Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 1 (1.1.1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Bei« 7 Air Wahrheit 1 nisse des Liebeslebercs sammeln. Er verliert sich dann an eine Choristin, die im Nebenberns Kurtisane ist. Es bleibt die Mo Geschichte: Felder AuHalter findet seinen Zuhälter. Albert Wolf, der Rabbinersohn, übernimmt diese Nolle. Schließlich, nachdem das Mädchen durch verschiedene Hände gewandert, widmet sie sich der gewöhnlichen Prostitution, und von der Ersparnis aus ihrem Schandlohn beschließt Etelka, so heißt die Edle, mit chrem Albert ein Dirnenkaffeehaus zu errichten. In diesem Sumpf erreicht ihn — es steht jedem frei,' es zu glauben oder nicht — die Offenbarung. Das Nachtlokal wird sein Damaskus, ein innerer Schrei nach Buße löst sich, und der Verlorene eilt nach Hause ans Sterbelager des Vaters. Der ganze folgende Teil des Buches handelt von dieser slurillen Buße. Der Gemeindevorsteher Blum hat schon lcnlge darauf getvartet. Dieser Mann ist auch eine feine Numnter. Mcht als den Würdigsten, sondern als den Reichsten hat inan ihn gewählt. Frömmigkeit gilt chm nichts, Geld alles. Und da er seine Nichte Malwine, einen Ausbund der Häßlichkeit, mitgiftlos unter die Haube bringen will, verschafft er dem Büßer die Stelle des Rabbiners, Kantors ufw. Und die Gemeinde läßt sich diesen >an Leib und Seele kaputen Lotterbuben als Nachfolger des alten Wolf oktroieren. Malwine ist ein ideales Werkzeug der Buße. Dieses altjüngferliche verhuzelte Mädchen entwickelt sich in der Ehe zur Megäre. In der Wirklichkeit hat sich derlei nie begeben. Schließlich ist der Ekel bei Albert stärker als der Büßerdrang, er entflieht der häuslichen Hölle und unterzieht sich in Wien der weniger quak vollen Buße eines Nachtportiers im Bordelletablissement des- Markus Kofler. U0b0l wivd ihm da mitgespielt. Die heimgchenden Gaste spucken ihm ins Gesicht, stecken ihm Trinkgeld in den Mund. Der Teufel mag so büßen! Albert Wolf schmeißt dom Chef Markus Koifler dike ,/weißgosldene Livree" hin, empfängt einen Fußtritt und sucht als wahrsagender Hanswurst in den Kaffeehäusern sein Brot. „Hausierer mit Rernheit" höhnen ihm die Leute nach. „Er aber liebte die Menschen, weil er ihr Gcheimnis wußte und das Gcheimnis Gottes". Mit solchen orakelhaften Worten nimmt Herr Minder Abschied von seinem Helden und vom Loser. Da -es aber geschchen konnte, daß einer oder der andere fragen könnte — warum die jüdische Orgel? wieso die jüdische Orgel? — begegnet der Autor solcher Neugierde, indem er den berauschten Rabbinatskandidaten (auf Seite 83) deklamieren läßt: „So sind wir Juden nicht umzu'bringen, nicht klein zu kriegen, etwas Furchtbares steckt in dieser Zähigkeit, in dieser Lebenskraft, verflucht und verfolgt, tausendmal ausgospien und ausgerottet, immer wieder stchen wir ans, immer wieder beginnt in unserer Brust die Orgel zu brausen, die jüdische Orgel." Die "geschwollene Sentenz paßt wie die Faust aufs Auge. Man könnte ebenso treffend von einem jüdischen Persianerpelz oder jüdischen Fußball als Symbol des Judentums sprechen-. Ludwig Minder hat sich aber auf eine jüdische Orgel festgelegt. Sei's darum. Das Ganze bleibt jedoch nur eines jener Erzeugnisse, wie sie jetzt im Modesalon der schönen Literatur auf die niederen Jnstrkte des Lesepöbels zugeschnitten sind. Nun ja, der Altmeister Zola hat in seinen Romanen in alle Kloaken des natürlichen und widernatürlichen Lasters hinabgeleuchtet, aber die Grenze respektiert, die den Realismus von der Pornographie trennt. Das Martyrium des frühreifen irrenden Knaben hat ein Großer, August Strindberg, ergreifend, weil mit der genialen Naivität des wirklichen Dichters irr „Der Sohn einer Magd" monumental verewigt. Alle Früchte im Irrgarten der Perversitäten haben arischen Erdgeruch. Bisher ist es den grimmigsten Hassern des Judentums nicht eingefallen, au die Reinheit seines Ehe- und Familienlebens zu tasten. Nun aber schüttet Herr Minder einen vollen Zuber der Unflätigkeiten über ferne erfundenen Schandjnden und gibt 'den Antisemiten ein neues Ziel für ihre Giftspritzen. Auf dom ersten Blatt dieses peinlichen Buches aber lesen wir: Meiner Frau gew id met! Wird die sich darüber gefreut haben! d. Aus aller Well. Die Wiener StudeNtenjftags, die gleichzeitig eine Frage mitteleuropäischer Kultur und Gesittung ist, will noch immer nicht von der Tagesordnung verschwinden. Den jungen und alten Herren dä deutschnativnalen Klüngels ist mittlerweile vor ihrer Gottähnlichkeit bange geworden. Rektor Diener gab sogar die Erklärung ab, üaß der mimerus clausus nicht so heiß gegessen werde, wie er in der arischen Hexenküche gekocht wurde. Was sicht feine Magnifizenz an, daß er plötzlich untteu wird, wo alle die teutschen Jünglinge schwuren, treu zu bleiben? Ach, es war nicht seine Wahl. Der Not flh peinlichsten Sinne des Wortes gehorchend, nicht einem etwa auftauchenden Triebe der BÄigdeit, «rfolgre dieser Rückzug. Den Ungezogenheiten der Wiener dsutschnätionalen Studentenschaft folgte die Strafe auf dom Fuße. Plötzlich wurden die Unterstützungsgelder, die man de- und wehmütig für die Wiener Universität in aller Welt erfchnorrt hatte, eingestellt. Amerika, Holland und die Schweiz einigten sich zu diesem Strafmandat. Auf die Gesinnungsbrüder in Deutschland, Böhmen und Ungarn ist kein Verlaß. Da ist es wohl angezoitzt. Bravheit zu markieren, allerdings kommt dieser Vorsatz reichlich zu spät. Der preußische Minister des Innern hat den Grazer „Michel" für Deutschland verboten. — Interessant ist. daß an den antisemitischen Kundgebungen der Studenten auch jene ukrainischen Studenten teilnahinen, Me m der jüdischen StudenterMche mÄgespeist werden! Gilt für Liefe Herrchen denn kein «010001» daums? q- * * In Polen trägt der vereinigte Klub der jüdischen Deputierten und Senatoren den offiziellen Namen: „Jüdische Fraktion im Sejm und Senat der polnischen Republik". Die vereinigte Fraktion setzt sich aus den folgenden parlamentarischen Klubs zusammen: Klub des zentralen kaufmännischen Vereins, Klub der Agudah, Klub der ostgalizischen Juden, Klub des jüdischen Nationalrates. Bei der letzten Beratung der vereinigten jüdischen Fraktion wurde beschlossen, daß die Fraktionsmitglieder in Fragen rein politischen Charakters an Fraktionsbeschlüsse gebunden sind, hingegen in Fragen sozialer und religiöser Natur freie Hand haben, ferner wurde beschlossen, mit dem fvlkistischen Sejmmitglied Pritutzki keine Beziehungen anzustreben, weil er im Wahlkampf den anderen jüdischen Parteien Tendenzen vorgeworfen l)abe, die gegen den polnischen Staat gerichtet seien. Judiex- Werbet Abonnenten für .Sie Wahrheit'