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Die Wahrheit · 1923-02-01 · Heft 3 (1.2.1923) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 3 (1.2.1923)
Date
1923-02-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 3 Die Wahrheit Seite 15 Theater, Kunst und Literatur j —«gnjiu.»i».«iii nmnuijnmnimiwMiiniwuliiMMJiiMM U"MI*T' " ' .. Rudolf Schildkraut gestorben. Der „Bester Lloyd" meldet, daß in New-Pork Rudolf Schildkraut, der große 'deutsche und später auch in jiddischer Sprache auftretenlde Schauspieler, plötzlich verschied. In Wien wird die Nachricht mit lebhafter Teilnahme ausgenommen, gehörte doch Schild kraut lange zu den stärksten Erscheinungen der deutschen Bühne, sie weckt aber in jüdischen Kreisen 'besondere Trauer, denn Schildkraut war nicht nur als Mensch ein ungewöhnlich gläubiger, stolzer und stammesbewußter Jude, sondern er zog auch als gottbegnadeter Künstler seine beste Kraft aus dem Judentum, war niemals echter, niemals überzeugender, als wenn er jüdische Gestalten darzustellen hatte, gleichviel ob es sich um den Shylock — seine berühmteste Leistung — oder um Juden der Gegenwart handelte. Dieser Zweig der Schauspielkunst trieb ihn dann in Amerika zur Jargonbühne; dort erntete er in den letzten Jahren große Triumphe. Erich Schmidt und Heinrich Heine. Zum leitenden Artikel in der vorigen Nummer unseres Blattes erhalten wir folgendes Schreiben: „Sehr geehrte Redaktion! In Wilhelms II. „Ereignisse und Gestalten" las ich, daß der Exkaiser den geistvollen Vorträgen des Berliner Literaturgeschichtsprofessors Erich Schmidt. ,-dieses kerndeutschen. Mannes", manchen genußreichen Abend verdanke. In diesem Falle und im Anschluß an Ihren Artikel „Heinrich Heine und 'die herrisch-französische Verständigung" halte ich es für, nötig, an einige wenig bekannte Dinge zu erinnern. Im Jahre 1905 sagte Erich Schmidt bei einer Feier von Schillers Todestag in Frankfurt am Main: „Hätte Heinrich Heine damals für die schlimmsten Schimpfworts mal Sine Tracht Prügel bekommen, so wäre das kein großes Unglück gewesen, über es ist doch wahrhaftig nicht nötig, heute deshalb Entrüstungsversammlunaen abzuhalten." Diese Aeußerung f ü r Heine nahm jedoch >ein Teil der Presse Erich Schmidt gewaltig übel, und so fand sich dieser veranlaßt, am 1. Marz 1907 vor der Berliner freien Studentenschaft im Schillersaal zu Churloktenburg eine gewaltige Rede -zu halten,, aus der nach dem Berichte der „Bossischen Zeitung" vom 6. März das folgende hervorgehoben sei: „Der Redner betonte, daß die Deutschen seit Goethes Königtum keinen Dichter besessen hakten, der sich weniger aus der deutschen Lyrik und auch aus der Entwicklung der deutschen Prosa wegdenken ließe als Heine. Man könnt e l eicht er auf die Uh laud und Eichendorff denn auf Heine verzichten. Die verschiedenen gegen Heine gerichteten Angriffe ließen sich leicht widerlegen; nicht viel mehr bleibe übrig, als daß Heine ein guter Hasser war und unter Umstanden sich an Preßtreibereien beteiligte. In jüngster Zeit habe man sogar dem eigenartigsten der neueren deutschen Dichter die Selbständigkeit abzusprechen versucht; demgegenüber genüge es, an die hohe Schätzung zu erinnern, die Heine bei einem Dichter wie Hebbel genoß, und Erich Schmidt erinnert sich noch gern der stillen Stunde, in 'der ihm Theodor Storm von dem unvergleichlichen Zauber der „Loreley" sprach. Dann Heine „der Jude". Kann es einen sinnloseren Vorwurf geben als 'diesen, bei einem' Manne, der die Probleme der Antike, des Juden- und Christentums in sich durchgekämpft, bei dem Rheinländer, der seine Zeit germanischer Schwärmerei so gut durchgemacht hat wie jeder andere junge deutsche- Zeitgenosse, der feuriger Anhänger Friedrich Wilhelms III. mrd Luisens war, der den Hymnus „Deutschland ist noch ein kleines Kind" gedichtet hat? War auch Herne, wie den meisten seiner Zeitgenoffen, patriotische Befriedigung versagt, übernahm er sich auch in Angriffen auf deutsche Obrigkeiten und deutsche Fürsten, so hat ihm doch deutsches Volksbewußtfein, 'deutsches Nationalgefühl niemals gemangelt" — So .irrteilt ein „kerndeutscher" Mann über den „Juden" Heine. A. B. Geschichte der Israelitischen Armenanstalt in Wien von Prof. Dr. Sam. Kraus. Aus Anlaß der Jahrhundertfeier erschien die obgenanute Festschrift, aus Archioalien zusammengeftellt. Im hohen Grade anerkennenswert ist der Sammelsleiß, mit dem der Versaffer aus einem reichen Material' alles gesichtet, systematisch geordnet aiitbbenützt hat, was geeignet war, eine auch vom kulturhistorischen Gusichtspunkt interessierende Arbeit zu bieten. Die heutige Armenanstalt ging aus dem früheren Armenverein hervor und hatte in ihren Anfängen die gleich großen Schwierigkeiten wie in der jüngsten Gegenwart. Die napoleonischen Kriege hatten nämlich auch in Wien einen wirtschaftlichen Tiefstand gezeitigt und die Not in breite Schichten der Bevölkerung 'getragen. Die Juden in Wien waren /damals — es herrschte der schwarze Despotismus des „girren Kaiser Franz" — zum, größten Teil „tolerant" und mutzten für diese Art Toleranz mannigfache Opfer bringen. Es ist bezeichnend, daß den Wiener Armenverein weniger die lokalen als die aus allen Provinzen zugereisten Bedürftigen in Kontribution setzten. Namentlich waren es du Schnorrer ans den böhmrsch-mahrischen und ungarischen Gemeinden, die im Vertrauen auf das schon damals bekannte goldene Wiener Herz heuschreckengleich die österreichische Reichshauptstad-t überzogen. Sie begnügten sich nicht mit idem Handgeld, das ihnen gereicht wurde, und verlegten sich auf den einträglichen Hwusbettel. Selbst.die rücksichtsloseste Strenge, die zur Abstellung dieses Uniugs ausgeboten wurde, war nicht imstande, Wandel zu schassen, und Kraus bemerkt, daß es auch jetzt in diesem Punkte kaum bester geworden sei. Man durfte jedoch über die gewerbsmäßigen fremden jüdischen Bettler und Landstreicher die Wiener Armen nicht zugrunde gehen lasten und so wurden anfangs durch die Kultus gemeinde mehrmals während des Jahrhundertbestandes der Armenanstalt grundlegende Reformen durchgeführt, die sich nicht immer reibungslos vollzogen. Gefährliche Krisen drohten der Anstalt durch politische und wirtschaftliche Umwälzungen. Nach dem großen „Krach" des Jahres 1873 sah man ehemalige Spender in die Reihen der Unterstützten hinabsteiaen. Mer je drückender die allgemeine Not, desto mächtiger drang der jüdische Opfersinn durch und half aus der Fülle der Spenden. Währeitd die Stadt Wien unter Bürgermeister Zelinka, 1868, für jüdische Mitbürger noch etwas übrig haltide, verschob sich das Bild nach Anbruch der antisemitischen Aera und 1893 wurden 'die Juden als Bezirksarmenräte nicht ausgenommen. Nun sind zwar die Sozialdemokraten Herren des Wiener Rathauses, aber gleichwohl lesen wir in, der vorliegenden Gedenkschrrft: ,,T atsache i st, d a ß i lt Wien d i e jüdischen Armen von den kommunalen Un t erst ü tzung en so gut wie ausgeschlossen sind." Diese bedauerliche Tatsache macht es zur Notwendigkeit das uferlose Cleud der armen Inden in Wien aus jüdischen Mitteln zu lindern. Kraus unterläßt es, den Leser mit statistischen Ziffernreihen zu ermüden, dagegen erwähnt er ausführlich der selbstlosen, hingebungsvollen Männer, die der Arrnenanstalt zur Blüte und Größe verhaften. Unter den Namen, die dem Wiener Judentum zur Ehre gereichen, lesen wir Mannheimer, L. A. Frankl, K ö n i g s w a r t e r, K u r a n d a, Richard S ch r a m e k u. a. 6.

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