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Die Wahrheit · 1923-01-16 · Heft 2 (16.1.1923) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 2 (16.1.1923)
Date
1923-01-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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tzjteL Di« Wahrheik Nr. 2 unLsr anderen vom HevM E. K i e-lm ann segg, toioiro -der Bezirkshauptmannschaft Baden, vorn Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, vom Oberrabbiner Dr. H. P. Chaj e s, vonder Zentralleitung der A g u ü a s Iisro el, vom Herrn Wolf PapSenheim, Prof. Dr. Schwärz, Rabbiner Dr. Gru.nwald, Rabbiner Dr. Bauer, vom Verein „Einh e i t", Konsenior und Pfarrer RMert Fronins, von der Waisenfondsleitung der Agudas Jifroel, vom Oberkantvr Jakob Bauer,. Prof. Dr. Samuel Kraus, Schulrat Dr. H. Pollak, Lyzeal- Divektrice Frau Prof. Bub er l, von der Direktion der BoRsmch Bürgerschule, von der Kultusgemeinde Neu nk i r che n, von der Borftehung der Gemeinde in Neunkrrchen u. v. a. Zum Schlüsse überreichte der Präses der Chewra Kadischa Herr Adolf Raab mit einer launigen Ansprache das von der gesamten jüdischen Mitgliedschaft Badens und den zahlreichen auswärtigen Freunden deffekben zustandegebrachte Ehrengeschenk. Der Empfang dauerte von bis 7 Uhr abends und mußte durch das am Ausgange des Sabbachs gebotene Abendgebet und Hawdalah unterbrochen werden. Während dieser ganzen Zeit war die Wohnung des Jubilars voll von Besuchern und bewundernswert war die Ausdauer geistiger und körperlicher Frische des Jubilars. Das erhebend schöne Fest wird der hiesigen Gemeinde und allen, die daran teilgenommen, in unauslöschlicher Erinnerung bleiben und wollen wir noch der liebenswürdigen Mitwirkung des jungen Damenkomitees, bestehend aus den Fräulein: Grete Engel, Ninna Spitzer, Helene Kohn, Hilda Löwinger und Grete Austerl i H anerkennend gedenken.. Brief aus Deutschland. Von Dr. Willy C o h n, Breslau. Wir stehen an der Wende des bürgerlichen Jahres und wenn vielleicht in diesem Augenblick viele im brausenden Trubel Vergessenheit suchen, ziemt es dem ernsthaft Denkenden, Rückschau zu halten über die abgelaufene Geschichtsperiode. Wenn wir es an dieser Stelle mit der Lage der Juden in DerHchland zu tun haben, so gibt es da leider nicht viel Erfreuliches zu berichten. Wohl sind die schlimmsten Befürchtungen, die nwm für diesen Winter gehegt hat, nicht in Erfüllung gegangen, aber mau kann es noch nicht behaupten, ob man über die Gefahr hinweg ist. Denn die große Krise Ser Währungsstabilisierung steht uns noch bevor, und die WeÜgefchichte lehrt, daß alle großen Krisen sich stets gegen die Juden wandten, die man f&r alle diese Dinge immer verantwortlich machte. Ich bin der Ansicht, daß überhaupt der in Deutschland herrschende Antisemitismus nichi so sehr rassenmäßig, sondern wirtschaftlich orientiert ist und vor allem von den Schichten ausgeht, die durch die Revolution verloren haben. Es sind dies die zahlreichen Söhne des Landadels,- des Bürgertums, die früher Lequem in den OMiersstellen und in der Beamtenlaufbahn ihren Unterschlupf fanden und die nun die geistige Konkurrenz mit anderen Schichten aufnehmen muffen, der sie nicht immer gewachsen waren. Aus diesen Kreisen rekrutieren sich die Orgefch-, Selbstschutzleute und wie die Verbände alle heißen mögen, . die sich unter anderem Namen stets neu bilden und immer wieder ein Loch in der Gesetzgebung finden, durch das sie hindurchzuschlüpfen verstchen. Wohl ist man seit dem Bestehen der Schutzgesetze für die Republik etwas vorsichtiger gslvvrden und die äußeren Exzeffe flammen nur noch hie und da auf — davon wird noch zu sprechen sein — aber der Geist blieb der alte. Aus diesen Kreisen rekrutieren sich -auch in der Hauptsache die Fühver der nationalsozialistischen Partei, die bei den Wahlen in Oberschlesien so überraschende Erfolge davongstragen haben, ohne daß sie über ein eigenes Parteiorgan verfügt. Es ist bükmmt, in. welcher Weise sich Herr Hitler in Bayern 'betätigt hat. Aber was da geschehen ist — Streifzüge in die Provinz im Lastauto — Reden und Aufzüge mit entfalteten Hakenkreuzfahnen — das sind alles nur Vorproben für das, was kommen soll! Wenn man auf-der einen Seite auch das Zutrauen zu demgesunden- Denken der großen Masse des deutschen Volkes haben sollte, daß sie auf die Lockungen der HitlergaMn nicht hineinisallen wird, fo ijst doch auf der anderen Seite diese Gefahr auch nicht zu leicht-zu nehmen. Die Partei hat es verstanden, sich mit einem gewiffen sozialen Mäntelchen zu umgeben, und der Antisemitismus ist doch nun leider eine Bewegung, die durchaus großen Kreisen der deutschen Bevölkerung sympathisch ist. — Es ist doch so angenehm, einen Sündenbock zu haben! Was von der Bildungsschicht — nicht der ganzen, denn es gibt glücklicherweise auch Ausnahmen — zu halten ist, das beweist das Verhalten der Jenenser Studenten, die die ersten Reihen im Kolleg den rein-arischen Kommilitionen Vorbehalten wißen wollen. Es beweist das Verhalten in Prag anläßlich der Wahl dös Rektor Steinherz. Und wie es auf der Mehrzahl der deutschen Gymnasien zngeht, ist ja bekannt! Man denkt mit Schrecken daran, wie einmal die Führer des Volkes in der nächsten Generation aussehen werden, die durch diese Erziehung hindurchgegangen sind. Auch hier gibt es natürlich Ansnahmen. — Der Havdenprozeß hat uns gelehrt, wie selbst -ein Gefchworeuengericht ein Menschenleben einschätzen.kann, wenn die betreffende Persönlichkeit ihm nicht genehm ist. Aber man ist bloß so müde geworden, daß man gar nicht mehr imstande ist, sich über jeden politischen Prozeß so aufzuregen, wie es eigentlich nötig wäre. Es handelt sich in dem genannten Verfahren nicht um Harden als Politiker — zu chm kann man verschieden stehen — sondern darum, daß da irgendwo in Deutschland eine Mörderbande sitzt, die mit Gummiknüppeln und Revolvern ihr nicht genehme und natürlich in der Hauptsache jüdische Persönlichkeiten beseitigen will! Es ist der größte Tiefstand öffentlicher Moral! Das milde Urteil gegen diese Leute kennzeichnet die, die es gefällt haben. — Aber wir muffen uns schließlich damit abftnden, daß wir bekämpft werden. Vielleicht hat der Ewige in seinem unerforfchlichen Ratschluß auch damit etwas Gutes für sein Volk gewollt! Treftraurig aber muffen wir darüber sein, daß es in Deutschland eine Partei gibt, die sich national-deutsche Juden nennt, die. sich-nicht schämen, durch rücksichtsloseste Bekämpfung der Ostjuden unseren Feinden in die Hände zu arbeiten." — Sie wissen nicht, daß sie ihr eigenes Nest beschmutzen, sie wiffen auch nicht, daß die Waffen, die sie gegen andere schmieden, einmal auch gegen sie werden gedreht werden. — Kommt die große Pogromwelle, dann wird man keinen Unterschied machen Mischen Oft- und Weftjuden. In sich gespaltet steht das deutsche Judentum da, ein geborstener Fels in einem Weltmeer von Haß. Vielleicht sind es aber auch hier die wenigen, die nach neuen Werten strebend, den Glanz des jüdischen Namens neu wiederstrahlen lassen.

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