Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 3 (1.2.1923)
- Date
- 1923-02-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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D i e W'a h r h e i 1 Seite 13 Nr. 3 partsi versammelt. Bei diesem Anlasse gab der Präger Lehrer S ch o l z seiner Ansicht dahin Ausdruck,. der Antisemitismus sei Verlegenheitssache derer, die mit ihrer Politik Schissbruch gelitten Huben. Ein anderer Redner, der Chefredakteur Wisselski, beantragte, der Hrus Prag möge eine großzügige Aufklärungsarbeit gegen die antisemitischen Strömungen in die Wege leiten. Doktor P o l o n i § (Brünn) beklagte in heftigen Worten den gegen 'die deutschen Juden der Sudetenländer verübten Undank, die stets große Opfer für ihre Treue zum Deutschtum brachten. .Diese drei Gerechte des Reichsparteitages werden, soweit mir die germanischen Hakenkreuzler der Lschecho-Slowakei rennen, Prediger in der Wüste bleiben' 'und als Judenknechte stigmatisiert erscheinen. Merlei Magyarisches. Daß im Horthy-Staat die Judenverfoilgungen d«as Bleibende im Wechsel der Minister sind, ist leider eine weltbekannte Tatsache, ebenso wie de-r Umstand, daß die jeweilige Regierung diese Tatsache durch eitre willfährige > Presse zu verschleiern oder glawveg zu leugnen bemüht ist. In der Nationalversammlung sprechen die antisemitischen Abgeordneten zum Fenster hinaus und ihre >ausstachelndeu Haßworte finden beim gleichgesinnten Pöbel Gehör und Dwnachachtung. Der berüchtigte Julius Gönibös bekam es vor kurzem mit der Statistik und versuchte den Nachweis, daß die Judeneinwanderung eine Gefahr für das Vaterland bedeute. Die bodenständigen Ungarn zichen aus solchen Feststellungen die Lehre, man müsse die JüdeneiNwanderung dadurch paralysieren, daß möglichst viele solcher Vaterlandsfeinde vernichtet werden. Sinn- und sachgemäß veranstalteten die „Erwachenden" in Munkacs eine Judenrazzia. mit üblichen Plünderungen. Die Polizei schritt ein, als das Gesindel — es war aus Budapest delegiert — sich bereits in Sicherheit gebracht hatte. Um der Oefssntlrchkerk die 'Äugen auszuwischen, hielt der ungarische Wohlsahvtsminifter Josef Baß — im Nebenberuf katholischer Geistlicher — gelegentlich einer Spritzfahrt zu seinen Wählern eine Rede und ließ sich über die Judensrage ziemlich orakelhaft aus. Die hochwürdrge Exzellenz meinte nämlich: „WeUn ich mich, meine Politik und Ungarn als christlich bekenne, so verstehe ich dies so, wie es unser Herr Christus verstanden hatte, daß wir unsere Mitmenschen achten, das Gute und auch das Löse berücksichtigen sollen. Wenn Gott 'das Böse duldet, mit welchem Rechte wollten wir Menschen es nicht dulden? Wir müssen auch die nicht-katholischen, nicht-christlichen, jedoch anständigen und arbeitsamen Ungarn achten. . . . Es ist vieles über die Judenfrage gesprochen worden und ich will mich hier auch offen darüber äußern. Daß in Ungarn das Judentum dem Christentum die politische Macht entwinde, >kann nicht geduldet werden. Das Iudent u m abe r, d a s jene Elemente aus seiner Mitte ausschließt, die sich gegen ihr Vaterland und gegen ihr Volk gewendet, das Judentum das mit ehrlicher Arbeit sich dem christlichen Volke zur Seite ft eilt und b e>str e b t ist, dem Lande zu nutzen, verdient es, geachtet zu werden- und Anerkennung und Schutz zu genießen." Di ose Herumrederei würde jedem Jesuiten zur Ehre 'gereichen. Die „Erwachenden"' werden daraus nehmen, was ihnen nach dem Herzen gesprochen ist, nämlich, daß „die Juden den Christen die palitische Macht entwenden wollen" Folglich . . . die Folgerung liegt für Hejas und seine Getreuen aus der betyafstreten Hand. - Die Hohenzollern und die Juden. Nur wenige Federstriche die vielleicht dazu anregen, das Thema au sfüh rlich aus Grund archivarischer Forschungen zu behandeln. Wenn der Dichter der Klagelieder (3, 40) ausruft: „Laßt uns unseren Lebenswandel prüfen und zu Gott zurückk ehren", so möge dieses Wort allen denen zur Mahnung dienen, die den Zusammenbruch des deutschen Volkes verschuldet haben, "^idieant consu&es . . . Die Grundsäulen jeder Regiierungsform, sei sie monarchisch oder republÄamsch orientiert, sind Recht und Gerechtigkeit. Diese beiden Faktoren jedes geordneten Gesellschaftslebens sind — man kann fast sagen: systematisch — von den hohenzollerischen Fürsten (mit einigen Ausnahmen) aus die Juden nicht angewandt worden. Die Geschichte der Juden in Preußen bildet eine ununterbrochene Kette von Unterdrückungen und Verfolgungen. Nur wenige Lichtblicke erfreuen uns. Wir wollen dankbar anerkennen, daß Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst (1640—1688) den 1671 oms Wien vertriebenen Juden erlaubte, sich in seinem Lande nrederznlassen (die Berliner jüdische Gemeinde datiert von dieser Zeit ihren Anfang). Das war nur eine Episode. 1740 bestieg Friedrich der Große den Thron. Selbst als Freidenker, der er war, war er in seinem Denken so inkonsequent, daß er der Wahl Josef Mendelsohns zum Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin die Genehmigung versagte und diejenigen Gelehrten, die durch ihren Einfluß die Genehmigung veranlassen wollten, in Ungnade fielen. „Das ist Ären das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen." 100 Jahre später, 1840, kam Friedrich Wilhelm IV., der Romantiker, ans Ruder. Selbst ein HistorÄer wie Treitschke — ein unverdächtiger Zeuge — bemerkt in seiner deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert, Teil 5 (Leipzig 1894), daß dieser Monarch seinen heftigen Judhaß in der Würde des Königtums wenig geziemenden Aeußerungen kundgetan habe. Ein zweiter Lichtblick aber schon vom Todesschatten verdüstert, war die allzu kurze RegierungszÄt Kaiser Friedrichs (1888), der das Wort geprägt: Der Judenhaß ist eine Schmach unseres Jahrhunderts. Die günstigen, aber nur auf dem Papier stehenden Regierungsverordnungen, die auf Verwaltungswege illusorisch wurden und werden, bilden keine Freud enquelle. Theorie und Praxis müssen sich die Hand reichen. Dr. M. Spanier (Magdeburg.) Karlsbader Winterantiseuntismus. Alles hat seine Zeit, meint sehr richtig der weise Salomo. Obgleich die ftrammoölkische Bewohnerschaft der Kurstadt Karlsbad die Autorität dieses Judenkönigs schwerlich anerkennen wird, macht sie sich doch den obzitierten Spruch zü eigen. Im- Sommer wirbt sie krampfhaft um den Besuch des internationalen- und interkonfessionellen Publikums und heißt auch polnische und sonstige Juden, die ihr gutes Geld dort lasten, willkommen. In der winterlichen saisonlosen Zeit lebt sie sich national aus und heischt „?lbwehr der ueberslutung ihres geistigen (?) Lebens durch die Juden". Den braven Karlsbaderm könnte geholfen werden, wenn die selbstbewußten Inden sich auch die persönliche Ueberslutuntz der Spruidelstadt zum Grundsatz machen wollten. Deutsche Studenten. Die beschämenden Vorgänge an der altchrwürdigen Prager Carolina sind als ein Intermezzo vorübergegangen, das man nachsichtig mit'dem Mantel des Vergestens bedecken möchte. Sie sind sämtlich zu Kreuz gekrochen, die deutschch-ristlichen Studenten aller Parteirichtungen, haben die so trotzig erhobene Sturmftchne sorgsam für spätere Zeiten eingerollt und die Rückwärtskonzentrierunig noch mit jenen flunkernden, geschwollenen Redensarten begleitet, die man in solchen Kreisen gebraucht, „um das Gerecht zu retten". Der Aufruf zur Wie-