Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 2 (16.1.1923)
- Date
- 1923-01-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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AM jLi * i - _ A - SBien IX . Ter offen t U c b u n er e n Lerggaffe 4 der Poftfp arkaffrnütmto Nr. V4«4 „(Inton deutscböstemtcbiscbcr Juden“ Telephon Nr. lU-fc-T* Kerrn Dr. Seipel ins Merkbuch. Es geht uns nicht besonders! Der, Delegierte -des Völkerbundes, Herr A v e'n o l, ijt aus Paris und London, ivo -er Vorschüsse auf -den großen Saniemngskr edÄ erwirken wollte, mit ileeven Härchen znrückgökehrt; die innere Goldanleihe hat bisher nach dem autoritativen Zeugnis des Bunidessinänzmilnisters nicht die erhofften RefNNate gebracht. Woher kommt nun diese auffällige Zurückhaltung des in- und ausländischen Kapitals, nachdem ja der VöMerbturchkvedÄ durch die Garantie der bedeutendsten Mächte voll gedeckt erscheint? - Das Kapital ist nicht jüdisch und nicht christlich, das Kapital folgt immer und überall bestimmten wirtschaftlichen Gesetzen, ohne Rücksicht aus nationale und konsessionelle Unterscheidungen. Die wichtigste Voraussetzung für jeden, aulagüsuchenden- Kapitalisten ist die Sicherte i t. Der Staat, welcher aus dem heimischen oder auif dem internationalen Markt um eine Anleihe wirbt, muß diese Sicherheit durch die Gesetzlichkeit seiner Verwaltung, ldurch die Ordnung und Stabilität seiner Einrichtungen gewährleisten -können. Wb krisenhafte Zustände herrschen, wo das oeöfafsungsmaßige Recht bedroht ist. wo die Gesetze nach WÄlÄrr gchandhM -werden, wo die Rechtsordnung bedroht ist, wo umMrAerischen Vestrebungen nicht mit' der eHäderlichen Schärfe -und Autorität entgegengetveten wird, da -findet «das Mißtrauen einen günstigen Nährboden, auf welchem'es wucherisch emporschießt. Was ist nun bei uns in Oesterreich geschehen, nachdem der Bundeskanzler Dr.- Seipel mit stolzem Selbstgefühl aus Genf zurückgekehrt ist und hiervon den Christlichsozialen und Großdeutschen geradezu als Trimnphator, aä „Retter Oesterreichs" gefeiert wurde? Er -hatte das unerwartete und' ungeheure Glück, daß die Sozmichemokraten den Genfer Abmachungen nur einen passiven Widerstmch en'tgegensetzten nnd selbst aus der Ausschaltung des Parlaments für volle zwei Jahre keine Versiassungsfrage machten. Die Maschine zur Verarbeitung des großer: SanverMgÄv evkes schien alffo glatt geölt. Nichtsdestoweniger erheben sich nun im entscheidenden Augenblick die peinlichsten ReibrmgswMecstände. Die Schuld hiefur darf' Herr Dr. Seipel getrost auf sein eigenes Kerbholz schreiben. Man erinnert sich jener Nacht, in welcher die pairlamentarische Beratung des Finanzprogramms zu Ende gebracht werden sollte und in welcher Herr Dr. Seipel wie ein 'gereizter Löwe auffprang, um das Wort von der „bodenständigen christlichen Bevölkerung" in die Öffentlichkeit zu schleudern. In dem Augenblicke, wo die KonzMtration aller politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kräfte des Staates ein Geibot zwingondlfter Notwerchigkeit war, hat der Bundeskanzler unvermittelt und vhue erniste Veranlassung dien Rassen- und Klafsenhaß proklanrievt und so in einem um seine nackte Existenz ringenden Volke wieder die bösesten Instinkte WächgevMeL. Die Freunde des Herrn- Dr.?Seipel waren beflissen, diesen Ausbruch des Bundeskanzlers als eine Folge seiner überspannten Nerven h inzustellen. Aber nicht nur im Weine, sondern oft auch in zusammengebrochenen Nerven liegt Wahrheit, und die innerste Gesinnung Doktor Seipels manifestiere sich einige Tage später, als er in einer Bersammkung des Bauernbumdes, die in der Volks- Halle des Rathauses ftattfand, bei ruhiger Ueberlegung und klarer Vernunft das aufreizende Wort -von „seinem -bodenständigen christlichen BoAe" wiederholte. Die sofortige Wirkung des Wortes zeigte sich in d«n Rummel der arischen Hochschüler, in der Forderung nach Einführung des mrmvrus d&iusus, sowohl für die jüdischen Hochschullehrer ails auch für die jüdischen Studenten und in der eisernen Stirn, mit welcher der R-ekror der Universität, Professor Dr. Diener, diese Forderung als ,.-geeignete Grundlage" für die Beratungen des aTademischen Senats anzunehmen vrKavde. Räht man an diese Perlenschnur antisemitischer Ergüsse noch die Optionspraxis der großdeutschen Minister Dr. Wader und Dr. Frank, welche einen Faujstschlag geigen die klaren Bestimmungen des Artikels 80 des Friedensvertrages von Saint^Germains -bedeuten, und'das Vorgehen der Gemeinde Wien -gegen jüdische Beiverber um die Zuständigkeit, sowie eirdlich die -verschärften AbMHuutzse^ >dvr Wiener PvlizeidirrÄtion gegen jüdische KriÄgWücht-linge/ so gewinnt man aus Mebem das Bild eines antisemitischen Staates, welcher mit vollen Segeln den Zustäriden des zaristischen Rußlands und dies Mutigen Horthy^Ungarns zustrebt. Herr Seipel mag sich drehen und winden, wie er will, er kann für die Verantwortung für die Urheberschaft dieser Ereignisse von sich nicht abwälzen. Und er kann es auch nicht mit der Ohnmacht der jetzigen Regierung entschuldigen, wenn der Obmann der naÄonabfozialistischey Partei, Dr. Walter Riehl, Extratouren nach München unternimmt^ um sich von feinem robusten Gesinnungs- , genossen Hrtler, die Parole einer brutalen Juidenhetze in Oesterveich zu holen, mit den rvichsdeutschen HaLenkreuzlern, dieser -Sturm truppe der Ludendochf und Mventlow, die engste Verbrüderung einzugehen und seine Freun- Äesarme den Horch y-Leuten in Ungarn entgegen zu strecken. Das AMand muß aushorchen,. wenn in dem Innsbrucker Organe dieser Partei dazu aufgefordert wird, politische Gegner glattweg auMhängen, wenn von den Mitgliedern des österreichischen Parlaments gesagt wirb, daß man sie mit nassen Fetzen aus dem Tempel am Ring des 12. November Hönaus jagen soll, wenn das Wiener Organ derselben Partei gefälschte Fälschungen über den Tälmud publiziert, wenn die Genfer Abmachungen als „Genfer Betrug" bezeichnet und Dr. Seipel „der große LiMing und Vater des auserwählten Volkes" genannt wird. Dämmert dem Herrn BundesDanzler -aus all diesen Zündeleien und Hetzereien nW die Erkenntnis, daß einem Staate, der vor dem wirtschaftlichen Untergang stcht und solchen Dingen gegenüber nicht nur ruhig die Hände in den Schoß legt, sondern sie auch noch ermuntert, kein vorsichtiger Kapitalist im In- oder Außlandie Geld borgen -kann? Verstehen er und sein christlich-sozialer Fmanzminister nicht, daß die Mißachtung der Gesetze, die tatsächliche Kvnsiskationder Gleichberechtigung, die Duldung wüster Pöbölexzeße nicht jene Sicherheit zu gewahr-