Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 6 (15.3.1924)
- Date
- 1924-03-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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D i e Wahrheit Seite 7 6 Feueribohrer gekannt haben, wie wir ihn bei allen Primitiven Völkern über die ganze. Erde zerstreut vorfindein, wo er meist Es zwei einfachen drehrunden Stäbchen besteht, von denen das eine flach auf dem Boden liegt und mit den Füßen fest-gehalten wird, während das andere senkrecht -daraus mit den Händen, da und dort auch mittels einer Schnur, hin und her gequirlt wird, lieber irgend eine besondere Ausstattung des Feuerbohrers im alten Indien sind wir nicht unterrichtet.. Wo sich in unserer Literatur Angaben über eine solche finden, dürften sie wohl alle ans Emile Bncnous znrückgehen und übenviegend erst durch das Buch von Schliemann in-Deutschland bekannt getvOrden sein. Vor etwa zehn Jahren hat dünn in Leipzig ein betriebssamer und gesümnngstüchtiger Geschäftsmann Klebemarken in den Handel gebracht mit einem großen Hakenkreuz und der sinnigen Beschriftung „Arierblut höchstes Gut". Während des Krieges schien dann dieser ganze Unfug eingeschlafen und vergessen, bis er in den letzten Jahren wieder neu aufflammte und gerade setzt wieder die abenteuerlichsten Blüten treibt. Inzwischen hat 1916 (Z. f. E. Bd. -18, S. 364 ff.) Emile Burnouf noch zwei Nachfolger, L o ew e n t-h a l (!) und Mattlatzki, gefn>nden, die ihn an ausschweifender Phantasie noch weiter übertrefsen. Während Bnrnous das Hakenkreuz wenigstens ans dein unteren (weiblichen) Teil seines Fenerbohrers angebracht sein ließ, haben jene Herren es in der Art eines Schwungrades ans dem stabsormigen Quirl (also.dem männlichen Teile) befestigt sein lassen und sich dabei sogar eilte große, gänzlich aus der Luft gegriffene, den- Unkundigen trotzdem irreführende Abbildung geleistet. Sie stützen sich dabei aus eine von Dechelette veröffentlichte, -schon an sich höchst problematische Skizze, die einen Esirebelbohrer zeigt, bei den: das sonst bei derartigen Drillbohrern manchmal übliche dicke Schwungrad durch zwei über Kreuz gelegte Brettchen ersetzt ist. Man kann gegen einen loschen Unfug nicht energisch genug protestieren. ' Im vorgeschichtlichen Europa ist das Hakenkreuz überaus selten, in Australien und Ozeanien fehlt es wohl ganz;- recht selten ist es auch in Afrika, von wo nur von den Gewichten der Aschanti und als ein ab und zu anftauchendes Ornanient bekannt ist; auch in Amerika scheint es ursprünglich auf einige Stämnre am Colorado und auf mehrere Pueblo-Dörfer beschränkt. Sehr viel häufiger ist es im Bereich der alten Mittelmeerknltnren; weitaus am verbreitesten ist es in Ostasien; in China ist es ein Zahlzeichen für 19.000 und auch Glückszeichen; in Japan ist es in mannigfachen Varianten, rechts und linksläufig, in einen Kreis eingeschrieben und auch zu heraldischen Emblem mehrerer alter Kriegerfamilien geworden und erscheint, wie in China und den südostasiatischen Ländern, an Hunderttausenden von Knltgegenständen aller Arr. Wenn jetzt aber gesagt und immer wieder von neuem gedruckt wird, daß die Deutscheu „als Nachfahren der Germanen ein unbestrittenes Recht auf das Hakenkreuz" hätten, so kann das als einenaive und k i n d i s ch e Ent g l e i s <ti n g abgeleh nt werd en." lieber die Herkunft dieses Symboles, das sich unter anderen am Kopf einer Statue des?lpostets Petrus aus dem 13. Jahrhundert in Chur (Schweiz) als Kopfform findet, belehrt Dr. Vorwatl in der „Monatsschrift für Gssch. n. Wisi. 'd. Judentums" 1922' S. 9 ff unter anderem: Es steht der solare Charakter des Hakenkreuzes und sein Zusammenhang mit dem buddiftischen Sonnenrad fest. Dafür spricht auch ein altes astrologisches Zeichen, das aus einem Tierkreis, in den die 12 himmlischen Orte (Leben., Reisen,, Tod, Ehe usw.) eingetragen sind, und einem Hakenkreuz besteht, dessen Hauptbalken die Bilder Widder-Wage und Steinbock-Krebs verbinden. Dieses H o r o s k o p [tammt aier aus dem babylonisch-sumerischen K u l t ui r k r e i s, für den das Kreuz mystisch»' Zeichen pTr die Vierteilung des Kreislaufes und insbesondere das Zeichen der Sonne ist. In dieser Geftalr tritt sie uns schon in der ältesten Zeit aus einer Vase aus Susa entgegen. Weitere Funde aus der Zeit um 1300 vor un serer Zeitrechnung machenes wahrscheinlich, daß es sich in der elamischen Kultur wie bei den Hethelitern u m b a b y konisches Gut handelt . . . Die auffällige. Verwandt schaff der astronomischen Lehren bei Indern, CH ineseu, ''Avabern und Babyloniern führt nun unbedingt zur Annahme einer eirch eidlichen Herkunft ans Babylonien, da eine solche Aehnlichkeir bei den verschiedenen geographischen Breiten nicht anders zu erklären ist. Ans diesem Zusammenhang wird es verständlich, warum gerade chinesische Soldaten das Hakenkreuz (als lebensspendendes Zeichen) als Amulett zu tragen pflegen. Wie es m diesem Sinne i n Indien als Vrehmarke gebräuchlich ist, findet es sich auch auf Phaüusteinen in Japan (4. Jahrhundert). Nun ist die babylonische Kosmologie mir ihren Zeichen nicht nur »rach Osten gewandert, sondern hat auch den fernfteu Westen beeinflußt. Somit ergibt sich das Kuriosum, daß unsere Hakenkrenzler gegen den „Semitismus" losziehen unter einer Marke, die fraglos — semitischen Ursprungs nt. Börne, Deutschland und Frankreich. In einer der letzten Nummern dieser Zeitschrift brachten wir den Aussatz „Heinrich Herne und die deutsch-fra.nzöfische Verständigung" von Hermann Weirdel. Heute behandeln wir das gleiche Thema nach dem Artikel „Börne. Deutschland und Frankreich" in der Prager „Wahrheit", der hauptsächlich seine Betrachtungen aus den bekannten Pariser Briefen Börnes schöpft. Heine und Börne gelten als die Dioskuren revolutionären deutschen Schrifttums, weshalb sie von allen servilrückschrittlichen Elementen des l9. und 20. Jahrhunderts geschmäht und gehaßt wurden. Die Ereignisse haben indes besonders dem ethisch ungleich höher stehenden Börne in rnelen Stücken recht gegeben und seine tieffitzende Liebe zu Deutschland schlüssig nachgewiesen. In diesem Sinne hält sich der gedachte Aufsatz, dem wir Nachstehendes entnehmen: Es sink» wicht die schlechtesten Deutschen, die ins Exil gehen. Ihre elementaren Widerstände gegen heimische Unzulänglichkeiten sind nur durch Distanz' und Anlauf in Aktivität umsetzbar. Es ist, als brauchte ihr reisiger Liebeszorn .die richtige Hör- und Wurfweite. War im Vormärz ein geistiger Ncchkampf mit Metternich oder mit Gentz möglich? Ebensowenig, als heute etwa m-it Ludenborff oder Helsserich oder Kahr, sofern sie noch einmal zur Macht kämen. Dem ersten wirklich radikalen Deutschen Ludwig Börne brannte der Vaterlandsboden unter den Füßerr Ihn, den Kritiker ans Beruf und Leidenschaft, erdrückt die erznmpanzerte Kirchhossruhe der Heimat. Sein ganzes Denken und Wirken fft ja nur ein einziger Schrei nach Kamps. Und die Julireoolution das Alarmsignal, das ihn zum großen Ferntressen mit der deutschen Reaktion über den Rhein ruft.