Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 6 (15.3.1924)
- Date
- 1924-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Men IX , Lrrgsasie 4 der „dnion doitscböstermcbtecber Juden“ Poüfp arkassenkonto Nr. L»464 Telephon Ar. 1S-S-77 Antisemitenkoller in Wien. Am 3. Vkärz, ernenn Samstag, haben ca. 3000 Jüdischuativnale tu' bei Volkshalle. des Rathauses eine PDvtsstversamml'tMg abgehalten, welche non oa. 30.000 Hakenkreuzlertt, Deutschvölkischen und wie sonst die lieblichen Blüten an dem Stamme unserer jungen Republik - heißen mögen, blockiert wurde. Am daraufsolgenden Sonntag waren die Hakenkreuzler wieder crnsmarschie-rt, um eine Verlsanrmluug der Wiener Tschechen zu iülbersallen. Die jüdisch-nationale Bersancnclnmig konnte dank ' dem nnlgehenreu dlufgdbote polizeilicher Schutzwehr uuaestört zu Ende geführt werden, während die tschechische Versammlung aus Gründen der öffentlichen Sicherheit verboten wurde. Ueber die Notwendigkeit und Nützlichkeit - der bsilden Demonstrationen wollen wir uns nicht weiter aussprechen. Immerhin haben die Jüdischnationalen den < Beweis erhalten, den sie anstrebten: Daß die Juden in Wien das oerfassungsmäßige Recht, sich zu versammeln,- ausüben dürfen und daß die Polizeibchörde selbst gegen eine 'große feindliche Ueberzahl dieses Recht mit Mer Energie zu schützen bemüht ist. Hier ist eine praktische Probe aus die Gleichberechtigung, wenigstens im Punkte der Versammlungsfreiheit, erbracht worden. Aber noch einen anderen sehr merkwürdigen und für die' Folge vielleicht sehr wichtigen Beweis haben die bei- ' den Vers'ammlungen ergeben. Wenn Herr Vizekanzler Dr. FvamL die Dinge, die sich in den letzten Tagen in Wien «abgespielt haben, unbefangen überschaut, dann muß ihm vor den Wirkungen seines Volkszählungserlasses bange v werden. Bei «den früheren Volkszählungen mußte jeder Staatsbürger .angeden, zu welcher N m g a n g s s p r a ch e , er sich bekennen Es war selbstverständlich, daß selbst nationalistisch denkende Inden nur in vereinzelten Fällen das'„Jiddisch" als ihre Umgangssprache bezeichueten, daß'aber die ungeheuere Mehrheit sich zum Geibrauch der deutschen Umgangssprache bekannte. Es war ebenso se.lbst- ' verstwUdkich, daß die tausende, ja hunderttausende biederer ' Schuhmacher und Schneider, welche in ihrer Jugend ans ' dem Lande der Ueberprodukion, das heißt aus Böhmen, «bei der alten Taborlinie nach Wien 'hereinkamen und hier durch Fleiß und Geschick ehrsame Meister geivorden sind, ihrer tschechischen Abstammung sich kaum mehr erinnerten, 'sondern trotz des-hacken Akzents, mit welchem sie das ' Wienerische sprachen, sich als gute Wiener mrd als freut-- ’ sche BoÄsgenosseu fühlten. Wie wertvoll diese Zahl von tschechischen Zuwanderern für das gesellschafliche, polftrsche und wirtschaftliche Leben Wiens geworden i!ft, beweist . der bekannte Spruch Luegers: „Laßt's nrrr meine Böhm' ' ist Ruh!" Diese ehrsamen Handwerksmeister waren zu- ' 'meist christlichsoziial, »aber sie «fühlten sich als Deutsche und rvuvden äiuch von den bodenständigen Wienern als solche betrachtet. Das hat sich mit dem Erlasse des Vizekanzlers . Dr. Frank, welcher -im Volkszählnngsbogen die Angabe - der -B o k k sz u g e Hörigkeit und R a s s e verlangt, vollständig ge'ändeck. Die nationalistischen Juden. entwickeln ' -eine - große Tlgitativn für das Bekenntnis der /jüdischen Volkszugehörigkeit; unter die Wiener- Tschechen aber ist von außen her eine mächtige Propaganda hinein gatvagen worden, danrit sie sich nach Jahrzehnten wieder ihrer Herkunft eckimern und sich frei un!d offen als tschechische Volksgenossen erklären. So ist mit einem Schlage jener ausschließlich deutsche Eharakler Wiens, der noch unter der Alleinherrschaft der Christlichsozialeu fest gehalten werden konnte, unter der Koalitionsherrschaft der Chriftlichfvzialen und Großdeutschen hinweggewischt worden. Es gibt südischnationale und tschechische Minoritäten, von «denen namentlich die letztere zahlenmäßig von großer Bedeutung ist und aus welcher sich für die Zukunft bedenkliche Verwicklungen ergeben können. Vielleicht däm mevt heute Herrn Dr. Frank doch eine Ahnung darüber auf, wie nmvberlegt und unklug er gehandelt hat, als er den Forderunigen des Herrir Dr. Ursiu und Dr. Jer zabsk rtachgab. Solche nationalistische Strömungen lassen sich nicht mit Gummiknütteln und Totschlägern Niederschlagen und Herr Polizeipräsident Schober wird seinem Chef, dem Bnndesminister für Inneres, keinen sonderlichen Dank dafür wissen, daß er jeden Samstag und Sonntag seine vielgeplagte Wache zur Hintanhaltung «blutiger Ausschreitungen verwenden muß. Solche Zuckungen und Konvulsionen verträgt dieser traurige Staat, nicht. Die Ereignisse des 3. Marz sind im Anslande nicht uckbemerkt geblieben und man ftagt sich dort mit Recht, ob wir wirklich keine anderen Sorgen haben, als uns mindestens einmal wöchentlich an jüdischen oder christlichen Ruhetagen gegenseitig die ferne einzuschlagen. Wir stehen vor der Frage der langfristigen fesdiite, zu deren Erlangung auch jüdische Mitarbeit nicht entbehrt werden konnte. Wir wissen nicht, wie die Herren Dr. Kienböck und Dr. Grünberger ihre Bolkszäh lungsbogen ausfüllen werden, aber wir wissen «bestimmt, daß hervorragende jüdische Kenner des internationalen Geldmarktes auch weiterhin in Anspruch genommen werden müssen, unt das österreichische Rettungswerk zu finalisieren. Bor wenigen Tagen hat 'der Abgeordnete C z e min einen Vortrag über die „Gefahr eines 'Bürgerkrieges" gehalten. Die Besorgnis ist tatsächlich nicht abzuweisen, daß eine solche Katastrophe früher oder später emtritt, wenn die Dinge sich in der bisherigen Weise weiter entwickeln. Hakenkreuz ler, Frontkämpfer auf der einen Seite und Sozialdemokraten auf der anderen Seite stehen einander bis aus die Zähne bewaffnet gegenüber, wobei die völkischen Elemente ihre echte deutsche Tapferkeit darin zeigen, daß sich hunderte auf einzelne wehrlose Personen stürzen. Die Großdentschen -graben sich selbst den Boden ab, wenn sie das rapide Anwachsen einer noch radikaleren und mit den brntalsten Mitteln arbeitenden Partei dulden oder gar begünstigen. Man glaube nur ja nicht, daß die gtoß gemästete Bestie im entscheidenden Moment sich mit dein Häuflein Juden begnügen wird, -das man ihr zum Fratze znwirst. Wenn der Getpakttätigkeir nicht Einhalt geboren wird, so. gehen wir bei. d^r nächsten Mchlen blutigen. Ereignissen entgegen welche Oesterreich auch um den letzten Kredit bringen können, den es heute noch genießt. Das find .Gedanken, . die. wir der Regierung des Herrn Dr. Seipel urrfr seinen großdenMen Ministern Doktor