Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 4 (15.2.1923)
- Date
- 1923-02-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S Nr. 4 Die WahrheLt nung anfteime oder girr dem AntisemiLismus Nährboden geschaffen werde. Arckerseits müGen wir ohne VovemgerwWinercheit auf Grund des gesammelten authentischen Materials die Ansicht vertreten, -daß die nach Wien gesandten Dkissionare der Schwedischen Gesellschaft Israels fich hier zmn mindesten nicht fair benommen und für ihr Treiben eine irrefürende Maske «gewählt haben. Dem Titel nach war anzunehmen, es handle sich um eine Gesellschaft von schwÄnschen Juden zur Hilfe für chre Glaubensgenossen, aber schon der § 2 der Satzungen belehrt eines anderen; er lautet: „Der Verein bezweckt die Hebung und Vertiefung des religiösen Lebens aufchriftlicher Grundlage, sowie die innere und äußere Mi ff io n". Auch der ganze Vorgang, wie er bei den Bestrebungen der schwedischen Mission üblich war, kormte ihr nichts weniger als Sympathien schaffen. Nachstehend einige Daten aus aufgenommenen Protokollen: „Die minderjährige Schulljugend wurde, «ohne daß die Eltern davon Kenntnis hatten, zu dem Besuche der Mission und deren Vorträge eingeladen. Noch dazu wurden alle möglichen Lock- und Bestechungsmittel angewendet. Den Kindern wurden Aepfeln, Naschereien, Jause verabreich. Es wurde ihnen Wäsche versprochen und un Sommer Laudaufenchalt. Dies alles wäre nicht schlimm, wenn nicht immer die Irreführung und Täuschung gehandhabt worden wäre, daß es sich um eine jüdische Mission handle. Auch wurde dort eine angebliche Nähschuke für die Kinder errichtet und merkwürdigerweise haben auch die Buben nahen gelernt, u-nd zwar die Knaben mit 14 und 15 Jahren. Die Vorträge, die dort gehalten werden, ebenso auch der Unterrich, der den Kindern erteilt wird, wird in einer devart irreführenden und tauschenden Weise Msgeiführt, -daß die Kiüder tatsächlich diarunÜL empfindlich leiden. Es ist auch eine Disziplinlosigkeit dadurch eingetretenl und die Religionslehrer haben dadurch einen erschwerten Standpunkt mit solchen Kindern, ebenso auch die anderen Lehrer, weil diese Disziplinlosigkeit in die öffentliche Schule hin-eingetragen wird. Den Kindern hält man dort Unterricht zuerst so, wie sie es in der" Schule lernen, dann plötzlich lehrt man die Dings aus dem -Evangelium, die die Kinder noch nie in ihrem Leben gehört und auch nichts zu hören haben, weil ja dies nicht in den Lchrplcm gchört. Die Kinder.werden auch ihrer Disziplin gegenüber den Eltern entzogen, weil sich ja die meisten Eltern in der Meinung, es handle sich um eine jüdische Mtion^gar nicht bekümmert haben, wo ihre Kinder hingehen. Dre unmüw digen Kinder sagten, wie aus den Protokollen hervorgeht, gewöhnlich nicht den Eltern, was sie dort scheu und hören, sondern sie erzählten nur — sie wurden wahrscheinlich so instruiert — von einer Nähschule, einer Jause. Außerdem werden die Kinder dazu verhalten, Gesänge zu lernen rttrd mitzusingen, die zu singenihr jüdischer Glaube nicht gestattet. Alle diese Umstände, die nicht lange Gcheimnis bleiben konnten, mußten die Gefühle der gläubigen Wiener Juden tief verletzen und eine Reihe von Demonstrationen Hervorrufen, die notgedrungen eine polizeiliche Intervention notwendig machten. Daß es dabei zu Gewalttätigkeiten gekommen, entspricht nicht «den Tatsachen. Die Seele dieses, bekannten schwedischen Hilsswerkes für Israel war ein. Renegat namens Günzburg, und daß ihm schließlich durch die Bchörden sein Handwerk gelegt wurde, dankten die Juden vielleicht in erster Linie der Unbedachtheit Günzburgs, der die jüdischen Kinder gegen das katholische Gla-ubensbekenntnis verhetzte. Die schwedische- Mission ist ..nämlich kalvmisch gerichtet, also die strengste und leidenschaftlichste der evangelischen Kirchenrichtnng, die dem Katholizisnms spinnefeind ist. In einem Staate, besten Bundeskanzler ein Prälat Seipel ist, sind derlei Extratouren verhängnisvoll. zukünftigen Lyrikers idem Lisbreiz einer bescheÄ>enen, doch nicht schmucklosen Landschaft. Bialiks Familie übersisdelte rvach «dem Tode des -Oberhauptes nach Zitomir und der sechsjährige Chajim Nachmann trat in «das Cheder ein, die Kinderschule der osteuropäischen Jndenheit. Erschütternd-schildert B iulik «das Elend im Elterrrhiause. Und welch ein Elend stand an der Wietze seiner Mufe! Sein erster Meister in seiner Kunst, so erzählt er uns, war das Heimchen am Herd, freilich eine Stimmung, ganz anders, als sie Dickens in seinem Heimchen am Herd in uns erweckt. Bialiks Heimchen am Herd war der Säuger der bittersten Armut, der grausigsten Not. Seine erste Begeglrnng mit diesem seinem Lehrer schildert uns Bialik in einem düsteren Gemälde, dem «Bild eines Freitagabends im Hause seiner Eltern. Auf dem Tische weder Wein znm Kiddusch, noch Barches, noch strahlender Lichterglanz. In Lchmklmnpen einige dürftige qualmende TaLglichter,' matte, zitternde Schatten -an den Wänden. Am Tische sieben hungernde, schläfrige Kinder. Mit verhaltenen Tranen lauscht die Mutter dem sabbathlichen WMommgruß der Kinder an «die „Malache haschareth", die Sabbathengel. Verdüstert und vergrämt, wie von einer Schuld bedrückt, zerschneidet der Vater mit stumpfem Messer das Schwarzbrot und den Häring, das sabbathliche Festmahl der FamMe! ,An dem faden saurem Brote kauend,'das wir mit Tranen hinunterwürgten," so sagt B i a l i'k, „stimmten wir mit dem Vater die Sabbathlieder <m und sangen aus leerem Magen und traurigem Herzen. Da schloß sich düs Heimchen in der MauerspMe dein Chor an. Es zirpte sein trostlos Liedchen in den regnerischen Winternächten, das Haus in düsteres Schweigen versenkt; wie in einen bösen, grausen Traum. Sieben Seelen lassen schmachtende Blicke schweifen. . Ans dem kalten Herde jammert die Katze, im Korbe kein Krümchen Brot, keine Kohle zum Heizen. Da hüpft das Heimchen aus seinem Mauerspalt und leiert sein ödes, leeres Lied, das mir das Herz zernagt, die Seele verwüstet. Nicht fluchend klang sein Lied, nicht stöhnend, nicht weinend, nur öde, öde wie der Tod, wie «das sinnlose Leben, traurig, unendlich, «grenzenlos traurig." ■ „Den Wirzen Tag", so schildert Bialik «der Mutter Not, „zieht sie durch die Gassen, der Stadt, mit «allerhand Trödel hausieret. Jeder Groschen, den sie abends nach Hause bringt, ist mit Galle und Blut getränkt. Bis spät in die Nacht sitzt sie vor dem flimmernden Länrpchen nach flickt und strickt fiir die Kleinen. Mit «dem ersten Morgengrauen steht sie auf, fiir die Kinder das Brot zum Frühstück zu backen. Aus seiner finsteren Ecke sieht der Knabe, wie ihre dürren, mageren Hände den Teig kneten, er belauscht die Seufzer Ms. der Mutter Brust, er sieht die glühenden Tränen ans dem Mutterauge ihr über die Wangen vollen uüd in den Teig fallen. Und mit dem Frühstuckbrot ißt er diese Tränen, die Hm Nuss Herz brennen, Ms dem Brote dringt ihm d>er Mutter Seufzer in die Kinderseele." Schon im -ersten Jahve nach der. Uebersiedlung nach Zitomir stirbt Bialiks Vater. Die -Mutter -bleibt nnt