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Die Wahrheit · 1923-01-16 · Heft 2 (16.1.1923) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 2 (16.1.1923)
Date
1923-01-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2 Die Wahrheit Seite 5 er uns im Grunde genommen ein schweres psychologisches Rätsel Ms. Da ist ein Forscher, Lar sein Löben 'lang religiöse Urkunden unter dem GMchtswiinkel des Mmählichen Werdens und Wachsens der religiösen Vorstellungen und DrMkräfte gewürdW hat, dieser Mann fallt der Brbel gegenüber in eine längst überwundene Anschauungsweise zurück, in die irrige Meinung Voltaires und des chm geistesverwandten „Anftläricht": .,Mes ist PriestertrNg." Derselbe Wissenschaftler, der die Ergebnisse der modernen BibelkriM, die ganz crm Begriffe dar Entwicklung, wie der Wein an dom Stade, sich emporrankt, grundsätzlich sich zu eigen gemacht hat, vermag es, wie ein dogmatisch besan-- gener Ovchodoxer, der seinem mechanischen Offenbarungsglauiben zu LiÄ»e alles religiöse Werden gleichsam aus eine Fläche projiziert, für die biblische Religion Ms S. 18 seiner StreMroschüre folgenden - schier unglaublich ' klingenden Satz zu schreiben: „Ebendeshalb, weil ich weder im Gottesbegriffe noch in der Geistesveranlagung Israels irgend eineSpur von Entwicklung zu erkennen vermag, weder vor der exrlischen, noch nach exrlischer Zeit, iroch sogar in der Gegenwart, muß ich den mir so vielfach gemachten Vorwurf, ich hätte keinen Sinn für geschichtliche Entwicklung, als haltlos zuMÄveisen." Ist dies nicht, wie ivenn Delitzsch sagt: Wohl sieht die Religion der israelitischen Nomaden und. der höbräischen Bauern anders aus als die. Religion eines Deutewojefaias oder eures talmudischen Rabbis oder eines modernen Mischen Reformpredigers. Ich, Delitzsch, Hube aber den Mut, vor diesen Tatsachen meine Augen zu verschließen und kraft meiner. Machtvollkommenheit zu erWaren: Hier Ms diesem Gebiete gibts keine Entwicklung. Wer wagt mir 'da noch geschichtliches Verständnis abUisprechen? . Nein, ein solche Bemerkungkann -nicht mehr logisch, sie kann nur psychologisch gewürdigt worden als ein Sympton jener durch die KriegserlÄmisse bewirkten seelischen Störungen, zu. deren Heilung gerade die Versenkung in jene Bibel bei-s tragen -könnte, ans der Fichte und andere Männer die Sslbstbesinnung in den Jahren von Deutschlands Erniedrigung wie Ms einem nie versieiglichen Kraftborn geschöpft haben irnib die Delitzsch in beklagenswerter Verblendung unserem unglücklichen BoUe aus Schule, Kirche und Hans entziehen 'möchte. * * Gewiß könnte, wer nur das Vorwort zu Delitzschs Auseinandersetzung mit seinen Kritikern liest, denn dies« bildet im wesentlichen den Inhalt der „großen Täuschung Teil ll", meinen, seine neue Darbietung fei keine Fanfare mehr, sondern eine Chamade, denn Delitzsch weist den Vorwurf antisemitischer Gesinnung vulgo Judenhasses weit von sich. Ja er habe sich sein Leiben lang als das Gegenteil eines Judenfeindes erwiesen. Wir wollen ihm das gern glauben. Allein nicht seine politische Meinung, sondern sein wissenschaftliches Urteil steht hier zur Debatte. Uud in seiner starken Abneigung gegen die hebräische Bibel ist kein Wandel 'eingetreten. Freilich sachlich bringt Delitzsch nichts Neues von Wert herbei. Im Ge gmteil. im Grunde.genommen argumentiert er keineÄvogs glücklich. Lächerlich mutet es an, wenn er auf S. 7 die Eigenart der Schriftgelchrten, 'heidnischen Göttornanren die Vokale des Wortes boscdvüi „Schande" unterzulegen, um so gegen die Abgötterei Einspruch zu erheben. „Täuschung" nennt und ebenso ist es doch, um mit Delitzsch zu sprechen, S. 8 wenig belangreich, daß man dem vierbuchstalbiigen GMesnamen Jhwh -die Bokalg des Wortes Aldouaj, Herr, verlrch. Es lag darin nur das Streben, den Ausdruck: Ewiges Sein, womit das göttliche Wesen für die MeNschenseele -am angemessensten 'bezeichnst wird, möglichst vor jeder gedankenlosen Anwendung sicherHustellen. Mag sich Delitzsch gegen die Gleichsetzung dieses biblischen Gottesnamens mit dem Weltengott noch so wehren, die Bibel läßt keinen Zweifel darüber, daß idäe Welt eine 'Schöpfung dieses Oftenbarungsgottes ist, von desien Macht und Herrlichkeit Himmel und Erde voll sind, ^f. 19, Jos. 7. Unwahr ist, 'daß dieser Gott sich nur um jedoch die Inden Deutschlands und Oesterreichs auf 'diesem Wege der geistigen Assimilation >an die Umgebung.soweit zussteuerten, daß sie die hebraffche Sprache, überhaupt alles spezifisch Jüdische allmählich aibstreiften, führte die Haskala die Juden des Ostens, besonders Rußlands, zu einier Vertiefung des Mischen Löbens, zur Stärkung des Stammesbewnßtseins, des nationalen Sinnes «und vor allem zu einer Pflöge -der hebräischen Sprache, die heute soweit gediehen rst, daß die Mehrwürdige Sprache, in der unsere Propheten gesprochen haben, den Charakter einer modernen Kultursprache angenonrmen hat. Das Hebräische war bis dahin, wie im Mittelalter das Latein, die Sprache der GelehMn. Der Vergleich mÄ der mittelaWerlichen LatiuiM trifft mich inföferne zn, ails unter den Händen -der Gelehrten nirseres jüdischen Mittelalters, b. h. des 17. und 18. Jahrhunderts, gewisse Ausnahmen Abgerechnet, das Heibraische seine ursprüngliche Kraft und Schönheit eingebüßt hMe. Die MasZilim, d. H. die Vertreter der Haskala griffen aber auf die Klassiker des Höbraismus, die Propheten und. Psalmisten sowie auf spätere Sttlmuster von unvergänglichem Glanz, die Hebraisten Ms 'dem spauiffchen und italienischen Kulturkveise, wie Jchuda Halev r und Immanuel R o m i, zurück. Der erst«, der das Hebräische wie eine lebende Sprache , als Literat, als schöngeistiger Schriftsteller und Dichter meisterte, war Abraham Mapu. Mapu wurde 1808 als Söhn eines arnren jüdischen Lchrers in enter Vorstadt Kvwnos geboren. Er erlangte in der Kenntnis des biblischen und talmudischen Schrifttums den Ruhm eines Jlluj, eines Genies. Galt es doch als Ehre, einen rabbmifchen Gelehrten in der Familie zu haben. Mit befoNdevem Eifer widmete er sich dem Studium der Kaballa. Er glaubte sogar lange Zeit ont .die Wirksamkeit kabbcäiistifcher Beschwörungsformeln. Nach 'kaWalist^cher ArrweisuNg hatte er einmal in Kowno versucht!, sich ftemdem Auge .unsichtbar zu machen oder, wie der technische Ausdmck lMtet, „zu scheu, ohne gesehen zu werden" : Im sicheren Vertrauen Ms den Erfolg der kabbalistischen Praktik, die er sorgsam befolgt hatte, 'begab er sich auf die Gasse. Aber welche Enttäuschung, als schon der erste Bekannte, dem er begegnete ihn vom weiten begrüßte. M-a p u s Glaube die Kraft der angewandten Kabbala wurde aber dadurch zunächst keineswegs erschüttert. Er war vielmehr überzeugt, daß er von den kabbalistischen Vorschriften 'für dieses Kunststück die eine oder die andere nicht genau 'befolgt haben müsse. Doch die Aufklärung blieb nicht lange -aus. Mapu trat m Berührung mit europäischer Bildung. Bei einem 'katholischen Priester lernte er Latein, in kurzer 0e>it beherrschte er fünf Sprachen in Wdrt uNd Schrift. Mit. Leidenschaft las er fremde, besoirders ftanzösische Literatur. Er wurde ein Masköl, sin Ansgsklärter jener älteren Generation, die .noch mit modernem Geiste talmudifches Wissen verband. Senwr Sachs, der bekamrte Mische Gelehrte, war es» der Hm für die ästhetische Bedeutung der Bibel und 'der hebräischen Sprache d as Auge öffnete. (Fortsetzung folgt.)

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