Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 2 (16.1.1923)
- Date
- 1923-01-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3064121-3064123--12001-3079432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leite 14 Ais D ahrheHt ' Nr. 2 jedem Winde. Er tanzt auch nicht mehr ehrbar mit seiner Frau, sondern mit der Prostitution des Deutschtums, wo es sich «am schamlosesten gebärdet. Der getaufte Jude. In dem jüngst stattgefundenen Harden-Prozeß -betonte. Maximilian Harden (ursprünglich Isidor Wittkvwsky), Herausgeber der „Zukunft", „daß hinter dem ganzen Verfahren (heimtückischen Ueberfall auf ihn) die tiefe Insinuation stockt: dieser gemeine Jude, eigentlich heißt er: Isidor; ich habe niemals (so?) Anspruch auf diesen Nmnen gehabt. Ich bin allerdings als Jude geboren, aber schon vor 40 Jahren aus innerer Ueberzeugung als blutjunger Mensch zum Christentum übergetreten. Damals gab es noch keine Zeit des RassencmttisemÄismus. . . . Ich habe nie für jüdische Dinge Partei genommen, sogar eine Zeitlang eher für einen Antisemiten gegolten. Esscheint aber, -daß es unverjährbar ist: Ich bleibe Isidor." Es ist zutreffend, daß der getaufte Jude ,,unoerjährbar" ist, wie es auch zutrifft, daß viele Christen dem neuen Glaubensgenosseu kein rechtes Vertrauen schenken. In der Tat schwankt Hardens Charakterbild in der Geschichte des Journalismus. Wenn er ausdrücklich hervorKuheben sich -bemüßigt findet, daß er aus innerer Ueberzeugung zum Christentum übergetreten sei, so find wir nicht berechtigt, seine Worte an- Mzweifeln. Si«ehe Raschi zu Levitious: „Fürchte dich vor deinem Gotte, der deine Gedanken kennte dir ist die Sache allein «anvertmut, anderen bleibt sie unbekannt." Ob er iU ein inneres Verhältnis zum Christentum getreten, wie Julius Stahl, A. Neander und Paulus Cassel, diesen ,,Zeugen aus Israel", wie die Uebergetretenen in Missionsschriften genannt werden, ist uns unbekannt. Es wäre aber, interessant zu erfahren, zu welch«« Christentum sich Harden bekennt, ob er als evangelischer Christ positiv gläubig oder liberal gesinnt ist, ob ihm mehr die chrestliche Religion oder die Religion Christi am Herzen liegt usw. Harden hebt ausdrücklich hervor, daß er für Wische Dinge nie Partei genommen habe. Einmal bedeutet das sicherlich keinen Ruhmestitel für ihn, wir verweisen nur auf P-milus Cassel, der, als die Wogen des Antisemitismus hoch gingen, gegen diese relitzionsfeinliche und kulturwidrige Bewegung energisch Front -machte: (Bei dieser GÄegenheit söhnte sich übrigens sem Bruder David, Dozent an der Lehranstalt für die Wifsensschaft des Judentums zu Berlin, mit ihm. dem. Pastor an der Christuskirche, wieder -aus. Bei der Taufe erhielt Selig Cassel dien Namen Paulus Stephanus, die Juden nannten ihn daher spöttisch den seligen Cassel.) Werter ab« trifft es nicht zu, er habe nie Partei in jüdischer Dingen genommen, denn als. -der Bibliothekar an der jWischen Gemeinde zu Berlin, Jakob Fromer, die Parole an seine Glaubensgenossen richtete: „Lasset euch taufen", und hierob von dem Gemeindevorstand gemaßregelt wurde, trat Harden «für Fromer in die Schranken. Daß Harden für einen Antisemiten gegolten, entspricht der Wahrheit. Es hilft aber alles nichts, auch der getaufte Jude wird verbrannt. Harden mag sich beruhten, er teilt das Los mit Männern die hervorragender waren, als er ist. Wie oft ist «gerade in unseren Tagen von dem „Juden «Stahl" die Rede gewesen! Mit 17 Jahren empfing er (1819) in München , die Taufe. Friedrich Wilhelm, IV. berief ihn 1840salä Professor des Rechtes und der Philosophie nach Byckin. Er war der Vorkämpfer und Führer der konservativen Partei — er bleibt ,-der Jude Stahl". . . Dr. M. Spanier, Magdeburg. .Ein Trostpreis. Der preußische Minister des Innern hat den antisemitischen „Michel", wie in unserer letzten Nummer berichtet, die Einfuhr nach Preußen verboten, worüber der Dichter und Schriftsteller Armin v. Oefele als Mitarbeiter des genannten Blattes so bewegt wurde, daß er WO Bände seiner Dramen „Ums deutsche Volk" für solche Werber, die dem Michel je 5 Abonnenten bringen, spendete. Ob solche Preise zu -eifrigem Werben anspornen - können, sei dahingestellt, aber eine gute Idee war es vom Herrn v. Oesele jedenfalls, sich des bedeutenden Postens Ladenhüter zu, entledigen. Ungarische „Faseisten". Entgegen den Erklärungen der Minist« Klebelsberg und Rakovsky, daß sie alles verhindern werden, was hm nationalen und konfessionellen Ftieden des Landes stören könnte und von diesem «Standpunkt aus den Bestand einer Faszistenliga nicht dulden, wird aus Budapest gemeldet, daß dort 400 vereidigte Faszisten gezählt wurden, die sich unter dem Namen „Hungaristen" zu-- sammengetan haben. Niemand weiß jedoch, worauf diese neuen Patrioten vereidigt wurden. Angeblich sollen sie die Wiedervereinigung der abgettennten Teile Ungarns mit dem Vaterlande anstrÄen. Da jedoch füglich bezweifelt werden, muß, daß sie nach dem Beispiele der Vierhundert des Leonidas bis zum letzten Mann ihr Leben für heldische Ziele hingeben wollen und 'auch Horchy, wie die Korrespondenz „Nemzeti Sajtotudosito Heroda" meldet, beinahe gesonnen sein dürtfe, sich wegen solchen natiorralen Stuß mit den ohnedies aufsässigen Nachbarstaaten in ein Gedränge einzulasseu, verdient die Lesart, -daß die „Lungaristen" eine.neue Couleur der Erwachenden Ungarn sind, einigen Glauben. Die Demokratie mancher Aristokraten. Wie in unserer Nr. 24 v. I. berichtet, haben wir von einem Zeugen d^ Vortrages des Herrn Ncttionalrates E ze r n-in Äer die Genfer Protokolle im Saale des Jndustriepalastes «gehört, daß Czernin die Hilarität eines Teiles seiner Zuhörwfchaft wwchigerufen hat mit dem Satze: „Seipel kann nichts dafür, daß er nicht als Sohn eines Rabbiners geboren wurde." Wir erhielten nun zu diesem Fall folgendes Schreiben: „Sehr gochrte Redaktion! Unter dem Titel „Die Demokratie mancher Aristokraten" erschien in der Nr. 24 Ihres gesch. Blattes vom 15. Dezember eine Mittettung über eine Rede des Nationalrates Czernin vom 23. November v. I., welche den Tatsachen nicht entspricht. -Herr Exnationalrat F r i e dmann, der selbst Ohrenzeuge gewesen ist, schrieb mir diesbezüglich: „Herr Nationalrat Czernin hat auf einen Zwischenruf g^ntwvrt-et: „Auch wenn Seipel Rabbiner wäre würde ich mich art s e i n -Kleid hänge n!" Er -mvintei, daß Seipel zu unterstützen ist, wett das Genfer Abkommen Rettung bringt; ihm (Czernin) ist es gleichgültig, -ob Seipes Geistlicher ist oder nicht, er würde ebenso mit ihm gehen, wenn er nicht Prälat, sondern Rabbiner wäre." Mithin ist auch den Schlußfolgerungen^ . welche Einsender obiger Notitz aus der, -eben entstellt wiedergegebenen Rede zieht, der. Boden entzogen. Indem ich Sie höfl. bitte, dieser Richtigstellung gefl. Raum geben zu wollen, verbleibe ich -mit vorzüglicher Hochachtung Dr. jur. et rer. pol. Benno Ten net." Wir schreiben es der ,Wrgerlich-demokratischen Aibeiitsparbei" hoch an, daß sie unsere' Not^ beringen möchte, wettsie dadurch dien Beweis erbringt, daß ihr daran gelegen ist, ftstzustellen, daß sie keine Gruppe von Mitbürgern Lmrch Vevlachung chrer Geistlichkeit verletzen will. Einigkeit macht stark. . Ein konfessionell gespaltener Bürgerstandnrüßte unterliegen.