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Die Wahrheit · 1923-01-16 · Heft 2 (16.1.1923) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 2 (16.1.1923)
Date
1923-01-16
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. S Die Wahrheit «eite IS Theater, Kunst und Literatur „Unser Weg". Monatsschrift für Literatur und Zeitfragen. Herausgegeben von der Agudas Jifroel-Jugendgruppe, Wien, 20. Bez., Bäuerlegasse 20. Die vorliegende erste Nummer des von dem in Agudakreisen in gutem Rufe stehenden Jugendsührers Schabse Schönfeld redigierten Jügendorgan-es ist mit reichem Inhalte in jüdischer Sprache erschienen. Schon die . äußere Form genügt, um erkennen zu lassen, daß hier eine Arbeit ernster und trotz ihres jugendlichen Alters erfahrungsreicher Menschen zu finden ist. Es ist schon der Umstand bemerkenswert, daß die Aguda- Jngendgruppe des 20. Bezirkes, die erst vor einigen Wochen nÄr organisiert wurde, bereits in vollster Arbeitsleistung sicht ein eigenes Organ herausgibt. Der Inhalt steht durchaus auf hohem literarischen Niveau, er ist vollständig dem Verständnisse und den Bestrebungen der Jugend angepaßt. Ein besonderes Augenmerk verdient der Artikel „Was verlangen wir vom Zentralrat". Das Hohelied. Neu übersetzt und ästhetisch sittlich beurteilt von Dr. Martin T h r I o. A. Marcus und E. Webers Verlag, Bonn. Das Lied der Lieder war seit jcher Gegenstand der widersprechendsten Deutungen. Dr. Martin Thilos Uebersetzung dieser Perle althebräischer Poesie weicht von allen bisher bekannten wesentlich ab, ebenso wie die Auslegung mit den überkommenen Traditionen bricht. Die verwirft den besonders in evangelisch-theologischenKreisen, vorherrschenden Gedanken, im Hohen Lieb eine Allegorisierungdes Verhältnisses der Kirche zu ihrer Gemeinde zu sehen. Auch gegen den Anwurf der Erotik als Selbstzweck des Gedichtes nimmt es Thilo in Schutz und polemisiert überzeugend gegen die bekannte Auffassung Paul Haupts, der in diesem Gedicht eine Zusammenlegung alchebräifcher LiebesuNd Hochzeitslieder -erblickt. Thilo hingegen nimmt es als einheitliches Ganzes, wenn auch er nicht bedingungslos den König Salomon als Len -ersten Sänger des Hohm Liedes annimmt. Die kritischen Anmerkungen und Noten, welche als Anhang beigegeben sind, zeigen von sorgfältigem Quellenstudium, umfasiendem Wissen und scharfsinnigem Urteil, wodurch diese Monographie als lesenswert empfohlen werden darf. d. Ein Brief Goethes. Angeregt durch den trefflichen Auffatz „Der Großjude" von Lazarus möchte ich für die Leser der „Wcchrheit" etw as a b sch reiben, und zwar etwas Abgeschriebenes! — Am 24. Dezember 1775 schrieb Goethe an seinen Herzog unter anderem folgendes: Hab indeß in der Bibel >ge!lösen. Hier ein Stück Jesaias (Gap. 14): Siehe, der Herr machte Land leer und wüste; und wirft um, was drinnen ist, und zerstreuet seine Einwohner -— der Most verschwindet, die Rebe (Luther: Wemstock) verschmachtet, und alle, die herzlich froh waren, ächzen. (Luther: Die von Höchen fröhlich waren, seufzen.) Der Pauken Jubel (Luther: Die Freite der Pauken) seyert, das festliche Jauchzen verstummt (Luther: Jauchzen der Fröhlichen ist aus) und der Harfen Gesang ist dahin. Niemand singt mehr zum (Luther: Man singt nicht beim) Wemtri'Nken, das beste Getränk ist bitter dem Mund (Luther: und gutes Getränk ist bitter denen, so es trinken), die leere Stadt ist zerbrochen, die Häuser sind verschlossen, niemand geht aus und ein (Luther: zugeschlossen, daß niemand hinein gehet). — Eitel Wüstung ist in der Stadt, und die Dhore sichen öde. Denn im Land und im Voll gehts eben, als wenn ein OeWbamn abgepslückt ist, als wenn man NachiliesÄ so die Weinernte aus ist. — Während Goethe (Brief an Lar ater vom 9. August 1782) die Wunder im Evangelium 'für „Lästerungen gegen den großen Gott" hält «und über die Schönheit des Evangeliums sich schr reserviert äußert, so ist er von Jesaia so begeistert, daß er ihn nicht nur -auf seinen Reisen mit sich führt, sondern auch liest und seinem Herzog mitteilt! — Dazu kommt noch, daß Goethe sich nicht etwa begnügt hat, den Luther einfach übzuschreiben, sondern viele Ausdrücke verändert hat. — Ob er sich dabei des hebräischen Originals bedient hat? Möglich wäre es ja, wie sich auch Goethe die Uebersetzung des hohen Liedes zugetraut hat. Am interessantesten bei diesem Briefe ist, was Goethe ausgelassen hat. So den zweiten Veys, der gar zu — demokrrftsch klingt: „Und gehet dem Priester wie dem. Volk, dem Herrn wie dem Knechtender Frau wie der. Magd, dem Verkäufer wie dem Käufer, .dem Leiher wie dem Borger, dem Mahnenden wie dem Schuldiger." Prof. Dr. K a h a n, Znaim. Eleazar Ben Jehuda gestorben. Der große Gelehrte und Pionier der Erneuerung der hebräischen Sprache und der Mischen Sprachforschung, Eleazar Ben Jehuda, ist in Tel-Awiw gestorben. Ben Jehuda war einer der ältesten jüdischen Ansiedler in Palästina. Seitdem er ins Land kam, widmete er sich ganz und gar der Erneuerung der hebräischen Sprache als der Umgangssprache der Mischen Bevölkerung Palästinas, und nur seiner wahrhaft opfervollen Hingebung an dis Sprache ist es zn danken, daß das Hebräische zur lebendigen Sprache im Heiligen Lande geworden ist: Er war auch eine in der philologischen Gelehrtenwelt angesehene wissenschaftliche Persönlichkeit. Zu seinen Hauptwerken gehört das große, auf 12 Lexikabirrwe berechnete MonumBrtalwerk „Thesaurus ben Jehuda", von dem bis jetzt erst 6 Bände vorliegen, sowie ein vielbekanntes hebräisches Taschenwörterbuch. Sein Sohn ist der bekannte hebräische Publizist und Herausgeber der Jerusalem-er hebräischen Tageszeitung „Doar Hajom", Ben-Atvi. Hermann Wendel, Aus drei Kulturen (Deutsches — Französisches — Slavisches), Berlin S. W. 68, Verlag für Sozialwrssenschaft. Preis Mk. 1300. Hermann Wendel stellt hier die besten seiner in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen erschienenen Essays zusammen, in denen er das Wallen, Werk und Wirken solcher Männer schildert, die für die politische Freiheit ihres Volkes mit geistigen MüsAn gekämpft und nicht selten das eigene persönliche LebensgUck der Idee znm Opfer gebracht haben. Schon durch die Art der Aufreihung der Kapitel erhält der Band feinen ganz besonderen Reiz; man sieht -den Funken von Mensch zn Mensch, von Zeit zn Zeit, von Volk zu Volk überspringen, hier zünbend, dort versengend oder verzehrend, und so ergibt sich in losester historischer Abfolge die Entstehung des Freiheitsbegrisfes im abgelausenen Jahrhundert, jenes Begriffes, der Inhalt und Form wechselnd, stets neue Gestalt zu gewinnen sucht. Samuel Bettelheim, der ehemalige Herausgeber der Wiener „Jüdischen Presse" teilt uns aus Rew-Aork mir, daß er am 11. v. M. dort angekommen, bereits mehrere Reden gehalten habe, unter anderem vor 2000 Personen im Secondapenue-Theater. Am 3. d. M. fand im Pennsylvania-Hotel, dem vornehtnsten in der Stadt, ein feier- Ocher Empfangsabend statt.

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