Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 3 (1.2.1923)
- Date
- 1923-02-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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VerÖ^fenlkiebunsen Shit ix., Sctoittffe 4 ~ der Postsp arkassenkorrto »r. 8484 „dmon deut8cbö8temichi8cher Juden" T«1ephon Nr. 19-2-T7 Kepp! Kepp! um die Wette. Deutschland ächzt unter der Fvanzosensaust. Wahrend nun das -deutsche Volk den Einmarsch der Franzosen in das Ruhrgebiet mit der Einigung aller Parteien beantwortet, während aller Kräfte sich zusammenbaüen, um die drohende Vernichtung des deutschen Wirtschasts levens abzuwehren, bekunden die Chvistlichsozialen und Großdeutschen in Oesterreich ihre Sympathien für die stammverwandten Brüder mit einem Aufmarsch gegen die Juden. Alle Plaka-tslachen Wiens waren mit bunten Fetzen beklebt, in denen die Juden -beschimpft und besudelt werden. Noch gestern hatte die Staatsverwaltung durch ebenso buntfarbige Plakate Juden wie Christen zur Zeichnung der Goldanleihe aufgerufen und heute duldet sie bereits die infamste, Hetze gegen jenen Teil der Bevölkerung, welcher den Löwenanteil zu dem Ergebnisse dieser Anleche beigetragen hat. Zu der Versammlung, die Sonntag, den 21. Immer, in und vor dem Rathaufe ftattsand, ist die Einladung in rührender Eintracht von -allen antisemitischen Organisationen Wiens ergangen. Selbst die „Reichspost", -die jetzt Regierungsorgan ist und in deren Aussichtsrat der Bundeskanzler Dr. Seipel sitzt, h-at die Aufforderung mitunt erzeich net. Die Herren K. Wolf und Ierzabek aus der einen Seite, Herr Walter Riehl aus der anderen Seite reichen sich brüderlich die Häiide. Ein Mann steht wieder aus, der aus feiner tschecho-slowakischen Heimat hinausgeworsen wurde, weil seine sittlichen Qualitäten zum Himmel stanken, und der setzt in Oesterreich durch das rüdeste Hepp-heppl-Geschrei wieder zu Ehren gelangen will. Mit ihm Hand -in Hand geht der Führer der Nationalsozialisten, der sich die Schlagworte und die Mittel für seine Agitation von jenseits der österreichischen Grenze, aus Bayern, holt. Die politische Weisheit all dieser Elemente erschöpft sich in dem Rufe, daß die Juden an allem schuld seien, daß sie den Krieg verschuldeten, daß sie sich der Krivgsdienftleistung entzogen, daß sie den Schmachsriieden geschlossen, daß sie für -alle üblen Wirtsch-aftsfolgen des Krieges verantwortlich sind. .Das ist den urteilslosen Massen schon hundert- und tausendmal in die Ohren gebrüllt worden. Nun kommen neue Beschuldigungen hinzu: Wenn die Fleischhauer sich an die Marktpreise nicht halten, wenn die Obst- und Gemüsehändler mit ihrer Ware den schamlosesten Wucher treiben, wenn die Greißler und Gemischtwarenhändler dem Volke die Haut über die Ohren ziehen, wenn, mit einem Worte, die christlichen Geschäftsleute sich maßlos bereichern, so ist all das nur auf die Treibereien der Juden zurückzusühren. Es nützt nichts, daß 'diese Geschäftsleute ein Haus um das andere erwerben und daß ihre Einlagen in den Sparkassen von Woche zu Woche mächtig anschwellen, die Hepp-h epp!-Rufer wißen es besser: „Die Juden haben alles Geld 'der Erde, sie üben eine Vorherrschaft aus, welche gebrochen wenden muß, die Juden saugen dem christlichen Volke das Mark aus den Knochen!" ' Es ist eine Schmach und Schande, was in diesen schicksalsschweren Tagen in Oesterreich vorgeht. Wer das Gefühl für Schmach und Schande ist dielen Lunten längst abhanden gekommen. Wir wollen deshalb auch nicht mehr von den moralischen Ursachen und Wirkungen der Judenhetze sprechen, umsomehr jedoch von ihren realen Auswirkungen. Dieser in Lumpen gehüllte und durch Unterernährung zermürbte Staat ist aus das Mitleid der ganzen gesitteten Welt angewiesen. Jahve lang haben wir von den milden Gaben des Auslandes gelebt. Jetzt appellieren wir an Kredithilse und da kommen nun die Ueberpatriocen urteutonischer Gesinnung und wollen an dem brodelnden Hexenkessel unserer vernichteten Währung ihr eigenes Sondersüpplein brauen. Denn während Herr Wolf, der berüchtigte „Zucker-Wolf", sich hier wieder zu einem tadellosen Ehrenmann stempeln lassen will, hofft Dr. Riehl durch sein Hepp-hepp!-Geschrei bei den künftigen Wahlen ein- Mandat für den Nationalrat 311 ergattern. Der eine sucht dem andern den Wind aus den Segeln zu nehmen und durch Unterbietung in radiikalnationalen Phrasen die Wählermassen zu betören. Ehristlichsoziale, Deutschnationale, Hakenkreuzler und monarchistische -Frontkämpfer haben sich vereinigt, um später gegenseitig auseinander loszuschlagen. Das ist der innerste Kern der Bewegung, welche gegen die Inden in Oesterreich, gleichviel ob sie Ost- oder Westjuden sind, entbrannt ist. Die Regierung aber tut dasselbe, was noch bei allen Pogromen die Hüter der staatlichen Ordnung getan haben: sie steht Gewehr bei Fuß.und sieht krem Hexensabbath lachend oder wenigstens lächelnd zu. Es geht ja nur gegen die Juden, wer wird sich da besonders anfregen! Aber ist denn Oesterreich ein Staat, der irgendwo im Weltall «in einsames und verborgenes Dasein führt? Glauben unsere Staatslenker, daß wicht die Augen Europas und Amerikas sehr scharf und klar aus uns gerichtet sind? Das Hepp-Hepp!-Geschrei ist so laut und eindringlich, daß es weit hinaus über unsere Staatsgrenzen gehört wird, und in England und in Amerika, ja selbst in Italien und in den Balkanländern weiß man, daß der Jude sozusagen auch ein Mensch ist. Oesterreich hat Wert darauf gelegt, in den Völkerbund ausgenommen zu werden. Diese Einrichtung ist vorläufig noch in einem sehr zurückgebliebenen Zustande. Sie ist nicht der Friedensrat aller Völker, wie ihn die Idealisten erträumt haben, ihre Macht ist noch eine sehr geringfügige, ihr Ansehen noch durchaus kein unbestrittenes. Aber dennoch war der Völkerbund schon stark genug, um Oesterreich vor dem Abgrund zu retten, in welchen es im Herbste des vorigen Jahres rettungslos hinabzutaumeln schien. Wir haben jüngst an dieser Stelle ausgesührt, daß der Kredit, der uns gewährt werden soll, von dem Vertrauen abhängig ist, den die Konsistenz unserer staatlichen Zustände den Gläubigern im Auslande eiinzuslößen vermag. Herr Seipel kann die bewilligten Kredite nur bekommen, wenn er zeigt, daß er- Herr der Situation ist . Solange er mit den Hakenkreuzlern und Frontkämpfern marschiert und ruhig zustcht, daß auch die Arbeitslosen in solche Demonstrationen einbezogen werden, werden seine Bittfahrten nach Genf oder anderswohin keinen durchschlagenden Erfolg haben. Schlimmer als die Franzosen im Nichrgebiet