Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 6 (15.3.1924)
- Date
- 1924-03-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064121-3064127--12085-3079520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14 Die V atzrtzeSt Nr. ö SKaterlal liefern. „Niemals ist ein Krieg da nun nicht entstanden, wieil es dem Kriegsmaterial gäbe", und vorher: „Es kommt der Augenblick, wo bas Volk nach Waffen schreien wird, wie es ein stur a l s nach Frieden ge schrien hat, weil es keine Arbeit und kein Brot mehr hat!" Wir verstehen und begreifen derartige Gesühlsansbrüche nach dem unerhörten svanzü fischen Ruhrverbrechen. Aber die um Poincare werben kein Verständnis dafür haben, vielmehr daraus die Berechtigung ableiten, das noch immer kampsgierige Deutschland unschädlich zu nrachen. Die Aussichrungen der „Eisernen Blätter" wurden zu Papier gebracht, als Bonar Law sein Bekenntnis dm Treue zu Frankreich iin englischen Unterhause noch nicht abgelegt hatte. Die Hoffnung aus einen deutschen Landsknechtskrieg mit englischen und amerikanischen Sribsidien ist also höchst töricht, bietet aber immerhin die Handhabe, der herrschenden Strömung augenblickliche Vorteile abzugewinnen. So und nicht höher zn werten ist es, wenn der berüchtigte Banditenführer Hitler, der kleine bayrische Mussolini, vor kurzem schwadronierte: „Wir alten Soldaten sind jederzeit b e r e i.t g e g e n Frankreich z n m a r s ch i er e n". Als „alter Soldat" dürffe Hitler wissen, daß inan gegen das bis am die Zähne gerüstete Frankreich nicht mit Maßkrügen aus dem Hofbräuhaus zn Felde ziehen kann. Also nichrs als Windbeutelei, nur einen Augenblick lang von dem eigentlichen Lebenszweck Hitlers: Kamps gegen Marxismus und Judentum abzulenken. Möge nun das Volk schatten, wie es sich derartig gefährlicher Patrioten erledigt. ' Brüderlichkeit. In der ersten Nummer des „Feldnreffter", des Organs des „Deutschen Pfadfinderwmdes", findet sich ein Auffatz, der alle Aufmerksamkeit verdient und dieUeberschrift: „Brüderlichkeit" trägt. Der Verfasser nennt sich mit dem Decknamen „Bartholomans". Er geht von dem bei ntts bereits besprochenen Roman Walter Blooms aus, der den Titel „Brüderlichkeit" führt. „Sind denn überhairpt Glieder einer Vereinigung, die auf ihre Fahne die Brüderlichkeit, die Gleichheit des Streben s nach demselben hohen Zielte geschrieben haben, berechtigt, einen Menschen, der mehr als einmal das gleiche Streben bewiesen hat, anszustoßen mir deshalb, weil er ein andersgläubiger Stamm ist? Wer darf denn nnn eigentlich „Deutscher" heißen. Zunächst müssen wir uns einmal klar machen, was wir unter diesem Begriff verstehen. Sind die nur Deutsche, die deuffcher Nationalität sind? Hieraus kann man nur mit einem glatten „Nein" antworten. Denn ich kannmir gut Menschen vorstellen, die im Anslande, zum Beispiel Japan, geboren sind und bereu Eltern und Vorfcchren, obwohl deutscher Abstammung, aus irgendeinem formalen Grunde das Bürgerrecht der neuen Heimat erworben haben, die aber trotzdem deutsche Erziehung genießen und mit allen Fasern ihres Herzens dem Mutterlande, dem deutschen Volke, ang.ehören. Diese bleiben trotz ihrer Nation alität, zum Beispiel als Japaner Deutschs. Also kann das „Deutscher" sein nichts allein von der Aeußerlichkeit abihängen. Liegt also die Erklärung dieses Begriffes in der Abstammung Rasse: Arier oder Nicharier? Nehmen wir an, ein Franzose, der als Romane der arischen Rasse angehört, läßt sich in Deuffchland natuvalffieren, bleibt aber in seiner ganzen Anschauung und in seinem .Herzen Franzose. Der Abstammung nach gehört er als Arier unserer Rasse an und der Nationalität nach ist er deutscher Staatsbürger. Wenn ich also den Begriff „Deuffcher" nur der Nationalität und Abstammung nach erkläre, würden einer Ausnahme in den PsadffUderbund keine Bedenken entgegen steh en. Und doch kann ich wohl mit Bestimmtheit behaupten, wir uns sehr hüten würden, dieses zn tun, namentlich runter den heutigen Verhältnissen; -aus der anderen Seite haben wir aber gerade in Deutschland noch eine ganze Menge Nachkommen jener Flüchtlinge aus Frankreich, die unter dem großen Kurfürsten hier bei uns eine neue Heimat fanden und die im Lause der Jahrzehnte aus ehemaligen Franzosen Deutsche inÄ ganzem 'Herzen geworden sind. Wie oft findet mgn noch 'unter den 'berühmten Heerführern, Gelehrten, Dichtern usw. Deutsche mit französisch klingenden Namen. Wollt ihr die etwa als NichtdeUffche erkennen? Nein, eine rein förmliche Auslegung des Begriffes Derlff'cher kann es nicht geben. Der Sinn liegt viel tiefer verborgen. Nach den obigen Beispielen, die etwa nicht vereinzelt dastehen oder bei den Haaren herbeigezogen sind, kann man nur zu der Anschauung kommen, daß wir den als Deutschen anerkennen nriffsen, der in das deutsche Wesen emgedriungen ist, der sein ganzes Tun und Lassen, seine ganze Arbeit und Kraft in 'den Dienst des deutschen Volkes stellt, auch im Notfälle unter Einsetzung seines Lebens. Da dürfen wir keinen Unterschied in der Rasse, der HlbstammkUng und im Glauiben machen. Der ist ein Deuffcher. der die Gesinnung, das Gefühl und den Willett hat, ein Deutscher zn sein." „Wenn man sich erst hierüber Kar geworden ist, so erlMgt sich doch eigentlich die Judenfvajge ganz von selbst." Die deuffchen Juden wollten Deutsche sein, und hatten ihr Deutschtum off bewiesen. Der Wahffpruch der Pfadfinder: „Für den Anderen" verlange in diesen: Falle: ,Hinlgebende Liebe zu allen deuffchen Menschen, wes Standes und Glaubens sie sein mögen, welcher Klasse und Rasse sie angehören mögen. Jene Liebe, die auch im politischen. und wirtschaftlichen Gegner den deutschen Bruder erkennt und ehrt, Liebe, die in der eigenen Brust zur Selbstprüfung, zum ErneueruingswWen wird, -nach außen sich aber auswirkt a!ls Verständnis und Schonung, Rücksichtnahme und Opfernmt." „Laßt doch endlich einmal euer Vorurteil fallen, seht doch auch in dem Juden den Menschen und urteilt erst dann über ihn, Wenn ihr erkannt habt, wes Gefftes Kind er ist." — „Man wolle doch Denffchland wieder auffichten, und deshalb -müsse man frei von allen Vorurteilen dem Deuffchen die Bruderhand reichen, stamme er, woher er wolle." Es ist erfreulich, zu 'beobachten, daß die deutsche Jugend doch nicht zur Gänze vom Gift des Rassenhasses durchtränkt ist. Judenhetze. Das deutsche Arberterorgan, der vorwärts" erzählt unter dem Titel „Politik irr dev Schalstube" folgenden „hämischen Witz", über dessen verhetzende Wirkung" niemand im Zrveffel sein kann und fordert, daß der Urheber desselben, ein Lchrer Wchuer in Steglitz, von: Unterrichtsminister diszipliniert werde. Dieser Lchrer hat nämlich seinen Schülern erzählt: „Weil in Deuffchland alles über die schlechten Zustände schimlpff, bat der Reichspräsident Ebert. in seiner Not den Himmels- Pförtner Petrus, ihm einen der des Regierens kundigen Männer zu geben, von denen er doch im Himmel so viele unter den früheren Herrschern habe. . Der Alte Fritz, den Petrus mitgab, kam nach vierzchn Tagen wieder und klagte, daß die Deuffchen sich nicht mchr mit dem Krückstock regieren lassen wollen. Wilhelm I., der als Ersatz geschickt wurde, erschien nach noch kürzerer Zeit im Himmel und gestand, daß auch mit seiner Methode nichts mehr zn machen sei. Da griff Petrus auf Moses zurück, aber der fand sich ganz rasch wieder im Himmel ein Und sagte: „Was soll ich' da unten? Unsere Lait' gehts gut."