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Die Wahrheit · 1923-02-01 · Heft 3 (1.2.1923) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 3 (1.2.1923)
Date
1923-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. S I | 11 *■ i , t t? 1 f das das Lied vom treuen Hirt und guten Wirt atmet, -der seinen Freund mit Güte und Huld wie mR schützenden GeleitsmanMN umgibt, dis daß er heimkehren darf ins Hans der Ewigen für die Däner der Zeiten. * Mit Lessing fühle ich mich versucht, auszuvufen: „Was soll ich von einer so klaren Sache viel Worte machen?" Ich will mich vielmehr sogleich ganz kurz, zu dem Haupttrumpf unseres Bibelbefchders wenden. Christentum und Judentum sind toro Lenere geschieden. Jesus war höchstens S. 59 jüdischer Proselyt. In keinem Falle Vollblutjnde. Freilich sagt das neue Testament ausdrücklich, er stammt von David alb. Oder ist das neue Testameut etwa auch eine große Täuschung? Fast scheint es, daß Delitzsch jener Kritik 'beipflichtet, die aus der Prophetenstelle Mi. 5 Jesus Geburtsort in Bethlehem und, weil man seine Abkunft -aus dem verachteten Naziaret nicht leugnen konnte, die Cenfusgeschichte erfunden sein läßt. Und in der Tat hielt neuerdings der Bremer Pastor und Monist Steubel in verschiedenen Städten Vorträge über das neue Testa ment und die große Täuschung, wo -ganz nach Delitzsch Methode die Bibelkritik dazu dienen muß, die neutestamentlichen Schriften als trügerisch -aufzuweisen. Doch mag es anderer Gelegenheit Vorbehalten sein, zu zeigen, wie Delitzsch -auch das neue Testament vergewaltigt uNd gegen die christlichen Zeugnisse das Christentum vom Judentum lösen will. Gerade als ich Delitzsch Schmähschrift gegen die Bibel empfing, las ich, wie sich Max Dauthendey, ein feinsinniger Moderner, zur Bibel gestellt hat. In Jawa einsam zurückgeworfen auf sich selbst, gewinnt er das Buch der Bücher lieb. In seiner Bibel findet sich eine -eigenhändige Aufzeichnung von Hm mit folgendem erschütternd schlichtem Bekenntnisse des Künstlers: „Heute morgen, als ich die Psalmen gelesen hatte, geschah mir eine Erkenntnis: Ich erkannte, daß es einen persönlichen Gott gibt. Welche herrliche Zielsicherheit ist heute in mein Herz eingezogen!" Matrone dem grausigen Spiele beiwohnen mußte. Auch sie erkennt den Geliebten, sie stürzt -an seine Seite und beide hauchen unter den Pranken der Bestie gemeinsam Hre Seele aus. Nimmt Gordon in Saul und Zi-dkia gegen Samuel und Jeremia Partei, so verschärft sich sein Gegensatz gegen gewisse Auswüchse der jüdischen Theologie in feiner Umgebung geradezu bis zum glüh eichen Haß. Man begreift diese Stimmung leichter, wenn man bedenkt, daß damals unter Nikolaus I. das Rabbinatsgericht von der Regierung mit einer gewissen weltlichen Jurisdiktion ausgestattet worden war, die dem ohn-chin vom - Staate arg geknechteten Juden in der HaNd einer jüdischen Behörde doppelt verhaßt erscheinen mußte. In dem fanatischen Eifer gegen Unduldsamkeit m!d pfässisches Wesen schießt Gordon aber weit* über das Ziel hinaus. Er sieht in den Gegnern seines Ideals, der Haskala, nur leibhaftige Teufel, auf der anderen Seite nur fleckenlose Engel. Doch sein Motiv, ist ein durchaus edles. Er will seinen Volks stamm zu den lauteren Quellen seiner Eigenart, zur Bibel, zu seinen großen mittelalterlichen Dichtern, zu seinen Denkern, wie Saddja, Maimonides, Mendelssohn, zurückführen, und sein Schwert, das durch hemmendes Dornengestrüpp eine Bresche schlagen will, schlägt oft daneben in gesundes Holz. Das reine,' geläuterte jüdische Gottesbewußtsein untd die reine »hebräische Sprache, die will Gordon um jeden Preis-seinem Volke retten. (Fortsetzung folgt.) Verarmt — reich geworden. Ein Aufruf. Von Amtsleiter Rudolf Kraus. Im Wohltätigkeitsamte der Wiener israelitischen Kultusgemeinde finden sich in der Nachkiegszeit öfters solche neue Arme ein, die nur -vom Rückdenken au die Vergangenheit leben, von der guten alten Zeit sprechen, 'da sie noch arbeitsfähig waren, eine Existenzmöglichkeit hatten und mit den eigenen 'Geldmitteln sich und ihre Airg.ehorigen ohne Hemde Hilfe ernähren konnten. Sie -sind von den schweren Tagen überfallen worden, die Ziffern mit den vielen Stellen uNd Nullen verdrängten sie aus Hver Einfachheit —sie sind arm — mit den Gewohnheiten ihres entschwundenen bürgerlichen Reichtums, der ihnen die Selbständigkeit verlieh. Sie erbitten die Gabe in der Meinung, daß man ihr verloren gegangenes Gut noch anerkennen und sie wieder in ihre früheren Vermögensverhältniste bringen sollte. Dies-wäre doch schön. Aber die selbst notleidende Hilfsstelle kann, den vielen Anforderungen nicht Nachkommen und die „Privaten" bieten ihr nicht die erforderlichen Mittel. Diese Privatwohltäter haben in den seltensten Fällen einen praktischen Einblick in die Familien- und Bermögensveohältnisse der von ihnen Beteilten. Oft nur, um sich die Freude des Gebens zu verschaffen oder zeitweise eine Gewissensanklage zu verschleiern, schenken sie ohne Erkundigung — wahllos. Auch dann noch, wenn Hre bekannten Armen auch schon nichts mehr benötigen sollten. ' Sie leisten ja viel Gutes, diese edlen Damen und Herren, sie fördern Institute, aber nur ihr Herz gibt/ nicht fragend nach der Gemeinsamkeit von Armut und Würdigkeit; ist dies Kommodität oder die'Angst, daß sie als Wohltäter behelligt würden, sie wollen von einer amtlichen Praxis nichts' wissen. So werden oft 'bedeutende Beträge für vermeintliche Arme, große Spenden für Institute gegeben, die ob ihrer tatsächlichen Leistung - oder Wirtschaftsgebarung weiterer Förderung kaum würdig sind. Es wird in Wien viel für Arme geleistet; in dem Ausmaße des Erforderlichen ist dies für idle Dauer der Geldentwertung jetdoch nur zum Teil möglich. Und dennoch! Bei aller dankbaren Anerkennung der Zusammengehörigkeit nud Brüderlichkeit der Juden aller Länder, auch derjenigen, deren Geldwerte sogar ,/sdckl" genannt werden, bei den vielen Wohltaterr, die trotz der schweren materiellen - Verhältnisse von den jederzeit gutherzigen Wiener Juden für alle Vorkommnisse des Großstadtelends geleistet werden, wofür doch die bisherige Erhaltung der meisten WohHahrtsin'ftitntionen das beredteste Zeugnis '«Mögt, glaube ich, daß die neue Kategorie der Wohltäter sich nicht genügend für Arme interessiert, diejenigen Personen, die selbst vor noch nicht langer Zeit hilfsbedürftig waren'und 'durch die geänderten, für sie 'günstig gewordenen Verhältnisse fremde Hilfe Gottlob nicht mchr benötigen. Da Hre Arbeit jetzt besser bezahlt wird, Hre Kinder ins Verdienen gekommen sind oder aus dem Ausland einen Bruchteil ihres Einkommens schicken, haben sie es nicht mchr Nötig, beteilt zu werden — und das Rückdenken an die Stellen, von welchen -aus sie in den Zeiten der Bedrängnis Aushilfen -erhalten halben, haben sie, einem schmerzlichen Empfinden gleich, -gern aufgegeben. Wie oft erhielten manche von Hnen eine Aushilfe, die ihnen die Wohnungssorge nahm, die Studien -ermöglichte, die Verehelichung sicherte, die Gesundheit wieder stärkte, die Ausübung ihrer Pietatspflicht für Lebende und Hingeschiedene erleichterte, ja oft ihnen ihre heutige Exrstenz verschafft hat. Wie viele junge.LeNte gibt es, die während ihrer Kindheit uNd Lehrzeit als Schützlinge der

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