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Die Wahrheit · 1923-03-01 · Heft 5 (1.3.1923) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 5 (1.3.1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Veröffentlichungen . der „dnion deutschösterreichischer Juden" Wien >x , Serggaffe 4 Postfv arksffenkorUo Uv.^464 Trlrpko» Ar. 19-8-77 Wer regiert in Oesterreich? Wir sprechet! nicht isAr die Juden, wir sprechen für diesen zerstückelten und gequälten Staat, der mühselig uni sein elendes Dasein ringt. Neuerlich hat der Bundeskanzler seinen Bittgang nach Paris unternommen und ein großer Stab von Finanzleuten reist in ganz Europa herum, um den Bettelpfennig von 31/2 Millionen Pfund aufzudringen, der uns gestatten wird, bis zum Juni dieses Jcchres nicht zu verhungern. Mittlerweile ist daheim die ärgste Gesetzlosigkeit und Gewalttätigkeit eingerissen. Die nationalsozialistischen und großdeütschen Hakenkreuzler proklamieren den Vernichtungskrreg gegen die Juden, die monarchistischon FronÄLmpfer bewaffnen sich gegeri die Sozialdemokraten und alle zusammen.untevwühlen die Grundlagen der lliepubM. Jeder Dag bringt Akte einer zügellosen Brutalität, welche den Ruf Oesterreichs als des Zentrums mitteleuropäischer Kultur zuschanden machen. Auf offener Straße werden politische Gegner niedergeknallt, Frauen und Mädchen, die sich knnstfroh und wissensdurstig in Konzerte und Vorträge drängen, mit Gummiknütteln und Totschlägern niedergeischlagen und mit Füßen getreten. Versammlungen wenden gesprengt nnd dabei förmliche Schlachten geschlagen nnd fast jeder Tag bringt Straßendemonstrationen, vor denen die Geschäftsleute on>gstooll chre Tür schließen. All dieses! Roheiten gegenüber ist die Regierung machtlos. Die Regierung? Wer ist sie und wo ist sie? Sie besteht aus einer Koalition zwischen Ehriftlichsozialen und Großdeutschen, aus offenen oder verkappten Gegnern der gegenwärtigen Staatsordnung, insgesamt über aus Widersachern der geltenden Verfassung. An ihrer Spitze steht der Bundeskanzler Dr. Seipel, der im Herbste des Vorjahres in einer Versammlung des katholischen Volksbundes erklärte: „Wir sind keine Rassenantisemiten!" Die drei wichtigsten Portefeuilles seines Kabinetts, jenes des Innern, der Justiz und des Handels, find von den Raissenantisenriten F rank, W a b e r und Kraft besetzt, die, im Widerspruch mit dem obigen Diktum des Kanzlers und ohne jede gesetzliche Handhabe, Regierungsakte vollziehen, die 'auf den Rassenstand Punkt gegründet sind. Herr Frank beteiligt sich an Beratungen der Rektoren Mid Studenten zur Ausmerzung der Lehrnnd Lernfreihet und verwandelt die Volkszählung in ein Werkzeug, zur Durchsetzung jenes Rassenstandpnnktes, den ihr Regierungschef ablchnt. Herr Waber dirigiert feine Staatsanwälte, welche aufreizende Plakate der Hakenkreuzler, die offensichtlich das Vergehen nach § 302 St.-G, begründen, dulden nnd die ftrasgerichtliche Verfolgung ihrer Urheber und Verbreiter ablehnen, und Herr Kraft ermuntert die Werbungen zur Anlegung eines J-udeükatasters, der die erforderlichen Unterlagen für die wirtschaftliche Boykottierung der jüdischen Geschäftsleute bieten soll. Und diesem Geiste willig entsprechend, breitet die Polizei den Schleier der christlichen Nächstenliebe über die Namen jener Kuüppelgarde, die sie, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, wegen ihrer Hel- .dentaten gegen wehrlose Frauen bestrafen mußte. Wer regiert in Oesterreich? Wir wiederholen, daß wir diese Frage nicht im Interesse der Juden erheben. Wir haben im Laufe der Jahrhunderte Aergsres überdauert als die weiße vielte und das Hakenkreuz. Viögen einzelne Juden unter gewalttätigen Ausbrüchen des Antisemitismus leiden, das Judentum wird trotz aller Lügen, Fälschungen, Verhetzungen nnd Roheiten sortbeftehen. Aber ist das f ü r O e st e r r e i ch s o absolut siche r? So lange der Haß gegen dieses Staarswesen und einzelne Klassen feiner Gesellschaft lediglich eine Parteifache war, solange die Regierung es als ihre Ausgabe betrachtete, gegen programmatische Bestrebungen oder seLbft gegen »konkrete AusschreitnUgen dieser oder jener Partei das verfassungsmäßige Recht zu roahren und die 'Schärfe des Gesetzes im Sinne objektiver Gerechtigkeit anzuwenden, konnte man sich über diese Fvage beruhigen. Alber 'heute sitzt der Urgrund alles Uebels in der Regierung selbst. Von den beiden koalierten Regierungsparteien gilt das Wort Heines: „Selten habt ihr mich verstanden, Selten mich verstand ich euch, Nur wenu wir iim Dr... uns fanden, Da verstanden wir uns gleich!" Die edlen Genossen streben weit auseinander, die einen wollen in urciefster Falte ihres Herzens das alte Oesterreich, aber ein nlonarchistisches, die anderen wollen den Einschluß an das deutsche Reich, aber an ein imperialistisches. Dieses ungleiche Gespann ist heute vor den österreichischen Staarswagen gespannt und ein gleichmäßiger Trott ist nur zu erzielen, wenn der Kutscher statt des „Hüh" und „Hott" das antisemitische „Hepp, hepp!" anftiMmt. Verwundert fragt man sich im Auslanüe, ob es nicht schon den konstitutionellen Rechten und Frech ecken an die Wurzel gehen soll, in einem Alugenblick, wo Rrche, Ordnung und Stabilität als Voraussetzungen der kredckpolckischen Aktion gefordert werden müssen. Ms diesen kreditpvlitischen Rücksichten hat marr mit Recht Herrn Ludendorss in Wien nicht öffentlich reden lassen, aber man duldet in selbstmörderischer Inkonsequenz das schandbare Treiben der Hakenkreuz ler und Mitglieder der Regierung bekunden in rühriger ^Aktivität ihr offenes Einverständnis mit demselben. Bei der Straßendemonstration dieser Sturm truppe am 28..Jänner d. I. wurde folgender Schwur geleistet: „Wir schwören unter dem Banner des Hakenkreuzes als dem Zeichen der Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes für unser Volkstum alles, auch das Leben, hinzugeben. Wir schwören, beseelt vom heiligen Haß, nicht Ruhe, noch Rast -zu kemren, ehe nicht die Ursache unseres Elends und unsere Schmach, das internationale Judentum, der Träger des Weltkapitnls, als ein Vampyr an jedem Volke, zunächst aus dem Kulturkreis des deutschen Volkes, mit allen zur Verfügung st e h e n b t n Mitteln entfernt worden. So -wollen wir in brüderlicher Liebe zu einander halten bis zum siegreichen Ende. Das walte Gott!" Borlänsig haben die tapferen Germanenjünglinge nicht ihr eigenes, sondern das Leben anderer gefährde: oder gar vernichtet, Alber „ward je in solchen Saufi ein Weib gefreit?" Har je ein Staat unter solchen Umstanden nm Vertrauen und Hilfe des Auslandes geworben? Wenn die Dinge sich so weiter entwickeln wie bisher, so treiben wir mir vollen Segeln der ''Anarchie und letzten Endes dem

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