Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 2 (16.1.1923)
- Date
- 1923-01-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 2 Seite 13 D i eWahrhe i 1 war." Ich muß dies mindestens als einen Irrtum bezeichnen.. Wer den Aufstiegs den Hochflug Luegers zum „Herrn von Wien" miterlebt hat, wer ihn an der Macht sah und beobachtete, muß bezeugen, daß er den kleinen Hausierer, den armen Wien fremden Juden wieder persönlich drangsalierte, noch durch seine Organe verfolgen ließ; im Gegenteil, er hat vielen, die sich an ihn wandten, gegen Magistratische Willkür und antisemitische Bezirksgrößen rasch resolviert zu ihrem Recht verholfen. Es ist bekannte Tatsache, daß er jüdischen Wohlfahrtsanstalten, besonders Kinderbekleidungsviereinen, aus jeigoner Tasche Jahresbeiträge spendete. Ebenso bekannt ist es, daß Dr. Karl Lueger Juden zu seinen intimen Freunden zahlte, wie Dr. Mandel, mit dem er den demokratischen. Verein im 3. Bezirke begründete, und dem jüdischen Gemeindvrate Kleeb rnd er gab er die letzte Ehre trotz Einspruchs der Aerzte, die den schwer leidenden Bürgermeister von seinem Entschlüsse -abbringen wollten. Dr. Karl Lueger war eine echte Wiener Frohnatur, dem die Jagd auf jüdisches Kleinwild ein Gräuel war. Diesem Sport huldigten seine „Fantzhunde, die Schneider, Gvegorig. Bisloihlawek, Vetter und Gleichgeartete. Wenn es im weiteren Verfolg des erwähnten Aufsatzes heißt, daß er mit den Geld- und Preffejuden auf bestem Fuße stand, soll das hoffentlich keine Verdächtigung des populärsten Wiener Bürgermeisters beinhalten. Es liegt mir als Jude wohl ferne, ihn apologetisch zu preisen, anderseits soll in einem Blatte, das den Titel „Die Wahrheit" trägt, auch dem verstorbenen Gegner kein Unbill zugefügt werden. Derlei möge als Reservat der antisemitischen Presse verbleiben. Das Ostjudenproblem in Deutschland. Auch dort gibt es ein solches schweres Problem, aber die Lösung desselben wird nicht durch leere Worte, Müßiges Gerede und Geschreibe, sondern durch befreiende Tat be? sontders vom Zonbra-l-Bevom deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens umsichtig und planvoll in die Wege geleitet. Aus dem großzügigen Programm seien nur die Hauptpunkte hervorgehoben: Schaffung produkl i v e r Ar b e i t s m ö g l i ch k e i t und Berufsums ch i ch t u n g unproduktiver ©lernen t'c. Au diesen Krebsschäden laborieren leider auch unsere Ostjuden. Der deutsche. Zentral-Berein hckt nach dieser Richtung Bemerkenswertes geschaffen und wäre seine Tätigkeit dringendst zur Nacheiferung zu empfehlen. Nicht durch zweckloses barbarisches Zuschieben der ,. Polnischen" von einem Drta zum andern, noch weniger durch wüstes Geschimpfe über.di« lästigen Ausländer kann hier Wandel geschaffen werden, sondern nur durch Hinüberleiten zur westlichen . Kultur, aus der westliche Moral hervorgeht. Nur so konrue unserer Ostjudenfratze ihr Stachel genommen werden. Leider werden alle diese löblichen Vorsätze und. eifrigen Bestrebungen an dem böswilligen Fanatismus der völkischen Parteien Deutschlands zunichte, die zwar getrennt marschieren; aber vereint auf den Juden, besonders aus den Ostjuden losschlagen. Der preußische Minister des Innern, Herr Severing, nahm anfangs einen Anlauf mit einer Rede im Landtag, die Existenz der Ostjuden in Preußen, wenn schon nicht zu rechtfertigen, so doch zu erklären. Aber selbst diese bescheidene Anwaltschaft mußte er durch ein gegen ihn eröffn et es Kesseltreiben büßen. Seitdem hat Herr Severing vor den Deutschnationalen Kotau gemacht, und mit seiner neuesten Eingabe an das Reichsministerinm der Meinung Ausdruck gegeben, die „Ostjudengefahr" könne nur durch den Völkerbund gelöst werden. Nun weiß aber jedermann, daß der Völkerbund ganz andere Sorgen hat oder solche zu haben vorgibt, und von ihm aus alle Juden in Mitteleuropa vogelfrei bleiben können. Graf Reventlows „Reichswart", der sich mit kannibalischem Behagen in der Oftjndensrage wälzt, sah in der „Kölnischen Zeitung" ein gefundenes Fressen und zitiert aus dieser haßerfüllte Aöußerungen des nationaldeutschen Juden (Naumannjuden) I. H o b r e ch t gegen seine Glaubensgenossen aus dem Osten. Wenn Herr Hobrecht der Meinung war, mit solcher Perfidie sich bei den Hakenkreuzlern erneu Stein ins Brett zu legen, so belehrt ihn Graf Reiventlow des richtigen durch den wohlve^ienten Fußtritt: „Deswegen werden sie (die Namnannianer) in unfern Augen noch lange nicht zu Menschen deutscher Ration." Ku-Klux-Klan. Ein bavbarischdunikles Wort, das aus den Bereinigten Staaten Nordamerikas über den Ozean gedrungen und im Sprachschatz der veichsdeutschen Antisemiten Bürgerrecht und liebevolle Pflege gefunden. „Der Reichswart"' des Grasen Roventkoiw befaßte sich Mrtzlich mit dem Ku-Klux-Klan und erklärte ihn als eine notwendige Organisation der „hundertperzentigen Amerikaner" zur Abwehr der fremdartigen, das heißt Mischen Elements, die solcherweise überwuchern, daß sie den allen echten Amerikanismus der angelsächsischen Rasse zu verruchten drohen. Es wird dabei ein unverkennbarer Vergleich dieser geheimen Organisation, die auch vor schwersten Verbrechen irn Kampfe nicht zurückschrickt, mit dem deutschen Hakenkreuzlertum gezogen und das amerikanische Volk zu dieser bedenkenlosen Sturmtruppe beglückwünscht- Nach den 'letzten Mitteilungen 'begnügen sich nun die dunklen Ehrenmänner vom Ku-Klux-Klan nicht mll antisemitischen Treibereien, sie fiitb im Nebenberuf auch geschworene Dentschfein.de, mit einem. Wort die richtigen „Hundertperzentitzen". Ihnen geht die jüdische und deutsch- - arische Rasse gleicherweise gegen den Strich und von dieser Gesinnung erfüllt, verstiegen sie sich sotzM: zu gefährlichen Drohungen, falls die Pcckersonet Universität 'die deutsche Sprache als Lehrgsgenftand einführen sollte. Es ist also offenbar nichts mit dem vom „Reichswart", geträumten /und gehofften Bündnis Müschen Hakenkreuz und KwMux- Klan. Sie können Kusammen mcht komme«, «das große Wasser ist gar zu tief. Ein Gefallener. Vom „Ueberbrettl" sank er zum Unterlaufe! der Hakenkveuzler. Er hat chn-en sogar einen Hakenkreuzmarsch gedichtet. Selbstverständlich auf Bestellung und -gegen Vorschuß, wie andere von der Boheme Schuhpasta- oder Hühiwraugenrintzegedichte Lesern. Der Fall Wolzogen, dieser ist unter dom Gefallenen zu verstehen, liegt aber anders. Er hat das Liliencronifche Kabarettlied „Die Musik kommt" zu einer Hymne für die „Hitlergarde" versaut und sich nicht entblödet, die vom Juden Oskar Strauß für diesen Sang komponierte Musik dem Hakenkrouzmarsch anzueignen. Ms ob es gestern gewesen wäre — und es sind gut 20 Jahve selbem vergangen — sehen wir den deutschen Dichterfänger Edelmann Ernst v. Wolzogen, wie er im Wiener Carb-Theater * Lieder zur Laute singt, unter anderen auch: Kling, klang Gloribusch — Ich tanz mit meiner Frau Urcb wenn ich es auch nicht gut kann Ich dreh mich wie'ein Pfau. Ahnungsvoller Brettlfänger! Er drehte sich nicht nur wie ein eitler Pfau, mehr noch wie ein Wetterhahn nach