Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 3 (1.2.1923)
- Date
- 1923-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. S Die Wahrheit Beite 7 Kultusgemeinde und ihrer JnftÄutlorren in Pflegeftellen, in Waisenhäusern oder Heimen nntergeibrachit Waren — und heute — Handwerker Handels- oder Bankangestellte,. Mbftändige Kauflenbe, -manche Mädchen durch die ihnen ermöglichte Ehe wohlhabende Haussrauen geworden sind. Und auch nicht einmal denken sie daran, sich durch eine Spende dankbar zu zeigen und mit dieser ihrer Aushilfe die armen Kinder erhalten zu helfen, die heute in der früheren Situation «der reich Gewordenen stehen. Wie viele gutsituierte Frauen und Männer erinnern sich nicht, daß vor Jahren ihr eigener Vater oder ihre Mutter im Vevsorgungshause oder itm sogenannten Rothschildspital oft -durch Jahre hindurch vollkommen kostenlos erhalten wurden, und es ihre Menfchenpflicht wäre, diese Gebühren in Form -von Erhalltungsdeiträgen oder Spenden i m jetzigen Geldwerte nachzutragen. Zn keiner Zeit war solch, eine Aufrüttelung aus „Herz"-kranker Lethargie so notwendig wie jetzt. Es ist horrend viel Geld erforderlich, um in diesen Institutionen für die Armeufürforge auch nur im bescheidensten Ausmaße Nachkommen zu können. Da wäre es doch angezoigt, das Rückerinnern an böse und traurige Tage und Zeiten mit einem Gange in das Armenbüro zu verbinden und sich dort zu überzeugen, was trotz alledem noch immer die Wiener israelitische Kultusgemeinde leistet. Uöber 400 alte und 'erwerbsunfähige Personen, resp. Familien erhalten monatliche Aushilfen in solch geringem Ausmaße, daß sie für den Betrag täglich kaum ein Stückchen Brot-kaufen können. Unter diesen Armen gibt es viele Blinde, Gelähmte Hochbebagte und Sieche, Personen nnid Ehepaare, die früher in geordneten Verhältnissen leibten, und, da sie erwerbsunfähig geworden, jetzt buchstäblich hungern müssen, da ihre Gesamteinnahmen höchstens den Wohnungszins decken. Y Bor wenigen Jahren habe ich einen Vortrag über Alterssürsorge gehalten und bald danach wurde ein spezieller Verband für diesen Zweck errichtet, der, wenn er gsnugend Geldmittel hätte, segensreich wirken 'könnte. Schon jetzt erhalten mehr als 200 würdige Greise monatliche, Beträge in einem erhöhterem Ausmaße. Aber noch immer infolge Knappheit seiner Mittel kann dieser Verband nicht soviel leisten, -als zertentsprechend für seine Schutzbefohlenen erforderlich wäre. Im Vorjahre wurden bedeutende Beträge von der „Jugend für das Alter" gesammelt, aber, wie immer, gingen die jüdischen Greise durch die Masse der Gemeldeten leer ans. (Schluß folgt.) - Ein halbes Jahrhundert Blindenpflege. Zum 50jährigen Bestandsfest des jüdischen Blinden- JnMuts aus der Hohen Warte (Wien) wird uns von befreundeter (arischer) Seite geschrieben: Man sollte es der christlichen Welt doch nicht gar so bequem nrachen und über Ereignisse bzw, Schöpfungen hinweggehen, die für 'die Entwicklung einer Nation und -damit der gesamten Menschheit von .größter Bedeutung sich darstellen. In erster Linie gehören hieher die Wohlfahrtsnrrd Heilstätten, über deren Wert als Kultnrmaßstab es wohl nur eine Stimme geben kann. Und da ist es in erster Linie wohl das wichtigste Organ, unser Auge, für dessen Verlust oder Zerstörung -die übrige Gesellschaft den von diesem schrecklichen Unglück Betroffenen einigen Ersatz zu bieten verpflichtet wäre, soweit dies menschliche Hilfe überhaupt imstande ist.' Dem für derartige Ziele stets offenen jüdischen Fernblick, unterstützt von einem entsprechenden praktischen Verständnis firr die materiellen Bedürft n i s s e, blieb es Vorbehalten, ein grandioses Weck dahingebörender Art zu schaffen, das, obwohl es in den beiden Nummern der „Wahrheit" (vom 15. Dezember 1922 und 1. Jänner 1923) bereits besprochen und ganz richtig als vorbildlich für die ganze Welt hingestellt worden ist, doch keineswegs die Würdigung gesunden hat, die ihm vermöge seiner Bedeutung zukommen müßte. Und ich glaube diesen in den weitesten Kreisen wahrnehmbaren Mangel nicht anders charakterisieren zu können, als indem ich offen bekenne, daß wir Arier gerade jetzt weiter denn je vom Ziele sind, daß unsere (der Arier) Blindenfürsorge kaum den Beginn einer solchen dar stellt. Fünfzig Jahre Zeit! Was hätte sich in diesem Intervall erreichen lassen im Verbesserung der Sehkraft und infolgedessen der Schaffenskraft unserer Jugend auf körperlichem, aber noch mehr auf geistigem Gebiete! — Nur derjenige kann sich eine halbwegs zutreffende Vorstellung von der unberechenbaren Tragweite des Augenlicht-„Ersatzes" machen, der damals beim Eröffnnngsfeste die kleinen Weltbürger in Augenschein genommen hat, die nun, von der Natur so stiefmütt erlich behandelt, mit einer gewissen Daseins fr ende auch ihren Platz unter uns einzunehmen sich berechtigt fanden und nicht mehr fürchten mußten, als überzählig nur geduldet und enrig als Last -betrachtet zu werden. Aber das halbe Jahrhundert verrann ungenützt. „Wir" fanden keine Veranlassung, uns der.a-rckig reine Freuden aus uns selbst zu verschaffend Der unvergeßliche Oberkantor Sulz er schmetterte nur-für die Seimen seine mächtigsn Psalmen und Gebete gegen Himmel, die in seiner weltentrückten Zuhörerschaft echte und wahre Begeisterung auslösten. Als junger Mann wurde ich durch eine Einladung zur Teilnahme an dieser herrlichen Einweihnngsseier beglückt, an die ich heute noch oft mit Wehmut zurückdenke: bringt sie doch wieder auch hu Gegensatz hiezu den schrecklichsten Rückfall in die allgemeine mittelalterliche Verrohung in die Erscheinung, am der wir nach dem Satze: „nach der Liberalität die Nationalität, nach der Nationalität die Bestialität" (Grillparzer) heute so furchtbar leiden! Dank dem innigen Verkehr, den ich mir einem der -angesehensten Häuser aus der damaligen jüdischen Geistes- und Geburtsari stvkratie, der Familie Dr. Ignaz Hofmann, Edle v. Hofmannschal, zu pflegen so glücklich war, hatte ich ja längst das Vorurteil von den Juden als einer „race interieure", wie sie von uns seit jeher gewertet werden, abgelegt und erkannt, daß w i r bezüglich des Mangels an Ethik bei der Gegenseite nicht den geringsten Grund zur Klage hätten! Hier aber im Blrndeninftitut offenbarte sich mir außerdem die Groß z ü g i g k e i t, die Zusammenarbeit bei Neuschaffung oder Verbesserung soziologischer Einrichtungen, für welche wir ja kaum das Verständnis, geschweige die Energie der Durchführung in ungeahnter Werfe besaßen! — Und nun, nach fünfzig Jahren hat sich die Situation für uns nicht nur nicht verbessert, sondern wesentlich verschlimmert. Tausende und abertausende junger Augen wurden ganz oder teilweise zerstört; für neue Heilstätten gibt es wie gewöhnlich kein Geld, alles verschlang die Kriegsfurie, zuerst im russisch-türkischen Krieg, dann in den Balkanwirren und neuestens in dem gräßlichen Weltkriege! Immer noch verträgt sich ganz wohl die vielgerühmte schriftliche Nächstenliebe" mit dem rohesten, schaurigsten Vernichtungstriebe, der Menschen nntereinander, wie man dies so oft -beobachten kann. Der Unterschied liegt nur im Namen: Krieg heißt's im Großen, überdies wenn die Legitimation hiezu vorhanden ist, Mißhandlung im Kleinen. Aus dem Abflauen der letzteren werden wir dereinst Hofs-