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Die Wahrheit · 1923-01-01 · Heft 1 (1.1.1923) · page 16

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 1 (1.1.1923)
Date
1923-01-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seile 16 Die Wahrheit Nr. 1 Vermischtes Aktion zugunsten der ungarischen jüdischen unmerus elau8us- Studenten in Wen. Mit lebhafter Befriedigung verzeichnen wir die Tatsache, daß der in unserer Zeitschrift veröffentlichte Aufruf erfreuliche Resultate gezeitigtt hat. Besondere Anerkennung verdient es, daß der rührige Vorstand der Kultusgemeinde St. Pölten bei seinen GemeMdemÄgiliedern den sehr erheblichen Betrag, von 664.000 Kronen eingebracht mild dem wohltätigen Zwecke bereits zugeführt hat unter gleÄhzeitiger Zuf-age einer Fortsetzung der Sammlungen, wobei er anregt, die Hilfsgelder nicht ausschließlich den ung-arisch-jüdifchen Studenten zu widmen, nachdem das Elend der bedürftigen jüdischen Studentenschaft in Wien himmelschreiend sei. Wir begrüßen und empfehlen diese Anregung, die sich auch mit einem Schreiben des jüdischen Hochschulausschusses deckt, der daraus hinweist, daß infolge der antisemitischen Treibereien des deutschnationalen Rektors Prof. Dr. Diener und seiner gleichgesinnten Studenten sich die Notlage der Mischen Studenten Wiens furchtbar verschärfe. Hier müssen alle Verschickdeicheiten der Landeszugehörigkeit und Parleirichtung zurücktreten. Jwri onauchi! allein darf Legitimation und Berechtigung zur Unterstützung der hartbedrängten jüdischen Studenten fein. : Wie richtig dieser Standpunkt ist, kehrt das nachfolgende Schreiben des um das Hilfswerk hochverdienten Herrn Nathan Chamaides: „Meine Seele weint! Mit zitternder Hand und blutendem Hetzen schreibe ich diese Zeilen nieder. Dienstag, den 26. Dezember 1922, 12 Uhr mittags. Ich komme soeben aus den Baracken in Grinzing, wo wir, Herr Markus G o l d st e i n, Nathan Klausner und ich, die dort hausenden jüdischen Studenten ausgesucht haben. Wir fanden in Baracke Nr. 33 resp. 44 je eine Gruppe mit zusammen etwa 100 Leuten. Judenkinder aus allen Windrichtungen, ungarisch-jüdische aiuniDru« clamsuts - Studenten, solche aus dem vormaligen Kongreß-Polen und Galizien. Die dünnen, nassen, kahlen Wände, Eisenbetten mit äußerst dürftigen und bei weitem nicht, reinein Bettzeug, bildet die einzige Einrichtung. Fahle, verhungerte und verschüchterte Gesichter, vielfach bereits, von der Tuberkulose angefressen, treten uns entgegen. Sie sind nicht gewohnt den Besuch von Menschen, solcher, die sich um ihr Schicksal kümmern, zu empfangen. Sie leiden Hunger und Külte, sind auf das primitivste -bekleidet. Sie studieren, und nie.mo.n>d würde wagen, diese. Schattengestalten zu fragen: Ja, wozu und für wen studiert ihr? Für diese Gesellschaft, für diese Welt und Menschen? Nein, ihre bloße Gegenwart erfüllt uns mit einer gewissen Scheu und Ehrfurcht; sind das doch die Pioniere der Wissenschaft für. die kommende Generation, die sicher humaner und idealer sein wird, als die, welche der Weltkrieg nicht hinweggerafft hat." — Wir haben diesen ergreifenden Zeilen, diesen iurprefsionistischen Schrei einer aufgewühlten jüdischen Seele nichts beizufügen als den . Wunsch, daß er in Men Kreisen der Glaubensgenossen mächtigen Widerhall ifirÄe. Dem Jüdischen Höchschulausschutz wurde außer einer Million, die für die mensa.acadfeimüa ju/dtelica verwendet werden soll, y* Million für Barunlenstützungen übermittelt. Ferner haben wir freihändig an studienbeflissene Ungarn bisher ettva I< .200.000 für Aushilfen verausgabt. Schließlich wurde jeder Gruppe der BarackenflüchMnge ein Betrag von K 500.000 (zusammen 1 Million) als momentane Unterstützung übergeben. Mehr Mittel besitzen wir vorläufig nicht und nur in dem Maße, als bei uns Spenden einlaufen, können wir stetig die materielle Lage der armen studierenden Jugend besiern. Geldbeträge wolle man an die Redaktion der „Wahrheit" oder an Herrn M.. G o l d st e i n, Cafe „Neptun", XX., Gaußplatz 7, senden. Unterstützungsbedürftige .ungarische jüdische Hochschüler wenden sich vertrauensvoll an das Komitee oder an die Redaktion dieses Blattes, die in letzter Zeit folgende Spenden erhielt: Leopold Ro se nt ha l, Wien, K 50.000, Otto 2 5 w h, Salzburg, K 10.000. Ein monumentales Hilsswerk der „Aguda". Als wichtige Verpflichtung der weltumfassenden Organisation „Aguidas Jisroel" erscheint es dem. jüdrscheic Hilfswerk, Waiisenknaben, deren Eltern zu Opfern «der Zeitnot oder gar der Pogrome wurden, zu tüchtigen Handwerkern Hera-nzubilden. Ein prächtig eingerichtetes Haus in Baden und ein zweites, das dank der Opfevwilligkert von Schweizer Glaubensgenossen erstanden werden konnte, ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude des Erzherzogs Rainer, sind dazu bestimmt, elternlose Kinder aufzunehmen. Dort werden sie körperlich und geistig zu vollwertigen Menschen hemngsbildet. Keiner von den Kleinen, die in dem nun bereits seit länger als Jahresfrist geführten Heim untergebracht sind, sieht, wie -der übliche „Waisenknabe" aus, vergnügte Jungens mit roten Backen tollen durch das Haus, gehen fleißig. in die Schule, leben dabei strenge nach den Satzungen ihrer Religion und feiern ihre Feste, wie sie fallen. Die nächste Station der Knaben, die das vierzehnte Lebensjahr bereits erreicht 'haben, wird das Heim in 'der Schimmel-gasse 6 sem, das die Aguda vom Krippenverein gepachtet hat. Hier werden die, Knaben wohnen, die in den Lehrwerkstätten in ■ der Edelsinngasse für ein Handwerk erzogen, in den dortigen Schlafsälen aber micht mehr untergebracht werden können. Djefe Lehrwerkstätten in Meidling haben auch ihre eigene, zwar kurze, aber darum nicht minder seltsame Geschichte. Es sind Teile der Meidlinger Spitalbar-acken, die mit dem dazugehörigen Grund und Boden vom Fabrikanten Heinrich P a p p e n h e i m, -dem Sohne des Präsidenten der Aguda, gekauft und dem Vereiiue einfach geschenkt wurden. Hunderlzwanzig Bettgestelle sind vorläufig um siebzig Millionen Kronen dafür angekauft worden, die Einrichtung -der Lohnwerkstätten für alle melallver-. arbeitenden Gewerbe, für Tischler, Kürschner, Schuster, Schneider, Tapezierer wivd ungefähr noch eine weitere Milliarde verschlingen. Eine Milliarde österreichischer Kronen, Mer die „Aguda" reicht über die gaNze Welt, in Pfunden und Dollars ift der Betrag nicht mehr so erschreckend und er wird aufgebracht werden von den Ausländern gemeinsam mit der Schar der hiesigen opferbereiten Juden, die auch dann, wenn sie selber nicht viel haben, immer noch einen Teil für noch Aevmere -einbringen. . In den Wiener Lehrwerkstätten des Indischen Hvlfswevkes sollen auch Knaben aus dem Osten, nicht nur Wiener ausgebildet werden, jedoch mit der Bestimmung, wieder in ihre Heimat zurnckzulehren, um dort das erlernte Handwerk auszuüben. Univevsitätsprofessor Dr. Eisler faßte die Ziele des Hilsswerkes dahin zusammen, daß verlassene, -arme Kinder zu lebenstüchtigen Menschen ansgebildet werden sollen, die nach Erreichung des 17. Lebensjahres imstande find, ihr Brot aus ehrliche- Weise allein zu verdienen. — Jüdische Handwerker hat cs immer gegeben und viele von ihnen, werrwüvdigerweist besonders Schuhmacher, wurden nebenbei berühmte Talmud gelehrte. Vorurteilslose Meister haben sogar die nüchternen, fleißigen, jüdischen Gesellen sehr gerne in ihren Werkstätten gesehen und die Behauptung, daß die. Juden nicht arbeiten und nur am Ztvischengewinn durch Handel. Geld verdienen wollen, gehört zu den bösartigen Ausstreuungen. Nun will jedoch eine große Korporation durch die. betonte Heranbildung von Handwerkern diesen Behauptungen den Boden mchmen.' Brigittenauer humanitärer Unterstützungs-Verein für Kriegswitwen und Waisen! Dieser Verein, der nach Beendigung des. furchtbaren Weltkrieges ans der Not der Zeit, unter kleinen Verhältnissen geschissen wurde und heute bereits mehr als 700 Mitc.lieder zählt, ist zu einer dominierenden Institution unter den Wiener Wohlfahrtsvereinen geworden. Aus seinem Rechenschaftsbericht, den er nunmehr versendet, geht hervor, daß im Berichtsjahre mehr als zehn Millionen für Unterstützungen verausgabt wurden. Ueberdies hat derselbe. anläßlich des Ehanuka-Festes zehn Waisenkinder (fünf Mädchen und fünf Knaben) in aller Stille vollständig bekleidet, mit einem Aufwand von -drei Millionen Kronen und resultiert noch ein Aktivsaldo im Betrag -von vier Millionen. An der Spitze dieses Vereines steht Hermann Fischer, -ein Mann, der einen energischen Willen znm Guten bekundet. Seine Herzensgüte und Geberfveudigkeit. auch, oder besonders als Privatmann, kann mit Recht als vorbildlich bezeichnet werden. Ihm zur Seite stehr ein Vorstand, aus dessen Mitte wir bloß -die Herren Baernkopf, Wodak, Flußmann, Brüder Saum und David Roth, die Damen Czecher und Blum usw. usw. hervorheben, der.mit Aufopferung, Würde und Ernst den Ausgaben sich widmet. Am 28. Dezember v. I. hat der Verein in den Räumen des Cafe „Neptun", 20. Bezirk, Gauß- Platz 7, wo er auch seinen Sitz hat, seine diesjährige Generalversammlung Mgehalten. Aus der Tagesordnung stand auch der Punkt „Statutenänderung", zur Erweiterung seines Wirkungskreises. Eine weiteste Oesfentlichkeit sei somit auf das segensreiche Wirken dieses Vereines aufmerksam gemacht, und mögen demselben reichliche Mittel für sein humanitäres Wirken zur Verfügung gestellt werden. . N. CH. Für die jüdischen Pfleglinge des Versorgungshauses Lainz. In den letzten Tagen hat sich unter der Aegide des Herrn Gemeinderates und Kultusvorftohers Dr. Leopold Pla.schkes ein „F ü rsorgekomitee für die -jüdischen Pfleglinge des B e r s o r g u n g s h e i m e § Lai n z" konstituiert.. Dieses Komitee hat die Aufgabe, das traurige Los oder fern vom jüdischen Zentrum untergebrachten jüdischen Insassen dadurch ein wattig zu lindern, i daß diesen armen Glaubensgenossen zumindest einmal in der Woche, | und zwar am Sabbath, sowie an den jüdischen Feiertagen Kvstzu-! büßen geboten werden. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig, j daß jeder mitfühlende bemittelte Jude in Wien regelmäßige. Her - mindestens einmalige größere Spenden, sei es in barem Gelde Her ■j in Form von Naturalien, leistet. Die Redaktion der „Wahrheit" j ist bereit, Spenden entgegerczunehmen und auszuweilsen. Die vor- 1 lausige Adresse des Komitees ist Wen, 1. Bez., Soitsnstettengasse 4, i 3. Stock, Tel Nr. 67-0-72, woselbst auch Spendensammelbogen auf-

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