Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 24 (15.12.1922)
- Date
- 1922-12-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Erbschaft. Denn jeden verdrießt es, die einzige von ihm erkannte Eigenart des großen Ahnen beim Bruder nicht mchr wiederzufinden. Daraus: die wichtigste Aufgabe der Milchen Presse, über die Differenzen der streitenden Nachkommen prinzipiell zu schweigen, um den Weg zum allumfassenden Genius des Großjuden L u m s wieder zu suchen." — „Hierfür ist der Zionismus zwecklos", bemerkt mein orthodoxer Trmpelnächbar. —'„Die Zionisten machen Narrischkeiten in E r e z I i s ro e l", meint der Chnssid. — »Kennt ihr den Zweck einer Spinne?" — „Nein." — „Und doch müßt ihr an eine Bestimmung der Spinne als Strenggläubige glauben, da doch alles Bestehende einen Zweck har. Der Zionismus best e h t. Folglich muß er einen Zweck haben. Zum mindesten den Zweck, mit seinen ,Narrischkeiten' viele junge Leute (deren Erziehung die Orthodoxie vernachlässigt hat) von einer größeren Narrischkeit abzuhalten, vor dem Glaubens- und Gesinnungswechsel. Es ist Gewissenspslicht, den Zionismus nicht anzugreifen. Er hat die zerstreuten, die verirrten, die schwankenden Nachkommen versammelt. Er hat die Formen für ihre soziale Zusammengehörigkeit gesunden, cmgefangen von der Zusammengehörigkeit beim Sport bis zur Zusammengehörigkeit der Nation. Dieser Form muß aber Inhal t gegeben werden. Jüdischer Inhalt. Ein Inhalt, der durch drei Jahrtausende von Gesetzgebern, Propheten und Lehrern des Judentums anfgebaut roaixlbe." d Denn, was ist Judentum? Judentum ist — eine W i s s e in sch a f t; die Wissenschaft des Lebens. „E z chajimhil" Die Römer, die nach der Zerstörung des Tempels diesem Lebensquell näher waren als wir heutzubaige, begeisterten sich an dieser 'Wissenschaft chrer Kriegsgefangenen. Es gehörte zum guten Ton der gebildeten Römerwelt, „nach Art der Juden" zu leben. Juvenil erwähnt hierin die Uebertriebenheit der römischen Jugend. Er erwähnt dl Römer, welche die Sabbate halten, die Gesetze der Juden beobachten, deren Jugend aber — weitergeht: „sie läßt sich fteiwillig beschneiden." Die wichtigste Aufgabe des sachkundigen orthodoxen Publizisten wäre demnach, die Nachkommenschaft an die heute in Vergessenheit geratene Aesthetik des Groß- Judentums zu erinnern, ihr die Aesthetik salomonischer Prunkgestalten vor Augen zu führen, die Aesthetik ihrer, großen babylonischen Lehrer, die Aesthetik der Propheten, die Aesthetik des großen Judentypus der maurischjüdischen Kuilturepoche, die Gestalten »der Märtyrer, welche eher den Scheiterhaufen bestiegen, anstatt eine Gesinnungslosigkeit zu begehen. Es ist nötig, die Nachkommenschaft an die ästhetischen Gestalten der süd französischen Juden zu erinnern, aus denen ein R a s ch i hervorging, die achtunggebietend von christlichen Gutsnachbarn berufen wurden, deren Felder zu segnen. Der Typus des Großjuden möge wieder auserstehen und seine drei, nnter Nachkommen zersplitterten Eigenschaften in sich wieder vereinen. Meschiach wird kommen, wenn der Zionist Juide und wenn der Orthodoxe Zionist werden wird. So wie die S ch e ch i n a h sich mit der G o t t h e i t vereinigen soll, so sollen die drei Erbeigenschaften der Propheten: die orchodoxe Forschungsgabe, die zionistische Geschichtsliebe und die prophetische PHanta s ie sich zu einem Menschentyp vereinigen: zum Großjuden. Wer dazu beiträgt, tut eine Mizwah, wer die tarteien verärgert durch öffentliche Besprechung ihrer ifserenzen und hierdurch deren Bereinigung erschwert, begcht eine Ü'werah. Nach dem „W a s" — das „W i e?". W i e soll die jüdische Publizistik einsetzen, da ihre heutige Art in obigen Belangen ganz wirkungslos ist? Heutzutage muß ein Mischer Artikel entweder talmuldvsch interessant oder historisch packend sein, um beschäftigte Leute zu interessieren. Eine allgemeine Schulpredigt ist heute bloß erbauend, wenn sie am Orte des Erbauens und zur Stunde des Erbauens gehört wird. Zwischen zwei Geschäftsbriefen aber — lege man sie aus der Hand. Hingegen wird, der Göschäftsbrief beiseite geschoben, wenn der Geist gefesselt wird durch eine scharffinnig talmudrsche Auslegung oder durch überraschende historische Ausblicke. Weniger Journalismus,, mehr Genie! fordert die heutige Zeit unserer Raliierung und Wiedergewinnung vergessenen Inhaltes. Genie — findet sich aber nicht siebenmal in der Woche zur Stelle. Mittelmäßigkeit schadet dem großjüdischen Gedanken. Dadurch ist dem jüdischen Publizisten der Weg gewissen. Es bleibt ihm, um diesem Regenerierungsprozesse nützlich zu sein, nichts -anderes übrig, als — die große alexandrinische Methode: das A b s ch r eiben guter Bücher. Prof. Schleiden sagt in seinem Merkchen „Die Bedeutung der Juden fürdie Erhaltungder Wissenschaften", daß die Menschheit die Rettung der klassischem Kultur in finsterer Nacht >des Mittelalters der abschreibenden Tätigkeit der Juden verdankt. Heute leben wir wieder in finstrer Nacht, denn wie wenige von uns, die wir „das Volk des 'Buches" genannt worden, können sich heute Bücher kaufen? Wie wenige von uns besitzen den Gr ätz im Bücherkasten? Wie wenige haben Zeit, sich durch den ganzen Schwulst mittelmäßiger Neuerscheinungen durchzuarbeiten, um zu einem guten Buche zu gelangen? Die Lücke klafft. Die Notwendigkeit ist da. Die jüdische Publizistik sollte sich qualitativ, nicht quantitativ betätigen.. Sie sollte sich auf gute Monatsschriften beschränken, die dasjenige bringen, was im Bücherkasten fehlt: Kapitel von ausgewählten Büchern, angefangen von G r ä tz bis zum Kapitel über „Judentum und Zukunftsa d e l" des Werkchens „A d e l" des Grafen Richard C o udenhove-Kalergi. Je mchr durch Abschriften guter Bücher die große Gestalt des durch drei Jahrtausende geformten Großjuden (in dem alle jüdischen Auffassungen einander ergänzend verschmelzen sollen) dem Verständnisse der Völker näher gerückt wird, desto gelegener wird das' eigene Volk werden, desto näher wird auch der Jom Kipur der Völker Heranrücken. An unsere werten Leser! Auf die von uns in der letzte« Zeit versandten Aufforderungen zur Zahlung des Abonnementsbetrages für das 2. Halbjahr 1922 hat bisher ein erfreulicherweise kleiner Teil unserer Leser noch nicht reagiert. Der Kampf der ,Mahrheit" für die Interessen des Judentums und insbesondere gegen den Antisemitismus ist aber auf das schwerste gefährdet, wenn nicht alle Leser, die mit der Zahlung des Abynnementspreises im Rückstände sind, ihren Abonnementsbetrag entsprechend den hinausgegangeuen Rechnungen s o s o r t überweisen. Keiner darf fehlen, wen« es gilt, unserer Zeitung dte Schlagkraft und Kampffähigkeit zu sichern. Redaktion und Administration „Die Wahrheit".