Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 1 (1.1.1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/3062972-3064121-3064122--11974-3079404- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Veröffenllickunosen «Bien IX-, Sttggofle 4 V « der Postsp arkassrnkonta Ur. V464 „örrioti deutdchösterreichischer Juden“ Telephon Ur. 19-2-77 Neuwahlen. Der Bundeskanzler Hai Kr nahe Zeit Neutzuahlen angeküirdigt und die Parteien «beraten eifrig «darüber, ob rotlb wicvnn dieselben stadtsinideu «sollen. Darüber, Daß -das gegenwärtige Bauern- und Arbeiterparlament nicht der Ausdruck der tatsächlichen politischen und sozialen Strö rmrugen in der österreichischen BevöÄ-svung ist, «besteht kein Zweifel. Bon Der Koaliti«on -ist die Wahlordnung und namentlich die Einteilung Der Wcch«lkreise Derart zugeschnitten worden, daß das bürgerlich freisinnige Element in den Städten vollkommen leer «ausgüglangen ist. Bei den letzten Wahlen ist als einziger Vertreterdieses Elements der Abgeordnete Dr. Ottokar C z e r n i n in den Nationa lrat gellangt, der daselbst «naturgemäß «eine iso lierte «Stellung emnimmt. Vom Standpunkte der politischen Gerechtigkeit wäre also eine neuerliche Volksabstimmurig nur «dringend W wünschen, doch -müßte einer solchen eine Aenderung der Wahlordnung vorausgehen, was ja wegen des Ersovdernlisses der Zweidvi«t«telmchrhei!t!^ seine gjroßen Schwierigkeiten hätte. Welche Rückwirkung hätten nun die Neuwahlen aus die Stellung der Juden oder,, um die Frage «miders zu ßormulie-ven, welche Stellung hätte die jüdische Wähler- Mast zu den Neuwahlen zu« nehmen. Wir «sind der Anschauung, daß «es keine Angelegenheit des «innerstaatlichen Lebens gibt, welche ausschließlich von einem speizififchjüdischen oder gar jüdischnationalen Gesichtspunkte beurteilt oder behv'tdelt werden könnte. Wir haben von jeher eine politische Sonderstellung der Juden perhorresziert und halten sie schon «deshalb Kr schädlich, weil ei«ne einheitliche Zusiammensastnng der j«üdffchxn Wählers-chast ein Ding der «Ksvlut-en- Unmöglichkeit ist. Die Juden schichten sich genau «so wie «die Christen in Anhänger der kapitalistischen und der sozialistischen Richtung, in Allliberale und bürger- Ache Demokraten, sie. spulten sich-aber «überdies noch untereinander in Natidnallfften und Nichtnationalisten. Aus der einen «Leite erhM sich der Ruf nach einer bürgerlichen Einheitsfront, durch welche die Juden in einen Pferch Mit ihren heftigsten Gegnern, den Christlichsvzialen und Grvßdeutschen, gezwungen würden, aus der anderen Seite wickbt die Sozialdenrokratie, deren wirbschastliche Grurrdsätze den Interessen des Großteils der jüdischen Wählerschcht nicht entsprechen, die «aber gegenwärtig den «einzigen «Schutzwall Kr unsere politischen Rechte bildet, uni wnfere Stimmen. Angesichts dieser auseillauderstrebenden Internen haben wir «bei Küheren Wahlen iWr eine negative Wichlparvle «ausgeben 'können 'und die jüdischen Wähler ausgesordert, den Kandidaten jener. Parteien ihre Stimmen zu gäben, welche «den Antisemitismus entschieden v'ernNteilen und sich programmatisch Kr die vollste Gleichberechtig,un«g eElären. Es wird kaum möglich sein, bei den kommenden Wählen eine andere Stellung einzmpchmen. Es. wird uns verläßlich milgetM, d«aß uns. dem jiingft «cchgchaltenen Parteitage der -bürgerlich-idemokratischen Partei, der Abgeovnete Czernin die dezidierte Evklävung «abgegeben hat, die Partei sede Unterscheidung nach Konf ess i o n, Klasse n nd Ras se au f d«a ss ch är fst e zurückweise. Wir wollen den Wortlaut d ieser Erklärung abwarten. Entspriicht dieselbe unseren Anforderungen, dann wäre hier die Möglichkeit «geboten, frei von allem Gewissenszwang «an die Urne zu gehen. Die ernstesten Bedenken muß «aber «die Meldung erwecken, daß -die Jüditschrrationalen beabsichtigen, für das Leopoldstädter Mandat «den Wiener Oberva!bbin«er^ln kandidieren «und daß derstibs «den Sitz im Natiianaloat bchuss Förderung der Paläftinapolick-ilk aNstrebe. Das wäre ein verhängnisvoller "Rncksall der zionistischen Partei in die nationalistische Poli«ti«k! Gew«iß «wäre es «erfreulich, wenn im Nationalrate wieder einjüdischer Abgeoridneter säße, der die Fähigkeit hätte, antisemitische Angriffe im Parlament sofort znrückznweisen. Daß Herr Dr.. Chajes nach Wißen und Chaväkter" «diese Fähigkeit besäße, dariiber bestcht gewiß kein Aveissl. Im politischen Leben ist aber ein Fehler schlimmer als ein Verbrechen und ein solcher Fehler, dessen Folgen gar nicht a'btznmessen sind, wäre es, den Träger des hohen Amtes eines Wiener OberrabbiNers - allen Fährlichkeiten heftiger. Part,eikämpfe «aUsznliiejsern. Nicht um seine Person, sondern um sein heiliges Amt «handelt es sich hier! Ueberlegt «man «denn nicht, zu.welchen Stürmen von rechts «und links die geistliche. Stellung, dieses gewiß hochbefähigten Mmr-nes reizen m«Nß? Es ist ein Grundsatz MersreiheiMchen Politik, daß Geistliche sich, nicht in den häßlichen Kampf des Tages mischen sollen .und wir Inden haben solche Eingriffe «kacholffcher Geistlicher 'bitter «genug enrpfiniden müssen. Und .«nun sollen wir selbst den Anreizzu «wilden Ausbrüchen des «Hasses im Pvalament geben? Man «wird sagen, auch Dr. Bloch sei Rabbiner gewesen. Aber als er im Parlamente saß, bekleid ete er keine anckliche Stellung mchr und war vor allem nicht der Führer einer Partei in der Judenschaft, die eine nationale Sondestellnng anstrebt. Seine glänzen- «den Ver-teiid'rgungsrchen «galten ri l l «e n Juiden^ «ohne Unterschied von Parteistellnng. Und was hat weiters der österreichische Natidn-alrat -mit der Paläftitmsrage zu tun? Das ist eiste Angeilckgenh-eit der «auswärtigen Politik, die «durch das Mandat Englands vorläufig «geNst ist. Das Eintreten des Wiener Oberrabbiners für «diesen den: Weltkrieg und somit der Niederlage der Mittelmächte entsprungenen weltpolitischen -Borkeil Engka-nids «könnite die W i e n e r I n d e n «s -ch a «s t in ihrem Verhältnisse zu der Gejsamkbe-vökkerung leicht in die schwierigste Lage versetzen mild ihr «den Vorwurf des «mangebiden Patriotismus zuzichen. Wir warnen, eindringlich vor der Ansftellung einer Kandid«adur des Herrn Dr.. Ehajes. Das ist eine «Sache, die nicht von seiner 'persönlichen EntschKeßung «allielN, sonid-ern auch von seinen vertragsnräßigen Pflichten gegenüber der Wiener Kultnsgemei-ndck a'bhä«ng>ig ist und abhängig gemacht werden muß. Alle Wertschätzung nn!d -Hochachtung Kr die Pevsöniliichkeit, aber in diösem FM«e muß das Amt hoch über die Person gestellt werben! Das Wohl und Wche der österreichischen Jndenschäft muß mindestens so wichtig sein, wie «die Förderung des AusibMs Palästmas, der übrigens durch ein ParlamentsmanAat des Wißner Oberrabbiners nur cher «geschädigt als v-orwärksgebracht werden kann.