Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 6 (15.3.1924)
- Date
- 1924-03-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Als Gereifter, Bierundvierzigjähriger reift . Börne nach Paris. -Bon dort aus schreibt er, zwischen dem 5. Sepreurber 1830 und dem 17. Marz 1833, jene 115 Briese nach Deutschland, die seinen Ruf und Verruf als radikaler Schriftsteller begründeten, denen bornierter Chauv'iuismus das Stigma des Deutschenhasses aufgedrückt hat. Freilich, zunächst überwiegt ein fast übermütiges Gefühl des Eratmens, des frohen Losgebundenseins.' „Je näher ich der französischen Grenze komme," schreibt er am ersten Dag, „je toller werde ich. Weiß ich doch jetzt schon, was ich tun werde auf der Kehler Brücke, sobald ich der letzten badischen Schildwache den Rücken zukehre. Doch darf ich das keinem Frauenzimmer verraten." In Darmstadt amüsiert er sich über die „fürchterliche Revolution", die dort vor einigen Tagen gewesen fein soll. Es stellt sich heraus, daß die Bürger zwar wirklich unzufrieden waren, aber nicht mit der Regierung, sondern mit den bösen Liberalen in der Kammer, die dem armen Großherzog seine Schulden nicht bezahlen wollten. „Das ist deutsches Volksmurren, das laß ich mir gefallen, darin ist Rossinische Melodie", notiert er ingrimmig im Vorüberreifen. Auch der fünfzig Mann starken Theatevwache in Darmstadt macht er feine Abschiedsreserenz und dem ganzen militärischen Rummel der Deutschen. „Diese kleinen deutschen Fürsten in ihren Nußschal-Residenzen sind gerüstet und. gestachelt wie die wilden Mstanien. Wie froh bin ich, daß ich ans dem Lande, gehe/' Was er den Deutschen in Paris nicht verzeihen kann, das ist, daß sie im Juli nicht mit den anderen Nationen — unter denen er sogar Neger verzeichnet — für die Freiheit der Franzosen gefochten, die ja die Freiheit aller Völker sei. Insbesondere die deutschen Gelehrten kommen dabei schlecht whg. Die armen Teufel, die in Scharen nach Paris wanderten, um dort für deutsche Blätter zu korrespondieren, sie hätten mindestens aus Dankbarkeit für ihre Ernährer, die sie so reichlich mit Stoff versorgten, am Kampfe teilnehmen sollen. „Aber hinter einem dicken Fensterpsosten, im Schlafrocke, die Feder in der Hand, das Schlachtfeld begucken, die Verwundeten, die Gefallenen zu zählen und gleich zu Papier zu bringen., zu bewundern statt zu bluten, und die Leiden eines Volles sich von einem Buchhändler bogenweise bezahlen zu laßen — nein, da ist zu schmachvoll, zu schmachvoll!" Solche Ideen berühren sich mit dem modernen Gedanken der Vollshochschule, zugleich abermit dom noch tiefer sich gründenden Bildungsbestreben der echtesten und deutschsten Vollsdichter: eines Matthias Claudius, eines Peter Hebel. Im Programm seiner „Wage" und seiner „Zeitschwingen" bekennt sich Börne zu seiner wesentlichsten publizistischen Mission: zwischen Wissenschaft und Leben zu vermitteln. „Wahrlich," schreibt er, „das Kupfer, das durch Tagesblatter unter das Voll gebracht witid, ist mehr wert als alles Gold in Büchern:" In jener Ankün'digung der „Zeitschwingen", stehen ein paar Sätze, die sich lesen, als wären sie den Politikern aller Parteien und Nationen von heute gewidmet: „Wenn wir beglücken wollen, müssen wir die Politik aus den Wolken erdwärts ziehen. Kein Hungriger wird gestillt Trat enter Abhandlung über die deutsche Kornausfuhr, kein Kranker geheilt mit einem Handbuche der Therapie, keine Bürgerfreiheit durch Moutesguieus geschaffen." Sogar in seinem Meister Rousseau bekämpft er die Neigung zu Weltflucht und Menschenscheu. . Das ganzeVolk ist eine UntrennbareEinheit und gerade jene, die der geistige iuid sWdle. MfftokratiHmUs "gewohnheitsmäßig als nichtexistierend bÄstachtet: die'Menfchen der untersten Volksschicht., machen den wertvollsten Bestandteil jener nationalen Einheit aus. „Etwas Kerniges nnd Festes findet sich nur an -der Scharre, in der untersten Luge des Volkes, und Brei bleibt Breil," sagt er in dem Jean Paul sich anmutenden Essay „Die Kunst, in drei Tagen ein Origigalschriftsteller zu wenden." Jean Paul hebt er in den höchsten Himmel aller Poesie, denn „er war der Dichter der Niedergeborenen." Nur aus dieser erngebvruen Sympathie, diesem religiösen Glcmben an das Recht der „Erniedrigten unld Beleidigten" erklärt sich Börnes Kosmopolitrsmus. Es war nicht das Ressentiment des entrechteten -Ghettostwnmlinigs, unbeschadet jenes skurilen Abenteuers mit dem Frankfurter Schreiber, der chm 1807 in den Paß schrieb: „Juif de Francfort" — : es war die Verzweiflung des deutschen Idealisten an der deutschen Wirklichkeit. Eine Zusammen sassuug der guten, unverderbten Volkskräste dies- Und jenseits des Rheins, schien chm allein die Reorganisation des heimischen Bo'kkslebens zu verbürgen. Nicht weil er svanzösisches Wesen etwa prinzipiell höher gestellt Hütte, sondern weil er -den nmmtürlichen Mschluß seines lBaterlandes nach außen hin als die Quelle seiner Vorirrteile, seiner Rückständigkeit, seines Elends, seiner Hoffnungslosigkeit ^begriff, weil er das. deutsche BrnneNländ er tum, das „Preußische Tertianfieber" fürchtete und haßte. Irr die stickige Atmosphäre jenes mit. Vorurteilen ummauerten Deutschlands den freidn Luschauch des. großen Völlerlebens einströmen zrr lassen, das deutsche Frecheitsgesühl zu stärken durch -den »beständigen Kontakt mit einem Bolle, das, trotz gelegentlicher Rückfälle, doch imM-er wirDer im Vordertreffen des Kampfes um die Befreiung des Menschen gefochten hat: das war sein weltpolitisches und das war zugleich sein nationalpolitrsches Ziel. In „Mentzel der FraUzosenfresser" steht das furchtbar prophetische Wobt: „Werden ldie Deutschen frei, dann sind.'-sie die besten Freunde nnd treuesten Verbündeten der Franzosen; nnd bleiben sie in ihrer gegenwärtigen Erniedrigung, dann werden sie in jede.m Kriege wte ho lländischeTonp seifen zerbrochen werd.en." „Freiheit und Friede" heißt »das Motto über Börues Lebenswevk. -Es fft weder als Ueberrreibunig, rmchals Scherz aufzusassen, wenn er in der Gestaltung des deutschfvanzösischen Verhältnisses hinter -den Vertrag von Verdun, also Himer das Jahr 843 zurnckgehen. will, da Deutschland und Frairkreich noch eine politische Einheit bildeten. Um 10 Uhr abends des IL.Fobrrrar 1837 starb Ludiwig Börne. Deutsche und Franzosen brachten ihn am 15. FckbrUar rra-ch dem Pere Lachaise. FraEreich uUd Deuffchland reichen sich auf dem RÄief seines Grabmöumnents die-Hände. Aufruf! Bei der Masienversammlung in der VolkshMel des Rathauses am 3. Marz d. I. kam. es zu blutigen ^Zusammenstößen, bei denen auch Pvlizeimannschaffen in Ausübung ihres-schweren Hienstes verwundet wurden^...-Zuschriften aus unserem Leserkreis bestimmen ums; .Mser wackeren Opfer ihrer Pflichterfüllung an disfer..Melle rühmend zu gedenken und urrsere Freunde zu einer Ehrengabe für diese Verwundeten aufzufordern. Beiträge nimmt -die Redaktion dieses.Blattes entgegen und wäden aus Wunsch gerne ausgewiesen.i .-. "..V , S«GSV0S0«G»»»O»0««DO»e»»OG«GG»GGO»«OOGGGG