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Die Wahrheit · 1923-02-15 · Heft 4 (15.2.1923) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 4 (15.2.1923)
Date
1923-02-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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'Veröffentlicbiincfen Wie» IX.. Berggaffe 4 . der Nostsparkaffeirkorrto Kr. 9464 „Union deutscböstemicblscbcr Inden" Trirphorr Nr. 19-2-17 Und wieder die Blutlüge? Ist es Zufall oder Absicht, daß in dem Augenblicke, wo die vereinigte Front aller Antisemiten nationaler, klerikaler und monarchistischer Färbung sich zum Generalsturm gegen . -die Juden rüstet, die Blutlüge wieder auftaucht und scheinbar mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen drapiert wird? So war es, als Mitte der Achziger Jahre die „Vereinigten Christen" in Wien unter Luegers Führung die Herrschaft antreten wollten und der Prager Dheologieprofefsor August Rohling mit Hilfe des Apostaten Brimann sich zum Meineid darüber erbot, daß die Juden zu rituellen Zwecken Christenblut brauchen. Dr. Josef Bloch |>ai damals mit kühnem Mute dem Lügen- und Fälscherpaar die Maske vom Gesichte gerissen utü> Herr Rohling ist in die Nacht des Bergessens versenkt worden. Nun wagt es ein Mitglied der Wiener Universität — das ist charakteristisch für den Tiefstand, auf den diese Hochschule herabgesunken ist — der Professor der biblischen orientalischen Sprachen und Zifterzienserpriefter P. Nivard Schlögl neuerlich die öffentliche Behauptung, daß es unter den Juden Ritualmorde gebe. In eurem Artikel, den die famose „Reichspost" vom 24. Jänner d. I. veröffentlichte, schrieb Herr Schlögl wörtlich folgendes: „Und welchen Zweck haben die vielen Ritualmot d e? Doch nur den, damit sich die Juden, falls Jesus doch der verheißene Christus war, durch Genuß von Christenblut vor der ewigen Verdammnis bewahren? Sollte eine schlechtere Absicht als dieser religiöse Wahn den Ritualmorden zugrnndeliegen? Warum werden alle Prozesse über diese M.orde von der „A l l i a n c e I f r a e l r t e" u n t e r d r ü ck t? Jedenfalls sollten jene Juden, die nicht diesen Irrglauben teilen, zur Entdeckung der Wahrheit Mitwirken. Wie heißt es wörtlich bei Johannes 8, 32? „Die Wahrheit wird »euch frei machen". * Herr Schlögl ist ein sonderbarer Heiliger. Cr hat vor einiger Zeit, offenbar mit untauglichen Mitteln, eine neue Bibelübersetzung begonnen, deren erste Lieferungen das Mißfallen ber päpstlichen Kurie erregten' die das Werk auf den Index setzte. Herr Schlögl ist damals nach Rom gefahren, um sich zu rechtfertigen und das Werk freizumachen; das ist ihm nicht gelungen. Bis dahin war gegen die persönliche Achtbarkeit des Mannes nichts einznwenden gewesen.' lieber die Qualität seiner Bibelübersetzung, die den Buchstaben, in einem gewissen -mödernen Geiste auszudeuten suchte, sind wir nicht berufen, zu urteilen. Mer Hoyia locuitsa est, und nun ist Herr Schlögl als überzeugter Ritualmordgläubiger aus der Ewigen Stadt zurückgekchrt. Oder vielmehr, der Ehrgeiz, dem die päpstliche Kurie auf dem Gebiete der Bibelkommentierung eine unübersteigliche. Schranke zog, hat sich auf ein anderes, vermutlich dankbareres und raschen' ErfoVg verheißendes Gebiet geworfen: aufdieJu den hetze durch das Mittel . d er Blut lüge! Die Theologie ist — sit venia verbo! —• die Wissenschaft des Glaubens. Die Behauptungen des-Theologen haben daher ' gegenüber denen des wifsenschatflichen Forschers Won vornherein den Vorteil der Dogmatik, die Voraussetzung der absoluten Unbezweifelbarkeit 'für sich. Geheiligt durch fermen Stand und fein Kleid, wird 'deshalb der gewissenhafte und redliche Priester sich wohl hüten, Behauptungen in die Welt zu setzen, die das Fundament feines Wirkens, die Glaubwürdigkeit und die Gläubigkeit, erschüttern müßten. P. Nivard Schlögl hat sich an diese priesterliche Pflicht nicht gehalten. Mit apodiktischer Bestimmtheit erklärt er, daß die Juden Ritualmord üben und daß sie alle Prozesse über diese Morde unterdrücken. Nur über den Zweck dieser angeblichen Taktik ist er sich nicht klar und stellt die Vermutung auf, daß sie, falls Jesus doch der verheißene Messias sei, durch Genuß von Chriftenblut sich vor der ewigen Verdammnis bewahren. Diese Erklärung ist so unglaublich naiv und absurd, daß wir nichc einmal Hermn Schlögl zumuten können, cm. sie zu glauben. Gibt es wirklich Juden, die sich eine Versicherungsprämie darauf nehmen wollen, daß vielleicht doch Jesus der verheißene Messias fei, gäbe es doch ein viel einfacheres und ungefährlicheres Mittel, sich den Himmel zu sichern, indem sie, statt ein todeswürdiges Verbrechen zu begehen, offen oder heimlich die Taufe nehmen. Der Ritualmord wäre doch die riskanteste Art, um den lieben Gott zu betrügen, und Herr Nivard Schlögl hat nicht das Recht, die Juden für noch dümmer -zu halten, als es seine 'ausgeklügelte Erklärung ist. Aber der Mann ist doch schlauer, als er sich den Anschein gibt. Die Hauptsache ist ihm nicht die Motivierung des angeblichen Ritnalmordes, sondern die Wiederholung dieser immer wieder vorgebrachten und tausendfältig widerlegten Anklage. Unter den römischen Kaisern wurde dieselbe Anklage von Heiden gegen Christen erhoben und diese hätten es doch gewiß nicht notwendig, sich durch den Genuß von Heidenblut für den christlichen Himmel zu assekurieren. Nein, nein, die politische Judenhetze braucht wieder einmal eine geistliche Bekräftigung, eine priesterliche Autorisation, und Herr Schlögl hat sich zu diesem schmählichen Dienste her-gegeben. Er ist herausgefordert worden, seine Anschuldigungen im Gerichtssaal zu beweisen. Er wird der Stätte des Gerichtes ebenso ausweichen, wie es seinerzeit sein Confra-ter Rohling berüchtigten Angedenlkens -getan hat. Rohling ist als Meineidiger ^brandmarkt worden. Herr Schlögl hat nichts auf seinen Amtseid genommen, er hat nur öffentlich gelogen, und zu dem Brandmal, das der Rektor Diener der Wiener Universität aufgedrückt hat, kommt nun auch das Stigma, mit dem sie Herr Professor Mvard Schlögl gekennzeichnet hat. ‘ . Siegfried Fleischer. Von der bürgerlich-demokratischen Arbeitspartei. Aus leitenden Kreisen der bürgerlich-demokratischen Arbeitspartei werden wir um Aufnahme folgender Zeiten ersucht:' „In letzter Zeit waren in einigen Blättern Mitteilungen über die Stellung der bürgerlich-demokratischen Ärbeitspartei zu den antisemitischen Veranstaltungen m

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