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Die Wahrheit · 1923-02-15 · Heft 4 (15.2.1923) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 4 (15.2.1923)
Date
1923-02-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die W ahrheit SeiLs 1 Nr. 4 Diese Erfchrung konnte Herm GünMttg mit seinen Auftraggebern nicht erspart «bleiben. Die bedauerliche Episode'der Schwedischen Gesandtschaft für Israel, brachte den erhebenden Beweis, daß unsere Juden trotz Not, Sorge, Entbehrungen und sonstigem schweren Ungemach doch nicht so zermürbt sind, um Attentate auf. ihrer und ihrer Kinder Religion zu dulden. Aus solcher Gesinnung starker Entschlossenheit ging auch der flammende Protest hervor, der sich in «dem Aufrufe des Wischen Aktionskomitees gegen die schwedische Gefahr folgendermaßen an «die Oesfontlichkeit wandte: An die Judenschaft Wiens! Zur Kenntnis der rechtlich denkenden Menschen! Gegen jedes Gesetz, in einer Zeit der Not und Bedrängnis unseres Staates, hat es die „Schwedische Mission" runter falscher Flagge, die irreführend ist, unter dem Titel „Schwedisches Hilfswerk für Israel" unternommen, jüdische Kinder zu verführen und irreznleiten. Dazy verwendet sie große Geldmittel, statt zur Linderung des Hungers. Noch dazu geschieht dies auf hinterlistige, gesetzwidrige, direkt nachweisbar irreführende Art! Unlautere Elemente haben sich diese traurige Existenz gewählt, um das Publikum irrezuführen, Lug und Trug sprechen sie, als handle es sich um eine rein jüdische Hilfsaktion. Eine andere überflüssige Sorge in Wien sind jetzt die daraus hmzieleirden Versammlungen und sogenannten ethischen Vortrage unter reklamhaften Plakaten, vor deren Besuch alle Juden dringendst gewarnt werden. Die Volksverdummung feiert ihre Triumphe. Hat man iU dieser schweren Zeit Geld dafür, Kinder irrezuführen, so muß das noch mehr Wunder nehmen, daß es bei der Wohnungsnot geduldet wird, daß fast ein ganzes Haus im 9. Bezirk zu solchen Zwecken okkupiert wird, wahrend tausende österreichische Waisenkinder kern Heim und Obdach finden können. Ein Missionär dieser Gesellschaft hetzt öffentlich das Judentum auf die Katholiken. Juden Wiens! Wir lassen uns nicht hetzen, wir sind durch unstre heilige Religion zur Staatstreue uud zur sieben unversorgten «kleinen Kindern zurück. Die Not «wurde immer drückender. Die verwaisten Kinder mußten schließlich bei verschiedenen Verwandten untergebracht werden. Unser Ehajim Nachman kam zu seinem Großvater, der a!ls bedeutender Talmudift und gewissenhafter Ehosid verehrt wurde. Von ihm wurde der Kn'abe in -das Studium des Talmuds eingeführt. Das lebhafte Kind, das stets zu kleinen Schelmenstreichen neigte, hatte dafür gär häufig mit Prügelstrafen zu büßen. Doch versöhnte er den strengen Erzreherdnrch den glühenden Eifer, mit dem er sich in die Bibliothek des Großvaters vertiefte, die 'zahlreiche Midraschwerke und das Bedeutendste b-er religionsphilosophischen und kabbalistischen Literatur enthielt. Mit kl Jahren hatte Bialik bereits Jehuda Halevis Cusari und Maimmris More nebnchim gelesen. Schon mit 7 Jahren hatte hex. jugendliche Dichter mit' einer literarischen Leistung überrascht, die in einem Gemisch von Hebräisch, Aramäisch und ^iddisch gehalten war. Zwei Lehrer übten auf Bialiks EnbnnMmg entschiedenen Mufluß. Der eine, ein schwärmerischer Verchrer des Midrasch bereicherte des Schülers Geist mit der an Bialik oft bewunderten Fülle an Worten und Gedanken der Midraschliteratur. Der andere, ein Mündlicher Bibelkenner, eröffnete Hm den Sinn für die Schönheiten der Psalmen und Propheten. Mt 13 Jahren verließ Bialik das Cheder. . (Fortsetzung folgt.) Friedensliebe unseren Mitmenschen gegenüber verpflichtet und wir wollen uns darnach halten! Diese Umttiebe müssen Hr sofortiges Ende nehmen! Wir protestieren mit der ganzen Macht der gerechten Sache gegen einen solchen Unfug in Wien, gegen solchen Uebermut! Wir verlangen die sofortige Sperrung dieser Gesellschaft in Wien! Wir warten noch mit Hoffnung, daß wir nicht zur Selbsthilfe schreiten müssen. Juden Wiens! Vereinigt Euch zum Schutze Eurer Kinder, Eures teuersten Gutes. Die ganze gereift denkende Menschheit wird einsehen, daß niemand es ungestraft wagen darf, das Glück vieler Familien durch solche Eingriffe zu stören, wie dies leider gesechhen ist. Familien lebten in glücklichster Ehe nud jetzt ist zu Hause Zank und Streit und Bitternis. Der Fluch solcher Tat wird die Täter erreichen. Wer sie zuläßt, macht sich mitschuldig. Die Macht des Himmels ist mit uns! Das freie Aktionskomitee der Judenfchast Wiens. Diie schwedische Gesellschaft für Jfveal ist auch bald «darauf fang- und klanglos vom Schauplatz ihrer unrühmlichen Tätigkeit verschwunden. Verarmt — reich geworden. Ei» Ausruf. Bon Amtsleiter Rudolf Kraus. (Schluß.) Zu wiederholten Skalen habe ich darauf hingew lesen, daß jüdische Arme ausschließlich nur bei jüdischen Armenstellen «beteilt werdenkönnen und 'der jüdische Wohltäter in den diversen Vereinen und Institutionen die sich interkonfessionell nennen, zum großen Teile nicht seine hilfsbedürftigen Glaubensgenossen unterstützt. Auch die meisten Stellen für verarmte Personen des Mittelstandes verwenden die Hnen zur Verfügung stehenden Gelder nur für einen engen Kreis der durch ine Ungunst der Zeit Leidenden und gehen al! zugenau vor. In der Armenpflege jedoch müssen die Wohltaten bei individueller Behandlung herzlich mitfühlend und entgegenkommend ausgeübt werden, der wahrhaft verschämt Arme — es gibt auch solche — darf nicht bei der Uebergabe der Aushilfe durch eine Geste oder Redewendung in seiner Verschämtheit verletzt «werden. Die Versorgungsanstalt >und das Spital der Kultusgemeinde sind viel zu klein und den heutigen Ansprüchen nicht im geringsten gewachsen. Der frühere Kaufmann — alt geworden — ist verarmt, der frühere Rentner lebt in Notlage, der geistige Arbeit«? — seinen Beruf nicht ausübend — kann nicht mehr existieren, aber auch nicht jeder stch noch wohhaben Glaubende kann, wenn er krank oder gar siech geworden, die Mittel aufbrrngen, die er für Arzt und Medikamente, Pflege und stärkende Nahrung im eigenen Haushalt benötigt. Bersorgungshaus unfb SpAalserhaltung erfordern jäwch ununterbrochen bedeutende Summen, sollen sie 'den Bestimmungen chrer Errichter und Erhalter Nachkommen, ihren Patienten und Insassen alles Notwendige bieten können. Mehr als 300 würdige Greise oder sieche Personen, darunter die krassesten Fälle von Notlage und Siechtum «warten, in ihrer Hilflosigkeit und ihrem körperlichen Verfall nngeduldia geworden, auf chre baldmöglichste Einberufung in die ^vsorgungsanftalt. Die Kindevfürsorge liegt bedauerlicherweise auch sehr im argen. Nebst den verwaisten Kindern, die in den Waisenhäusern oder Heimen, iim «besten Falle bei ihren Angehörigen untergebracht find, gibt es etwa 300 verlassene Kinder, deren sich aus den verschiedensten Gründen niemand annimmt, deren Erhaltung und Erziehung durch! die Zeitverhältrnsse allzu schwer geworden ist. Als Schütz-

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