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Die Wahrheit · 1922-12-15 · Heft 24 (15.12.1922) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 24 (15.12.1922)
Date
1922-12-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Wien IX . Berggaffe 4 der „(Imon deutscböstemicbiscbcr Juden" Poftsp arkafsenlronto Ur.^464 Tetepha» Nr. 1V-Ä-H ^umeru8 clausus.“ Als vor zwölf Jahren der christlich-soziale Abgeordnete Schmidt im Abgeordneteirhause den Antrag einbvachte, daß jüdische Schüler «ain den Mittelschulen nur nach Maßgabe des Verhältnisses -der Inden zur christlichen Bevölkerung zugeilasserr werden sollen, «ging ein Sürrm der Entrüstung durch die Reihen der fortschrMich gesinnten Bürger Wiens. Es gab 'damals auch solche noch urfter den Nichtjuden und sie empfanden den Antrag Schmidt als einen Verstoß gegen eines der wichtigsten verfassungsmäßigen Rechte. Im Parlament freilich, war dieses frech ertliche Wirgertum nur schwach vertreten mrd die Einführung der Prozentnorm für Inden an den Mittelschulen konnte nur dadurch >abgewehrt werden, daß es den jüdischen Abgeordneten Dr. Ofner und Kn rund a und Doktor Mayer gelang, die Stimmen der Tschechen und Polen für die Abweisung des Antrages Schmidt zu gewinnen. Wenige Jahre später errang der jüdischnationale Ingenieur Stricker das Leopoldstäldter Mandat un!d seine erste parlamentarische Dat war die Einbringung eines Antrages aars Anerkennung einer .besonderen jüdischen Nation in Oesterreich. Sofort erhoben sich die christlichsozialen Abgeordneten K u n s ch a k und G i m p!l und erklärten, in angenehnrer lieberraschung, daß sie mit dem Anträge Stricker vollkom-nren einverstanden .seien, dlaß sie aber aus demselben die volle Konsequenz ziehen wollten. Wenn die Juden wirklich beanspruchen, als ein eigenes Minoritätsvolk in Oesterreich gewertet zu werden, dann müßte «auf sie in allen öffentlichen Belangen, in der Znlassuna zu den Schuten, zu den Aemtern, zu gewerblichen KvnUestionen,. zur Erwerbung von Grundbesitz, zur Ausübung der Advokatur, der ärztlichen Praxis und der technischen Berufe die Prozentnorm angeiwendet werden. Das 4var der erste bedenAche Auftakt für die gegenwärtig so mächtig anschwelleUde Bewgung für. den Cameras cLausus, die von Budapest und Prag ihren Weg an'die Wiener Hochschulen gefunden Hat und durch die nationalistische Organisation der Wiener jüdischen Studentenschaft gewiß nicht abgeschwächt, sondern eher noch verschärft werden 'kann. Vielleicht dämmert heute auch in zionistischen Kreisen eine Ahnung darüber auf, welches Unheil der jüdische Nationalismus schon/ im alten Oesterreich, mehr aber noch in dem einheitlich nationalen neuen Oesteveich über die Juden gebracht hat. „Numenus clausus“ — das ist ja nur das Deck- und Losungswort, unter welchem jede Gewalttat gegen Juden verübt, jeder Unflat über Jnddn ausgegossen werden darf. „Numerus clausus“ — in wörtlicher Uebersetzung: „Beschränkte Zahl" — bedeutet, daß die Juden vor allem an ihrem empfindlichsten PuM, in der Lehr- und Lernsreiheit, in der Möglichkeit, sich durch -die Waffen des Geistes -den Weg -aus Elend und Bedrückung zu bahnen, getroffen werden sollen. Mit den arischen Studenten wetteifern die Rektoren- und Prosessorerckollegien der -Hochschulen zur Erringung 'dieser ersten antisemitischen Etappe. Ist sie erreicht, dann soll alles andere, die Niederhaltung aus wiMchaAlichen und - sozialen Gebieten, Nachfolgen. Der Begriff der ,Masse" ist nur das Feigenblatt Mr 'den schmählichsten Brotneid und Dingelstedts Wort: „Gehr, sperrt sie'wieder in die alten Gassen!" soll zur Wahrheit werden. Das Präsidium der Wiener israelitischen Kültusgömeinde hat die Gefahr begriffen, welche ans dem Verlaufe der jüngsten Studentenunruhen derösterreichischen Studentenschaft droht und ist 'beim Bundeskanzler vorstellig geworben. Daß Weser dreigliedrigen/Deputation gleich zwei Vertreter der jüdifchnationalen Richtung an-. gehörten, ist 'kein Zeugnis der Kraft und Zielsicherheit für die Mehrheit Ibes Kultusvovstandes. Der Bundeskanzler hat beruhigend .geantwortet. Weniger -konnte er in seiner Stellung wirklich nicht sagen. Er erklärte, daß er für: die Wahrung lber staatsbürgMuhen Rechte aller Äumtsbürger, - welcher. Religion oder Konfession sie seien, einweten werde und daß die Juden angesichts des friedlichen Charakters unserer Bevölkerung keinen Anlaß zu Befürchtungen haben. Aber wenige Tage -vorher hatte Dr. Seipel von „unserem bvdenständigen christlicherr deutschen VoWe" ' gesprochen. Mit Verlaub: Gchören die Juden .nicht zu „unserem Volke"? Nach den Erklärungen des Bundeskanzlers liegt, die Sicherheit der Inden vor Gewalttätigkeiten nur in . der Gutmütigkeit der Bevölkerung. Was Mer die staats- ■ bürgerlichen Rechte betrifft, so sind dieselben, wie die Ge- , setzgebungsmaschine selbst, den Wandlungen der Zeit und des Volksgeistes unterworfen. Es fehlt nicht an Zeichen, daß die große, reaktionäre Welle, die gegenwärtig durch ganz Mitteleuropa geht und deren Schanmkamm ein wilder Antisemitismus ist, auch nach Oesterreich heveinleckt und daß die Regierung zu den unantastbaren staatsbürgerlichen Rechten «auch die gehässigste Agitation gegen die Inden rechnet. Wenn von dem Träger der Regierungsgewalt, dem man Mangel an Ueberlegnng gewiß nicht nachsagen kann, geflissentlich die konfessionelle Note in die ö'ffentliche Diskussion getragen wird, dann ist die Sorge schwer abznweisen, daß sich bezüglich der Glauibeneberechrigung eine'Kursänderung .amlkündigt, die Nur deshalb noch nicht zu voller Auswirkung gelangt, weil man Ä>en Ech rms noch , zu gemeinsamer Arbeit an der Rettung des Vaterlandes" braucht. In diesem ernsten und gefahrvollen Augenblick ist die EiniAeit. aller österreichischen Juden zur Verteidigung ihrer staatsbürgerlichen Stellung, ein zwingendes Gebot. Neue und tiefer gehende Spaltungen müssen vermieden werden. EiU tiefes .Bedürfnis nach Frieden im eigenen Lager erfüllt die österreichische Judenschast. Wir begreifen, und würdigen das. Aber dieses Friedensbedürfnis darskein einseitiges sein und es darf bisher zäh festgehaltene Grundsätze nicht verwaschen und verwischen. Immer wieder betonen wir, daß die Juldvnheit der ganzen Welt eine Emheitsfrorrt -und daß die Arbeit für das Wohl der Juden in der Diaspora nicht Schaden leiden darf durch die Arbeit für Paläftma. Boräusblickeude befürchten von der Errichtung des „Niait&omil k>me“ in Palästina sehr empfind-' liehe Rückschläge auf die Stellung der Juden in den Diaspora-Ländern. Diese Befürchtung könnte einigermaßen -gebanntwerden, wenn die Zionisten ihr-e nationalistischen

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