Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 5 (1.3.1923)
- Date
- 1923-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 D i e Wahrheit Seite 5 wegen mit „ihrem" Golde fertiggebracht haben, in eiuwit plombierten Viehwagen, der allerdings häuslich einge> richtet war, aus der Schweig über das verjudüte Deutschland nach Moskau zu gelangen urrd nach vorbereiteter Christenmetzelei sich der Macht über Rußland zu bemächtigen und das nichtjüdische, russische Millionenvolk zu Sklaven und Bettlern und schließlich zu — Menschenfressern — gu machen. Dies entspricht ganz genau den verfluchten Lehren des Talmud: „Rache den Gojims bis ins letzte Glied der Familie." Angesichts solcher Verdächtigungen und Angriffe muß uns aber die offene und frei bekundete Achtung und Wertschätzung von Juden seitens gesinmmgstüchtiger Charaktere mit besonderem Stolze erfüllen. Und so können auch wir „mit einenr trock'nen, einem feuchten Auge" das Purim fest feiern. Dr. R. D. IsaK Noa Mannheimer. In der Wucht der Zeiten, bei allem Wandel und Wechsel der Ereignisse, in -denen ihre Träger — wenn sie auch noch so lichtvoll und hervorragend von — dennoch wieder auftraten, der mit mächtiger Wucht heranstürmenden neuen Zeit in den Hintergrund gerückt werden, gibt es dennoch Persönlichkeiten, an deren Namen und Andenken der Zahn der Zeit nicht nagen konnte, die einen solchen Eindruck und Einfluß ans ihre und alle folgenden Zeiten geübt, daß sie gleichsam fortleben, weil — sortwirken. Denn das Gepräge, daß sie ihrer Zeit gegeben, bleibt nnverwischt, dauert fort und wird immer sortdauern. Eine solche Persönlichkeit war in der Wiener israelitischen Kultusgern ein.de, ja im österreichischen Judentum weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus der Mann, dessen Name an der Spitze dieser Zeilen steht, dessen Leben u n d W i r k e n der rühmlich bekannte Rabbiner der sich in das Studium der alten Folianten -vergräbt. In diesem Gedichte Bialiaks lebt, wie man treffend gesagt hat, der Bachur unsterblich im Gesänge, noch bevor er im Leben unter gegangen. „In diesem Hause," so schildert Bialik in seinem „Masmid" (Der Fleißige) das Milien seines Helden, „zwft-chen diesen Wänden verstrichen volle sechs Jahre seines jungen Lebens. Hier endete feine Kindheit und reifte ferne Jugend, hier erlosch sein Auge und verblich seine Wange. Vor sich fah er keinen Strahl der Sonne, nichts als Spinnweben und geschwärzte Mauern. Bolle sechs Jahre der Jugend und Blüte schwanden, ohne Leben, einem Schatten gleich, für immer, als ob diese Jahre seinen Kerker nicht berührten, feine Ecke nicht streiften, als hörte hinter dieser tiüsen Wand die Erde aus, als sei hinter dem Fenster die Sonne erloschen, als sei aus dein Kinde kein Jüngling geworden, gleich einem Schatten, einenr Schemen sechs Jahre der Jugend!" Die Genossen wechselten, die einen gingen, andere kamen. Teils wurden sie von der Anstalt sortgewiesen, der eine wegen heimlichen Kartenspiels, dev andere wegen lockerer Sitten, ein dritter wegen heimlichen Studiums des More nebuchim, der -vierte wogen Rauchens am Sabbath an einem gewissen Orte. Manch einer wurde Gatte einer drallen Schonen -vom Dorfe, ein anderer Rabbiner einer großen Gemeinde. Nur der eine, der „Masmid", bleibt unbeweglich.an seiner Stelle. Hinter ihm braust das bunte Leiben und die Jahre ziehen eines nach dem anderen vorüber, vor chm —, die eherne Wand, die düsteren Winkel und grauen Folianten. Nur das Morgenisraelitischen Kultusgemeinde Dr. M. Rosen mann auf Grund eingehender und gründlicher Studien in einem jüngst erschienenen Werke uns darftellt.H Es darf einleitend schon gesagt werden, daß der Autor es verstanden ' hat, den Mann, der Schöpfer und Organisator der Wiener Kultusgemeinde und vieler ihrer Institutionen war, mit Worten gleichsam zu porträtieren, dessen Schöpfungen über die meisten Gemeinden Europas und auch jenseits des Ozeans Eingang, aber auch Verständnisvolle Würdigung gesunden haben. Das Werk bedeutet und beinhaltet aber viel mehr als eine Darstellung der Bedeutung und Wirksamkeit Mau-nheimers. Es ist zugleich ein Beitrag — wie es aus dem Titelblatte heißt — und zwar ein wesentlicher und wertvoller Beitrag, ein Stück Geschichte der israelitischen Kuldusgememde ru Wien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dm Verfasser versteht es mit historisch-kritischem Sinne und Geiste die oft sehr fein gesponnenen Fäden aufzunehmen und sie mit dem Auftreten und Wirken Mannheimers zu verknüpfen. Er will ferner in klarer und durchsichtiger Form ein anschauliches Bild der Zeitgeschichte geben, die sie bewegenden Persönlichkeiten markant zeichnen und ihre Charaktere lichtvoll hervortreten lassen. Auch die religiöse Entwicklung der Gemeinde, sowie Deutlichkeit der Erklärung religiöser Einrichtungen hat der Verfasser im Auge gehabt und den untrennbaren Zusammenhang der jüdischen mit der allgemeinen Weltgeschichte zwanglos verbunden, wobei die Ergebnisse der neuesten Forschung verwertet wurden. '■) Jsak Noa Mannheimer, sein Leben und Wirken von Doktor M- Rosenmann, Rabbiner der israelitischen Kultusgemernbe in Wien. R. Löwit, Verlag, Wien und Berlin 1922. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der israelitischen Kultusgemeinde in Wien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nebst einer Auswahl der politischen Reden und Schriften Mannheimers. grauen, der Mond und die Nacht, die wissen, wann er kommt und geht. Die Sonne har ihn noch nie gesehen. Nur ein Hoffnungsstrahl belebt dieses Schattendasein. Der Masmid träumt von seiner Rückkehr zu den teuren Eltern, vom Rufe eines großen Gelehrten dem Stolz seiner Vaterstadt. Und in diesem Traume wird ihm teuer sein Leiden, sein Hungern, sein düsterer Winkel. „In meiner Jugend," schließt der Dichter, „habe ich diese Helden des Geistes gesehen. Jeder Blick ihrer Angen sprach von erwürgten Gefühlen, von erloschenen Funken. Gedenke ich ihrer Stimme, ach! so traurig klang sie wie Todessenfzen, dann klagt meine Seele: O Gott, warum wird diese Kraft vergeudet?" Nach dein Verlassen der Jeschiwa wandte sich Bialik, ohne seine Verwandten davon zu verstandign, nach Odessa, dem Mittelpunkt des jüdisch-geistigen Lebens in Rußland und dem Wohnorte Achad Haams. Mit 18 Jahren, ohne alle Mittet, selbst ohne genügende Kenntnis der Landessprache, kam Bmlik nach Odessa. Seme einzige Bekanntschaft war der Sohn eines dortigen Rabbinutsassessors, mit dem er von Wolozin her freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Die Familie verschaffte ihm unentgeltlichen Unterricht im Russischen und anderen für ihn wissenswerten Gegenständen, sowie einen Schüler, den er im Hebräischen unterwies. Doch dieser Schüler starb kurz daraus und Bialik stand wieder mittellos da. Eine glückliche Fügung brachte ihm die Gelegenheit, dein Veteranen der jüdischen Literatur M. L. Lilienblu m seine Gedichte zu zeigen, und dieser machte daraufhin Bialik mit seinem Ideal Achad Hanm -bekannt.