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Die Wahrheit · 1923-02-15 · Heft 4 (15.2.1923) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 4 (15.2.1923)
Date
1923-02-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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D i e Wahrheit Seite 5 yJk. 4 Kirche hat zu seinem Fundament Vas Dogma vom Opfertab Jesu. Infolge des Sündenfalles war die Menschheit verworfen, und es bedurfte eines Opfertodes der edelsten Kreatur, um. Gott mit der Menschheit wieder auszusöhnen. Das trübe Bewußtsein des Gefallenseins, der Verschuldung, der Entfernung von Gott, sowie der Notwenddigkert des Opfers und der Versöhnung ist eine elementare Voraussetzung des kirchlichen Dogmas. Di-e hebräischen Propheten haben mit der ganzen hinreißenden Gewalt ihrer flammenden Beredsmnkert gegen -die Idee des Blutopfers gekämpft, um sie aus dem Herzen des Volkes zu tilgen. Die Kirche hingegen hat die Idee an sich unangetastet gelassen und gerade auf dem Boden dieses Gedankens die Lehre von dem freiwilligen Opsertod des Gottessohnes, gleichsam einer einmaligen Schuldentilgung zur Versöhnung Gottes mit den Menhchen, ausgerichtet. .Innerhalb des schlichen Gedankenkreises konnte indes die, sagen wir, phantastische Idee Raum gewinnen, -daß der Jude, da ihm die Gnadenmittel der Kirche,' vor allem die aus dem Blute des Gottessohnes strömende Sühnekraft versagt bleiben, 'durch andere Blutopfer, etwa durch Abschlachtung eines Christenkindes, Gott zu versöhnen sucht. Vom kirchlichen Mendmahl ausgeschlossen, genießen die Juden nicht den Leib, trinken sie nicht das Blut Christi; vermutlich 'behelfen sie sich damit, daß sie Christenblut den Ostermazzen beimengen. So begreifen wir es, daß die Türken, die spanischen Araber, die Perser und die Berbern niemals gegen irgendwen beit Verdacht eines Ritualmordes hegten und selbst bei den zeitweiligen Ausbrüchen ihres Judenhasses solchm oder ähnlicher Vorwände sich niemals bedienten, während christliche Länder die ausschließliche Heimat des Blutmärche.ns bilden, und je bunter, absurder und phantastischer es ausgeschmückt war, umso glaubwürdiger, wahrscheinlicher erschien es, auf umso . größeren Erfolg dursten die interessierten Urheber und Verbreiter rechnen. Die schwedische Judenmission in Wien. Anfangs November vorigen Jahres 'gab es in Wien eine nicht geringe Sensation, als bekannt wurde, daß in dem Hause 9. Bezirk, Seegasse 16 das früher den Zwecken des jüdischen Mädchenunterstützungsvereines diente, seither aber in den Besitz der Schwedischen Gesellschaft für Israel übergegangen war, von Missionären Bekehrungs-Versuche an jüdischen Kindern unternommen wurden. Weiter'jüdischer Kreise bemächtigte sich lebhafte Entrüstung, die sich wiederholt in stürmische Demonstrationen Luft machte, so daß die Polizei genötigt war, einzugreifen. Wie immer in derartigen Fällen entstellten und übertrieben die umlaufenden Gerüchte die Tatsachen, so daß im Ausland, besonders in Schweden die schauerlichsten Märchen kolportiert wurden, wie das nachfolgende, von dort an uns gelangte Schreiben beweist: „Ich komme Sie um eine kleine Gefälligkeit zu bitten.' Die Zeitungen hier haben geschrieben, daß die Juden in Wien die schwedische Jsraelmission dort überfallen haben und daß die Polizei hat eingreifen müssen. Wahrscheinlich haben die Zeitungen dort die Sache erwähnt und ich möchte Sie bitten, daß Sie einige Zeitungsabschnitte über die Sache anschaffen, damit die Sache hier korrigiert werden kann. Ich weiß, daß die Leute wahrscheinlich Prügel — und nicht zu. wenig — verdient haben, möchte aber Näheres über die Sache hören." Wir wollen dem Wunsche des Schreiers entsprechen und ihn im folgendem statt durch „Zeitungsabschnitte" auf diesem Woge darüber lbevuhigen, daß die Angelegenheit keineswegs so arg verlies, wie sich herumgesprochen hatte. Diese Feststellung erachten wir schon aus denr Grunde für notwendig, damit bei den edelgesinnten Schweden, die sich in hervorragender Weise als Helfer der notleidenden Be- ', völkerung Wiens erprobten, über dieses keine falsche Mei- Bialik und die jung hebräische Renaissance in Rußland. Zu des Dichters 50. Geburtstag. Bon Dr. M. Grunwald. (2. Fortsetzung.) Voller Begeisterung gelobt er feierlich: „An Gott halten wir fest und an seiner Lehre, . und seine heilige Sprache soll nimmer schwinden von unseren Lippen." Und diese Sprache wird unter G o rdons Händen zu einem neuen Wesen, echt jüdisches Leben pulsiert in seinen Gestalten.. Treffend vergleicht Baron David G ü n s b u r g in seinem Aufsatz über Gordon dessen Werk mit anderen Darstellungen des jüdischen Milieus. ,Der Leser", sagt Günsburg, „gleicht in jenen Werken einein Blinden, den man in einen herrlich duftenden Garten gebracht hat; er ist entzückt, er möchte die Blumen und die Sonne, die Quellen seines Genußes, sehen; aber ach! vergeblich sind seine Wünsche, er hört schüchtern dem Gespräch der UmgÄmng zu, um sich nach ihren Eindrücken irgendeinen Begriff von dem Ort zu machen, an dem er sich 'befindet. Bei Gordvn ist es ganz anders, er schöpft oft Stoffe aus Hemden, nichtjüdtschen Kreisen, aber er gibt ihnen eine rein jüdische Farbe, indem er aus ihnen neue Gebilde macht, „jalde mocho", Kinder seines Geistes." Als Gordon starb, ja schon bei seinen Lebzeiten erhellte den Himmel der nenhe'bräischen Literatur ein ganzes Heer leuchtender Sterne. Eine Anzahl gut geleiteter hebräischer Wochenschriften zählte einen großen Leserkreis/ inan nannte Markus Hirsch Mane, Feierberg, Berdyczewsky, den ausgezeichneten Perez Smolenski, dessen Andenken in Wien noch lebendig ist, Perez, Liboschitzky und viele, andere, deren Namen uns in den letzten Jahren geläufig geworden sind. Aber einer erscheint uns vor vielen erwähnenswert, nicht war, weil aus seiner Poetens-oele das Mische Bewußtsein am reinsten spricht, i sondern ganz objektiv betrachtet darum, weil er als Dichter eine Größe darftellt, die auf internationale Bedeutung Anspruch erheben darf, Chajim Nachman Bialtt. B i a l i k wurde 1873 als armer Leute Kind in dem Dörfchen Rady in 'Wolhynien geboren. Bialiks Baker war Talmudist aus Neigung, Branntweinschänker von Berus, und während er dem Geplärr trunkener MuschKs folgen mußte, 'beschäftigte fein Gehirn angelegentlichst irgendeine subtile Tälmudstelle oder ein Sod, ein mystisches Problem, eine Offenbarung irgendeines Zaddiks, eines chasiidischen Heiligen. Bialiks Heimatort ist von Feldern und-Wäldern und Garten umgä>en. Hier erschloß sich 'die Seele des

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