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Die Wahrheit · 1924-03-15 · Heft 6 (15.3.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 6 (15.3.1924)
Date
1924-03-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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vou^.beredteren und. berufeneren Zungen bargelegt wurden ifl^was -DeMchland an chm verloren hat, so Ware dem Rechter, der alsgewandter Vortragender und Schriftsteller sehr bekannt ist, zu erwidern, daß seine Rachenau-Rede als.ein Musterbeispiel virtuoser Vortrogsgabe zu bezeichnen ist. Im Anfang fordert Brentano, daß „wir ohne Rathenau in sei'nem Sinne fortwirken, um das zu erreichen, was ihm für unser Vaterland vorgeschwebt hat." Das wird uns vielleicht schwer fallen, da Rathenau sich in, bei einem ganz großen, einzigartigen Manne verständlichen Widersprüchen bewegt hat. Auch Brentano gibt Widerspruchvolles in dessen Wesen zu, jedoch kommt er, wie auch wir, leicht darüber hinweg, denn es gab etwas, was dieses sich Widersprechende zu encheitlichem, energischen Wirken vereinte: „seine alles überschattende Liebe zu Deutschland!" - Brentano stellt den Juden Ravhenau, der einer Philosophie huldigte, in welcher das Prinzip aller wirtschaftlichen Tätigkeit, das Stieben nach Verbesserung der eigenen Lage als schnöder Materialismus abgelehnt wird, in glanzendem Gegensatz zu einem der erfolgreichsten deutschen Großindustriellen, den A r i e r Kirdorfs, der 1905 auf der Generalversammlung des Vereines für Sozialpolitik in Mannheim gesagt hat: „Es ist leider unsere Aufgabe, Geld zu verdienen!" Indessen, Rathenan hat doch rund fünfzig erfolgreiche Aktiengesellschaften ins Leben gerufen. Das beweist jedoch gar nichts, denn er hat bei seiner Berufung als Minister den Vorsitz in den fünfzig Gesellschaften anfgegeben. Und es ist chm nicht leicht gefallen. Denn er sprach davon „mit dem Schmerz des großen Organisators, der die Kinder, die er mit seinem Herzblut großgezogen, sich selbst überlassen rnuß." Rathenau jedoch tat es, denn das, „was ihm leitete, war s e i n P a t r i o t i s m u s!" Wir wollen uns nicht ausführlich mit beit Darlegungen Brentanos über die Tätigkeit Rathenaus für die Rohstoffbeschaffung und über die Gründung der Kriegs-Rohstoffabteilung des Kriegsminifteriums befassen, deren überwältigende Bedeutung selbst der preußische Kriegsminister Falken Hayn sofort erkannte. Und auch die verbissensten Gegner des Ermordeten müssen zugeben, daß ihm darin ein großes Verdienst zukommt. Zu diesen Gegnern zahlt selbstverständlich das Leipziger Organ der Antisemiten, der „Hammer", der dem Gehaßten nicht einmal nach seinein Tode Ruhe gönnen will und in einer der letzten „Folgen" sogar einen Beweis dafür erbringen wollte, daß der Ermordete es mit den Bolschewisten gehalten habe. Er stützt sich dabei auf die Tatsache (!), die er einem tschechischen Sozialisten (einen Namen zu nennen, hält der Hammer nicht für opportun^ verdanken will, daß vor Jahren, als Radek einmal in Berlin im Gefängnis saß, Rathenau bei chm aus- und einging und freundschaftlich mit chm verkehrte. Auch hat sich ja der Ermordete selbst gerühmt, daß er dem Moskauer Sowjet Pläne für sein Wirtschaftssystem geliefert habe. Auch hier hält los Theodor Fritsch für überflüssig, wissensdurstigen und skeptischen Lesern nähere Angaben zu machen. Zu diesen Skeptikern gehören auch wir, wir sind aber trotzdem fo entgegenkommend, Herrn Fritsch auf eine Stelle, im Bortrage Brentanos aufmerksam zu machen, die ihm bei der Jagd nach Beweisen für Rathenaus Komplott mir den Kommunisten entgangen fein dürfte. Sie lautet: „Durch die Kriegs-Rohstoffabteilung Rathenaus entstand eine planmäßige Organisation der deutschen Kriegsindustrie, die an die Methoden des Sozialismus und Kommunismus streifte." Um nicht etwa aus dem Gewissen zu haben, daß Herr Fritsch vor Freude wahnsinnig wird, müsien wir ihm gestehen, daß Brentano die Wirkung abschwächt durch den folgenden Satz: „wenn auch nicht in dem Sinne, wie radikale Theorien es gefordert hatten." Mer dieser Nachsatz läßt sich ja wegleugnen, der „Hammer" ist durch die Reproduzierung von aus dem ganzen Zusammenhang gerissenen Sätzen berüchtigt, wie zum Beispiel des famosen Geständnisses Walter Rathenaus, das beinahe in jeder Nummer des „Hammer" als „Merkwort" aufgeitifcht wind: „Dreihundert Männer, die sich untereinander kennen und die Nachfolger aus diesem Kreise wählen, lenken heute die Geschicke der Welt." Auf dieses Geständnis folgen regel irn Herzen brandet, wie Feuersgluten das Blut entflammt und Dag und Nacht in die Ohren gellt: Ausl schaffe, wirke! Gott ist mit uns! Wehe über ein Volk, das seine Schande liebt!- Unter dem Druck der Jahrtausende qualvoller Golusleiden ist stumpf geworden dies Volkes Herz, verworren sein Sinn. Die Peitsche gewohnt, wie soll es des Sklaven Schande fühlen, wie anders als für das Heute sorgen, wie von Zukunft träumen, nach dem Licht sich sehnen? Ein verwehtes Blatt, eine Blüte, verdorrt, wie kann es der Tau beleben? Und ruft das Signal, wird die Fahne gehißt, erwacht dann der Tote? Erbebt dann der Tote?" -' Dasselbe grollende Mitleid mit den Rückständigen, mit den erstarrten, verknöcherten Seelen, die nicht mit ihm dtzn Drang nach Freiheit, die Sehnsucht nach Sonne teilen,' klingt aus dein kernigen Gedicht „Die letzten Töten in der Wüste". Es zeichnet Josua, den Helden, wie er das neue Geschlecht, das in der freien, grenzenlosen , Wüste ausgewachsen, aufrust, in die neue Heimat zu folgen. „Was scheren sie uns, die Sklavenleichen, die in der Wüste zurückgeblieben? Laßt sie verwesen in ihrer Schmach auf den'Bündeln, die sie mitgeschleppt ans dem Kerker Mzraims. Laßt sie träumen von den Fleischtöpfen und Zwiebeln Aegyptens! Noch heute oder morgen teilt der Wind mit dem Geier die Leiche des letzten Sklaven und einem starken, freien Geschlechte lacht zum erstenmale freudig die Sonne mit strahlendem Blick, und jauchzend grüßt das neue Geschlecht den goldenen Strahl der Freiheit." 1000 kehrte Bialik nach Odessa zurück, wo er sich mit Schriftstellerei und Unterrichten beschäftigte. Er wurde Mitherausgeber der hebräischen Zeitschrift „Haschiloach" und Mitglied des Verlages „Moriah". Später gründete er die hebräische Tageszeitung „Haam" und Verlagsanstalten, wie „Hatchia", „Achiewer" und andere. Praktisch betätigte er sich ferner bei 'der Einberufung des Tarbuth-Kongresses nach Moskau 1917, durch Gründung des hebräischen Lehrerseminars ebendaselbst und anderer Förderung des hebräischen Kultur Werkes.. Wie als Mitherausgeber «des weitverbreiteten „Sefer agada", hat er sich auch in jüngster Zeit durch Veröffentlichung von Sammelwerken, wie den folkoristisch wertvollen „Reschumvth" u. a. verdient gemacht. Persönlich traten wir einander näher ans dem Wiener Zionistenkongreß. Ich hatte bereits den gefeierten Dichter; in einem öffentlichen Vortrage gewürdigt und war umso j mehr auf den unmittelbaren Eindruck 'des Menschen Bialik gespannt. Und dieser wurde mir zu einem Erlebnis. Ms

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