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Die Wahrheit · 1923-03-01 · Heft 5 (1.3.1923) · page 16

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 5 (1.3.1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 Die W, a hrheit Nr. 5 löffcit, svnÄern -daß wichtige grnvid legende Lehren beiden gemein sind. Dazu gehört die richtige, nämlich die geringe Emschätzmig der Gäter und Genüsse dieser Welt. Die interessLnte Parallele Zwischen Diogenes C ih a-m m a b e n D o s s a, die übrigens «Ach für das Leben S p v n ozns zntriffi, wird sicher die UebereinstimntiMg der von Seneoa vorgetragenen Lehren mit denen der gleichzeitigen Raibbinen erweisen, welche bloß die goldene Mittellinie zwischen allzu reich und allzu arm in kluger Weise als erstrebenswert empfehlen. Sehr hÄbsch war diesibezüglich das Zitat einer Erzählung, nach welcher H i o b von der All- . macht vor die Alternative gestellt, unsägliche körperliche! Leiden oder größte Armut zu erdulden, die ersteren sich ausbat. Der Leidende ist nach der Lehre der Stoiker der bessere Mensch so wie einer rabbinischen Feststellung nach die drei höchsten Güter, die Dhora, das heilige Land und das ewige Lüben nur auf Grund von S ch m e r z e n zu erringen waren. Das Leiden ist jedoch von «beiden Schulen als unabänderlich, mit- Mut bei der einen, mit Resignation bei der anderen, zu ertragen gelehrt worden, nicht aber ntrt Selbstgerechttgkeit und großem Aufheben darüber. Daß bei Seneca die ganze Welt als Bat er l and, als einziger Staat aufgefaßt worden, ist mit dem Kosmopoli-tismns des Judentums, wie er bereits in den ersten Kapiteln der Genesis niedergelegt bst, in klebereinftimnrun>g. Aber es bestehen zwischen beiden auch ganz stark ausgeprägte, grumdlegende VerschrckdenheÄen. Bor allein fehlt der gesamten heidnischen Philosophie, also auch den Stoikern jedes Vertrauen zur Allmacht Gottes; sie kennt nur Vernunst und gesu.nden Vrensstjenverstand an, ohne jede Beziehung zum Ewigen. Die Götter freuen sich des mutigen Unrterliegcns eines Cato während nach raibbinischer Auffassung die „Sch echt na" Mer das Martyrium der Frommen Tränen vergießt. Da die Ananke, dos Faktunt jeden Optimismus (was S t e i n h e i m so tief schürfend nachveist) ansschließt, achtet die stoische Philosophie das Leben gering und gestattet den Selbstmord. Das Judentum und sogar der stark unter dem Einfluß des griechischen Phrlosophens stehende I o s e f n s Flavins hält es für sündhaft, den Posten, auf den Gott den Menschen gestellt, freiwillig und eigenmächtig zu verlassen. Der Heide leibt nur für sich; „allen Wesen freundlich gesinnt sein und sie für die Lehre zu gewinnen-", predigt der Rabbinismus, um die Welt -ethisch zu verbessern. Wohlverdienten Beifall zollte ein diesmal zahlreicheres Auditorium dem Redner für seine lichtvollen Ausführungen. Das neue Europa. Internationale Adonatsfchrist. Verlag „Das neue Europa" Zürich, Berlin, Wien. — Das vor kurzem zur Ausgabe gelangte Jänner-Februar-Heft der von Dr. Paul Cohn herausgegebenen Monatsschrift „D a s n e u e E u r o p -a" eröffnet den 9. Jahrgang dieser durch alle Wirrnisse der Kriegs- und Uebevgangszeit hindurch unbeirrt und mutvoll fortschreitenden Borkämpferin für eine bessere Zukunft. Die Zeitschrift hat auf Grund ihres neunjährigen Bestehens sich bereits eilten gesicherten Ruf und eine erstklassige Rangstellung in der Publizistik geschaffen, so daß sie einer besonderen Ennpfchlung nicht mehr bedarf. Die Zeitschrift hat ihren Wirkungskreis bedeutend erweitert und auch in den Hauptstädten Deutschlands und Oesterreichs Zweigniederlagen errichtet. Berichtigung. In der letzten Nummer war der 9inme des Vortragenden über Nietzsche und die Juden (irn Verein für Geschichte und Literatur) .unrichtig angegeben: es war Herr Dr. Richard Korn (nicht Koreci. MMWW Vermischtes Der Wiener Stadttempel. Nach einer sechswöchigen Frist zur Renovierung des Wiener Stadttempels, der sich, dank der eifrigen Bemühungen des Kultusvorstandes, in äußerst stilvoller Weise repräsentiert, fand Freitag, den 23. Februar, die Wiedereröffnung dieses ältesten Wiener Gotteshauses vor geladenen Besuchern statt. Zur Feier waren der gesamte Kultusvorstand mit seinew Präsidnten Prof. Dr. Ä. Pick, der Bethmtsvorftand ntiC Präsidenten A. B e ck, die Beamtenschaft mit den 'beiden Sekretären Dr. E. Adler und G. Fuchs gelb und zahlreiche Honoratioren der Gemeinde erschienen. Den lantoralen Teil besorgte Oberlkantor B. Kauf mann mit großer Chorassistenz. Im Rahmen seiner Predigt verwies Oberrabbiner Dr. R. H. Chajes geistvoll daraus, daß die neue Ausgestaltung dieses ehrwürdigen Gotteshauses symbolische Bedeutung für den Geist der Wiener Judenschoft habe, die emst schöne glänzende Tage gesehen und hoffentlich solchen wieder entgegensehen werde. Ernennung von Bethausvorstehern. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeindc Wien hat die Herren Knltusvorst. Julius Berg e r, Franz D c n c s, Kultusvorst. D. Doha u, Sügmund E r nst, Direktor Alfred- L a n d e sb erg er, Direktor A. Löfkowicz und Aron Spitzln a n n als Mitglieder in den Bethausvovstand für den 1. und 2. Bezirk berufen. Generalversammlung der „Wohlfahrt". Bon einem Amveicii-bcu der am 1. Februar stattg-efuudeuerr Generalversammlung erhalten wir folgende Schilderung seiner Eindrücke: Jedem Teilnehmer mußte sich der Gedanke -ansdrängen: hier wird eine Arbeit geleistet, der sich kein Wiener Jude versagen dürfte. Mögen sich auch die Budgetvcrhältnisse der Kultusgemeinde noch so günstig gestalten, sie werden kaum zur Erhalt u n g des gegenwärtigen , Status des Spitales und besonders -des Bersorgungs- und Siechenhauses hinreicheir. Hunderte von Gesuchen um Aufnahme in die Versorgung liegen vor, .darunter viele, die seit Jahren datieren rnd noch auf längere Zeit hinaus nicht berücksichtigt werden können. Wer aber diese Gesuchsteller sieht, darunter hochachtbare Gemeindemitglieder, die jetzt im hohen Alter unter der Ungunst der Zeitverhältnisse um Obdach und Unterhalt gekommen sind, dessen Herz müßte aus Stein sein, wenn er nicht unwillkürlich die Hand zur Behebung dieses Jammers rühren wollte. Und nun gar die anderen Wohlsahrtsinstitute, die nicht der Gemeinde unterstellt sind und ausnahnislos von der Hand in den Mund ihr Dasein fristen! Und dies zu einer Zeit, in der die Auslandshilfe immer spärlicher fließt und sie fast ausschließlich auf die Opfevwilligkeik unserer Wiener Mitbürger angewiesen sind. Da dürfte es in Wien keinen einzigen -geben; der sich des Anblickes seiner Eltern erfreuen darf, ohne daß er derer gedächte, die ohne kindliche Stütze der doppelten Not des Alters und der Not Preisgegeben find. Kein Vater, keine Mutter können dem Himmel für die Gesundheit ihres Kindes besser -danken, als indem sie für die blinden, taubstummen, -elternlosen Kleinen nach Vermögen eine Spende opfern. Der Gedanke an die Wandelbarkeit des Menschenloses muß dem Besitzenden, wenn er nicht gedankenlos in den Tag hineinlebt, zu bedenken geben, wie es wohl jenen ergehen mag, die ohne eigenes Verschulden Hab und Gut eingebüßt haben und zugrunde -gehen müssen, wlinn nicht eine Bruderhand ihnen aufhilst. Täglich kann man aber sbeobachten, wie planlos und darum sinnlos für alle möglichen Zwecke gespendet wird, wo eine systematische, wohl organisierte Zusammenfassung der Kräfte fehlt. Selbst bei redlichstem Wollen ist der einzelne nicht imstande, den Strom der Gaben, wenn überhaupt von einem solchen gesprochen werden darf, in das richtige Beet zu leiten und. zur zweckmäßigen Stellung des grenzenlosen Gebietes der Wohlfahrtspflege auszubeuten. Da müssen Männer ihr Werk tun, die mit den schwersten Opfern an Zeit, Mühe und Mitteln mit liebevoller Hingebung jeder Einzelheit ihr volles Augennrerk widmen. Eine solche .-Gemeinschaft stellt der Verein „Wohlfahrt" dar. In aller Stille und Anspruchslosigkeit, ohne Bluff und Personenkultus, mit kaufmännisch korrekter Geschäftsgebahrung und strenger Sachlichkeit, wird hier, abseits von dem Parteigetriebe, einzig und allein der heiligen Pflicht zu Helsen gedient. Um so

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