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Die Wahrheit · 1922-12-15 · Heft 24 (15.12.1922) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 24 (15.12.1922)
Date
1922-12-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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' i§ Wahrheiten vom Tage - Viel Lärm um Nichts.' Ein Erbübel der alten Oesterreicher ist das planlose Herum- und Vorbeireden an wichtigen Dingen oder solchen, die dafür gehalten werden. Die -letzten Tage—zeigten das so recht in Reinkultur. Eigentlich fing die Sache schon mit der Rückkehr des Bundeskanzler Seipel aus Genf an. Sofort trat jener denkwürdige Parteitag zusammen, auf dem sogar ein wenig Morituri gespielt wurde. „Lieber tot als in Sklaverei!" Da -sie aber nicht gestorben sind, leben sie noch alle. Dann wurde vor dem Wiener Rathause von zwanzig Tribünen gleichzeitig zu einer aufgeregten Volksmenge gesprochen. Revolutionsluft? Keine Bange! Die lautesten Beller sind die ungefährlichsten Beißer. Und richtig würde es allgemach stiller und stiller. Unerklärlicherweife lohten die Flammen, ‘ die im Ausschuß gedämpft waren, in der Vollsitzung des Hauses vom Sonntag-auf Montag wieder empor. Was da an Schimpfwörtern konsumiert wurde,. ginge auf keine Kuhhaut. Macht nichts! Alles gut österreichischer Partamentsbrauch. Da fällt das Donnerwort des Bundeskanzlers von der Politik -für das „bodenständige christliche Voll".- Ob Herrn Dr. Seipel für einen- Augenblick die Maske entglitten, o-b chm die Klugheit mit den überreizten Nerven durchging, ist belanglos. Fest steht nur, daß unser Bundeskanzler kein gelernter Staatsmann ist, wie Taaffe, Gautsch oder der glatte Schurke waren, die sich im wildesten Aufruhr nicht aus dem Konzept bringen ließen. Indes dementierte sich Seipel zwei Tage später und er tat wohl daran: Wir möchten ein bekanntes Sprichwort ans den Kopf stellen: Yuoll licet bovi, won Oäcet Jovi Was sich em gewöhnlicher antisemitischer Hornochse erlauben darf, ist dem Träger des österreichischen Regierungsgedankens nicht gestattet. Das wurde Herrn Dr. Seipel von noch höherer Stelle, als die seine ist, nahegelegt. Mit der christlich-deutschen Bodenständigkeitspolitik hätte es übrigens sein Nisi. Die Hunderttausend nicht bodenständigen Juden Wiens können so wenig ausgeschifft werden, wie die noch weniger bodenständige Viertelmiüion Wiener Tschechen. Der Minoritatenschutz ist gewissermaßen das Mieterschutzgesetz in den besiegten Staaten. Wozu also der Lärm? Was stcht den Herrn zu Diensten? * * Noch schneller als die gereiften. Männer ist die Jugend fertig mit dem Wort. Seitdem von den hunnischen Universitäten in Budapest und Debrezin die Hetze gegen jüdische Lehrende und Lernende begonnen hat, gab ein Großteil der deutschen Bubokratie Folge. Von Prag auf dem Umwege über Jena (Gch' nicht nach Jena, mein Sohn, ich rate dir gut!) nach Wien. Im gitttschechischen Prag wie im gutdeutschen Jena wurden die Radauakademiker rasch zu Paaren getrieben.- Länger mausig machen konnten sich die völkischen Jünglinge in Wien, wo diverse Magnifisenzen ihnen die Mauer machten. Die studentische Schmach Wiens ist umso ärger, als diese echten Deutschen, die keinen Juden mögen, gleichwohl bei solchen im Auslände herumschnorren. Diese Barschen können nur mit Geld, das ihnen entzogen wevden muß, gestraft werden. Daß sggar ein gestnnungsgleicher Professor den Wasserstrahl eines Hydranten auf sie richten ließ, war ein Symbol. Abkühlung der heißen Wi-rrWpfe, und der Lärm zerrinnt in Nichts. jjpte jüdischen Antisemiten der „Arbeiter-Zeitung". Der Abonnentenschwnnd beim Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokraten scheint die Genossen Austerlitz, Ellenbogen, Zelenka und verschiedene Adler um den letzten Rest von Vernunft, Geschmack und Anstand gebracht zu haben, sonst würden sie, die sich in Befehdung der Deutschnationalen und Chriftlichsozialen nicht genug tun können, diesen die Judenanrempelung als Nebenbeschäftigung überlassen. Sonntag, den 2. d. M. entblödete sich das Austerlitzblatt nicht, unter dem „Reichspost"-fähigen Titel „Die Juden beim Seipel" die Meldung vom Protest des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde gegen die Vorgänge an der hiesigen Universität, zu bringen. Als Eigenbau der Genosfen-Moniteurs folgte die läppische Glosse: „Wozu nur zu . sagen ist, »daß Gott behüte nur kein Zwist zwischen Seipel, uird seinen Juden entstehen wird. Nur scheint m, daß die Juden, wenn sie den Vorstand der Kultusgemeinde zu dem Herrn Bundeskanzler geschickt haben, nicht die richtigen Juden erwählt haben. Vielleicht wären die Juden, bie den Herrn Dr. Seipel ebenso dirigieren wie protegieren, die richtigeren gewesen, um das „Befremden" zu äußern. Denn die jüdische Plutokratie weiß ebenso, was sie an Seipel hat, wie Seipel weiß, was sein Regime an den jüdischen Plutokraten besitzt ..." Wozu nur zu sagen ist, daß die Juden schon lange wissen, was sie an der „A.-Z." haben uüd daß es auch jüdischempfmdende Proletarier gibt, die sich solche Ausschleimungen ihres Organes wohl merken werden, auch an dem Tage, da man sie in der linken Wienzeile für Neuwahlen wird auf die demagogische Leimspindel locken wollen. Was geht in der Seegasse vor? Seit längerer Zeit nrunkelt man, daß eine schwedisch-evangelische Mssionsgefellschaft ihr Gewerbe in Wien betreibe und das Haus einer jüdischen Wohlfahrtsgesellschaft in der Seegaffe durch Kauf an sich gebracht habe, um die Judenkinder dastlbst für den christlichen Glauben zu gewinnen. Das Gemunkel blieb so lange unbeachtet, bis es vor einigen. Tagen zu einem tumultuarifchen Proteste anschwoll, der polizeiliche Intervention notwendig machte, Es wäre von. allem Anfang Pflicht der berufenen Fahren gewesen, denen der Schutz und die Pflege jüdischen Kultuslebens obliegt, den fremdländischen Seelenfängern das Handwerk zu. legen und diese Aufgabe nicht der „Polizei" zu überlaffen. Eine gruselige Sache. „Der Abend" berichtete in den Ausgaben vom 4. und 6. Dezember überschauerliche Vortommniffe bei der Bestattung jüdischer Leichen auf dem Wiener Zentralfriedhofe, wonach den Toten ihre Leichenwasche. entwendet und heimlich verkauft werden sollte. Es würde sich in diesem Falle nicht nur. um etwas an Leichenschändung Grenzendes handeln, sondern um die schwerste hygienische Gefährdung, so daß hier rücksichtslos Klarheit geschaffen werden muß. Eine aus den schweren Beschuldigungen gegen einzelne Personen hervorgegangene Ehrenbeleidigungsklage, die behufs Erbringung weiterer Tatsachen vertagt werden mußte, hatte neben der allgemeinen Bedeutung nur nebensächliches Interesse. Immerhin wird der prozessuale Verlauf dieser gruseligen Sache durch einwandfreie Feststellung zwischen Wahrheit und phantastische Gerüchte reinliche Scheidung bringen; was schon zur Ehrenrettung der Wiener Judenschaft nachdrücklich zu wünschen und zu fordern ist. Schon von diesem. Standpunkte muß die Angelegenheit -„•usqme ack fltoem" verfolgt werden. Die Judensrage im Alpenland. Einer Fachzeitjchrist entnehmen . wir folgende Zellen: „Die.alten putzigeni Geschichtchen -tauchen im , Geiste wiÄ>cr.voruns auf, Hie siitz.ereigttet.habenzu. Zeiten;..als-.

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