewöhnlichem Interesse, sich an der Gedenkrede 311 erbauen, die der unvergeßliche MenÄ Rabbiner Isaak Noa Mannh e i m e r am 17. März 1848 am Grabe der Märzgefallenen gehalten und die, vom prophetischem Geist erfüllt, zukunftblickend das Los der Gleichberechtigung beanspruchte. Als Diener des göttlichen Wortes treteich hin <nt dieses Grab, um das Gebet zu sprechen für das Seelenheil unserer dahingeschiedenen Brüder, die gefallen sind im Kamps für ihr Vaterland. Gott, mein Gott! Du bist es, der Geist und Herz prüfet und erforschet. Wenn der gerecht ist, der in dem Glauben an ein unwandelbares Recht uns Erden ans innerem Herzenstriebe und Drange mit Leib und Soele entsteht für das, was des Menschen Köstlichstes aus Erden ist, für Wahrheit, Freiheit, Recht und Würde; wenn der gerecht ist, der den Geist und die Kraft, die von dir uns sind gegeben, will geschirmt wißen in Macht und Geltung; so sind alle, für die ich in dieser Stunde bete, so sind all«, die mit ihnen in einem Grabe ruhen, gestorben den „Tod des Gerechten". Sie haben ihren Lohn daher, denn es ist 1 das höchste Gut, um das wir zu beten halben, leben in g Treue und Glauben — sterben den Tod des Gerechten. 1 Sie haben mit ihrem Blute und Leiben einen Sieg I errungen, den die Weltgeschichte in ihren Jahrbüchern ver- I ewig. Und Gott, du tveist es, wäre die Sache, für die sie j gekämpft und geblutet, in dieser Stunde nicht die siegende, I wäre sie die unterliegende gewesen, und ich ftünlde an chrem Grabe, ich hätte ein Gleiches gesprochen, Herr! vor dir, ein Gleiches im Angesichte der Menschen. So bete ich, für sie und ihre christlichen Brüder, denn sie sind uns allen und sind meinem Herzen einer wie der andere wert und teuer; es sind Menschenseelen, geschaffen in deinem Ebenbilde und Gleichnisse, die deinen Namen geheiligt auf Erden; so bete ich für sie mit aller Kraft meiner Seele um eine . lichte Himmelsstätte in deinem Gottesreiche: „Möge Euer Verdienst vor Euch hergehen, die Herrlichkeit Gottes über Euch!" Das sei der Segen Gottes, den ich spreche Mer | Euch! Ihr habt geheiligt den Namen Eures Gottes, ihr I habt den einst so glorreichen Namen Israel für Euren Teil | gerettet von dem, was ihm die Welt Schmähliches hat ange- I hangt. Ihr habt Euch gezeigt und bewährt als Sprößlinge ' B aus dem heldenmütigen Stamme, aus dem Ehud und B Simson, Gideon, Jephta, David ^und Jonathan, und die ritterlichen glorreichen Makkabäer entsprungen und entsproßen sind. Geht hin in Frieden! Geht ein zur ewigen Ruhe! Möge Euer Name vor Gott angeschrieben stehen „zum ewigen Gedächtnisse unter denen, die ihn ehren und feinen Namen heiligen", wie er in unserem Herzen ausgeschrieben steht. Möge Gott Eure Seelen empfangen in *) Aus dem vvn uns bereits besprochenen Buche „Isaak Roa Mannheimer, sein Leben »nd Wirken" von Dr. M. Rosen mann.

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