Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 1 (1.1.1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Die Wahrheit Seite 5 * Ldden vertauscht hattein., in der Faust einen Prügel hielten, treuimtsch -Ms 'der UniversiMsrampe standen iurd gar chrenfestes Dun vollbrachten. Wir sahen uns die Menschen, die atts -den Vorlesungen -kamen, an. Un!d hatte «einer eine eÄvas kvamme Nase oder dunkles, gelocktes Haar, so fielen wir männiglich üiber den einen her nnd prügelten ih«n, >bis uns die Arme schmerzten. Zwischendurch saugen wir „Die Wacht am Rhein" und „Der Gott, 'der Eisen «wachsen ließ". Da trat ein elegantes' Herrchen aus der Aula, der hatte eine krumme Nase «und gekraustes Haar obendrein. Wir brüllten und johlten, das Herrchen schrie irgend etwas. Wurf Minuten später war «es gar nicht mehr elegant, sondern blutete aus der Nase «und hatte sich endlich Gehör verschafft. Kontrahierte nach allen Seiten und teilte Visitkarten -aus. Und d«a wurden wir olötzlöch kleinlaut. Denn das war der 'Senior eines rein arischM Korps gewesen. GeidaNken darüber inachte ich mir erst ein Paar Jahre später. * * Martin Gasser hieß «er. War ein stiller, ruhiger Mensch, nNheiMlich fleißig uNd unheimlich gescheit. Trug Helles Blondhaar und hatte wunderschöne blaue Augen. Ich lernte «ihn im Kaffeehäns kennen. Er war immer höflich und zuvorkommend, hilfsbereit -un!d «freundlich. Ich saß gern bei Hm. Und einmal, einem «Studenten kann das gegen Monatsende passieren, war mein Taschengeld rorz-Eg zu Ende. Gasser mußte das bemerkt haben. Vielleicht, weil ich etwas schlechter Stimmung war. oder weil ich ibescheidener «als sonst frühstückte. Und in tastender, ungemein diskreter Art (brachte «er «mich znm Sprechen. Dann bat er mich in äußerst zartfühlender Weise, mir aushelfen zu dürfen. Ich war «zu Dod'e «froh darüber und ihm «unendlich dankbar. An: Ersten wollte ich ihm das Geld zurnckgeiben. Der nächste Tag war Samstag. Stolz inr Farbeuschmnck zog ich in den Reihen meiner Verbindung durch die Aula, die von Jüdischnationalen erfüllt war, in den Arkad«enh0f zum Bummel. Da grüßte mich jemand. Und mit dem Baud der „Unitas" stand «dort nicht Kaffeehausbekanüter Gasser. Von einenr Buudcsörnder borgte ich wir das Geld, sandte es sofort durch bcu Pedell an ihn, mied in Hinkunft mein bisheriges Cafe und war von «grenzenloser Wirt «erfüllt gegen das ekelhafte, aufdringliche Jnidenpack. * Und dann kam «der Krieg. Mit ehrlicher Begeisterung trug ich die Uniform und lag dann als junger Fähnrich mit meiner Kompagnie hoch droben im meltabgeschiedenen Gebirge zwischen Felsschrossen, Gletschevn und Schneewehen. Der Feind ließ uns in Ruhe, aber auch unsere Verpflegsstasföl. Da hatte ich Zeit, zu. beobachten und nach zndeüken. . Die Mannschaft, Wiener «und Kärntner, war absolut nicht, entsprechend dem Frontbericht, in guter Stimmung.- Lautere Suppe und Büchsenfleisch tage- und w.ochenlang verlangt nicht nur gute Vevdannngsorgane, soNderrl «auch bestere Nerven. «So kam es immer zu kleinen 'Rebellionen. Der Zugsführer Winter, ein alter Deutschmeffterdiener, stand immer an der Spitze der Unzufriedenen. Daß es -aber nur -beim Sturm im Wasserglase «blieb, verdankte die Kompagnie nicht meiner «unerfahrenen Haltung, sondern einem Gefreiten Samuel Leinwand. Er war nicht mein Liebling, «und «als er von «weiß Gott wo mir zngeteilt w«urde und ich den struppigen kleinen Kerl zum erstenmal sah, «wünschte ich ihn im Stillen zu «Men Teufeln. Was sollte ich mit dem Juden ansangen. Meiner Meinung -nach Paßte er «irgendwo hin als Pflasterschmierer. Hier -an der Front «aber hätte ich Männer gebraucht ltttib festen Inden. Uitfb in diesen Elendstagen 'bemerkte ich den Leinwand wieder, den ich «bisher geflissentlich übersah. Da war er hatte mich vor nichts gedrückt! Es war aber tief schmerzlich, J immer wi-sder zu sehen, wie von «den jungen Leuten | christlichen Glaubens, einer nach dein andern an mir vor-! beiavancierte. liebetpersönlich schlechte Behandlung konnte - ich eigentlich nicht klagen, man war in der Regel ganz nett -1 zu mir, aber das ging natürlich nie über einen gewissen | Punkt hinaus, und man war natürlich auch nicht willens, sich für meine Beförderung nach oben energisch einznsetzen! Ich habe aber nie davon abgelassen, darauf hinznwirken, und «das mag auch ntit «der Grund gewesett sein, daß ich. irrt Herbst 1917 von der Artillerie zur Infanterie versetzt wurde. Nach einigen, nicht leichten Ansbildmtgsmonatett im Feldkuratendepot — ich gehörte ja immerhin schon zu den älteren Jahrgängen — bin ich dann zttni Regiment versetzt worden nnd habe noch den Vormarsch bis nach Montdidier und dann später nach Chateau-Thierry rrtitj gemacht. Stets hatte ich die Hoffnung, daß nun hier mir! ein militärisches Weiterkommen ermöglicht werden würde,; aber ich hatte mich bitter getäuscht! Obwohl ich oft mit j anseinandergebissenen Zähnen alle Strapazen durchge- halten hatte, ich war ja schon-10 Jahre älter als die Mann- > schäften unseres jungen Regiments, immer in dem Ge-; danken, daß man als Jude doppelt seine Pflicht tun müsse, ' schon um «den andern zu zeigen, daß man es auch leisten könne, erntete ich keine äußere Anerkennung. 9Reiit Kompagniesühver erklärte dein Feldwebel gegenüber, der sich sehr für mich eingesetzt hat, e r w üJ l e z u r V e r j tl- , d u n g d e s O f f i z i e r s k o r p s nicht beitragen! ' So blieb mir nur vor mir selbst das Gefichl, meine Pflicht i restlos erfüllt zu haben, und das nahm ich auch mit, als ich beim Abzng von der Marne int Juni krank ins Lazarett kam; fast 4 Jahre tvar ich ununterbrochen an der Front gervesen. In der kleinen traulichen Synagoge ttt Insterburg, wohin mich «der Lazarettzug gebracht hat, hatte ich Gelegenheit, denk Allmächtigen aus tiefster Seele dafür zu danken, daß er ntich durch alle Fahrnisse glücklick) g«eleitet hat ttttb mich die Lieben in «der Heimat gesund wiedersehert ließ. Wie viele unserer Besten waren dort draußen geblieben. Ihnen, den Toten, die für Deutschlands Verteidigung und Israels Ehre ihr Leben gelassen, gilt unsere ganze Dankbarkeit. Noch im Grabe werden sie von unseren Gegnern geschmäht, wenn diese die infame schändliche Lüge in die Welt setzen, daß unsere Beteiligung an'den Frontkämpfen gleich Null gewesen ist. Möchte dies unseren gefallenen Kameraden die ewige Ruhe nicht stören. Es ist die Tragik Israels in der Geschichte, daß auf seinem Namen alles Schlechte gehäuft und daß es für alles Unheil in der Welt verantwortlich gemacht wird. Uns kartn es gleich sein, wenn wir das Bewußtsein haben, stets mtseren geraden Weg gegangen zu sein. Mag es uns auch niemand danken, so werden doch mit mir alle jüdischen Kriegsteilnehmer in dent Gedanken übereinstimnten, daß es schon Lohn genug ist, vor sich sagen zu können: Du hast damals deine Pflicht getan, als es hieß, Deutschland zu verteidigen, und du hast dem jüdischen Namen keine Schande gentacht.