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Die Wahrheit · 1922-10-27 · Heft 21 (27.10.1922) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 21 (27.10.1922)
Date
1922-10-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 21 Die Wahrh eik Gerte 9 stimmungen für die Wahl zmn jüdischen Weltkongreß einseitig und willkürlich von der zionistischen Partei diktiert werden. Wir erachten es «als unerläßlich, daß dem Kongreß eine Vorkonferenz aller jüdischen Organs sationen der Welt vorausgehe, auf welcher das Wcchlstatut in gegenseitiger Uöbereinstimmung feftgestellt und ausgearbeitet wird. Und es ist weiters notwendig, daß die Verwaltung des Kerem Hajessod so rasch als möglich einer paritätischen Kommission «übertragen werde, welche strenge darüber zu wachen hat, daß die einfließenden Gelder ausschließlich zu jenen technischen und -kulturellen Ausgaben, die sich aus dem'fortschreitenden Ausbau Palästinas ergeben, verwendet werden. Für Millionen und Mermillionen Inden bedeutet Palästina die Erfüllung einer religiösen Sehnsucht und nicht die Verwirklichung eines nationalen Traumes. Millionen und Mermillionen Juden wurzeln mit ihrem staatsbürgerlichen Empfinden in jenen Ländern, deren Gedeihen sie bisher ihre beste physische und geistige Kraft gewidmet haben. Der Keren Hajessod darf nicht zu nationalistischen Zwecken, er muß ausschließlich zur Arbeit in Palästina verwendet werden. In der nichtjüdischen Umwelt «darf Palästina niemals zu einem Vorwurf gegen uns werden. Sein Ausbau «durch jüdische Kraft ist eme Sache religiöser Ueberzeugung und sozialer Fürsorge. Dann, aber auch nur dann wird die Durchführung des Palästina- Mandats ein Segen für Kol Jisroel, für die Juden Palästinas wie für jene der Diaspora werden. Deutsche Jugenderziehung. Der Prozeß gegen die Teilnehmer an der Ermordung Rüth eNü-üs hat einen erschreckenden Einblick in die Verirrungen der deutschen Volksseele eröffnet. Auf der Anklagebank saß eine Schar grüner Jungen, die gestern noch die unregelmäßigen Verba paukten und heute zu Nationalhelden 'Srnporgchobm waren, weil sie die Mordwaffe gegen einen der edelsten Menschen und hervorragendsten Geister des deutschen Volkes schmieden geholfen. Geführt war diese feuchtohrige Kinderschar von einem entgleisten Frontoffizier und einem typischen Hochstapler, die aus der monarchistischnationälistiischen Verschwörung ein Geschäft Machen. Immer wieder lehrte in der Verh.aNdlnng der Ruf hervor, daß etwas geschehen müsse, weil den Herren Buben und ihren Drahtziehern das Geld ausgegangen war. So stiegen sie denn «aus der Pennäler-Kneipe in das Automobil, aus welchem die tödlichen Schüsse gegen Walter Rathenau abgegeben wurden. An ihren „Nestabenden" wurde von „nationalen Daten" gegröhlt, in LikövbNden wucken Lüdendorsf und Tirpitz, Reventlow und Fritsche verherrlicht, aber diesem Men Nachwuchs des Volkes der Dichter und Denker waren Namen wie Kant und Fichte, Leffing und Göthe, Ranke nNd Mommsen, Helmholtz und Virchow leerer Schall, sie liebten und webten in ödem Phrasengebimmel vom ^deutschen Gdelvolk", vom „deutschen Wesen, an dem die Welt genesen soll." Wer hinter ihnen Island und das Geld zur Kneipe und zum Morde herschaffte, hat das Leipziger Staatsgericht nicht auszuklären vermocht. Aber eines hat es in seiner Urteilsbegründung mt aller Klarheit und Schärfe ausgesprochen: daß all diese traurige Verrohung aus jener antisemitischen Hetze herauswuchs, die für die reaktionären Parteien aller Länder der Mauerbrecher für ihre staatsverderblichen Zwecke ist, aus jenem überhitzten und überheblichen nationalen Ch'lmvinismus, der in Deutschland wie in Oesterreich, in Frankreich wie in Italien die Herzen der Jugend vergiftet, sie zur Verachtung alles Fremden erzieht, den Haß der Völker schärst und nach dem Worts Grillparzers die' Humanität in Bestialität wandelt. In geradezu hellseherischen Worten hat Rathsnau selbst, der in 'der Mechanisierung des deutschen Geistes die Ursache alles Uvbels erkannte, diese Erziehung der deutschen Jugend zu «Größenwahn und Gewalttätigkeit, zu Roheit und Rassenhaß «gekennzeichnet. Ein Netz von BerschwörerbaNden hat sich über ganz Deutschland gebreitet, ein Wald von nationalistischen Zeitungen predigt täglich Mord und Totschlag zuerst gegen die Juden und dann 'gegen «die sogenannten „Judenkn echte", ld. h. «gegen alle, die nicht den Potsdamer Geist zu ihrem eigenen machen, den preußischen Kasernendrill als die wirksamste Regierungsmethode anerkennen wollen. Wohin dies führt, zeigte eine soeben erschienene Broschüre von E. I. Guntbel „Bier Jahre politischer Mor d", in welcher nachgewiesen wird, daß von 1919 bis 1922 im Deutschen Reich nichtwen ig e r als 376 p o l i t i s ch e Morde, und zwar nur solche Tötungen, die nicht im Kampf oder Tumult erfolgten. verübt worden sind, und daß «von diesen 376 politischen Morden nicht weniger als 354 >von Angehörigen der Rechtsparteien, dagegen 22 von Anhängern der Linksparteien begangen wurden. Bezeichnend für den Klassengeist. der gegenwärtig die deutsche Justitz beherrscht, ist auch die Tatsache, daß von diesen Morden 325 bis heute vollkommen ungeiühnt 'geblieben und 23 geständige Mörder von den Gerichten fveigesprvchen worden sind. Das sind grauenhafte Tatsachen und «grauenhaft ist auch die bewußte Lüge und Fälschung, mit welcher der deutschen Jugend systematisch die Ueberzeuaung einaeimpfi wird, alles „Aibknallen" politischer oder ^völkischer "Gegner sei eine verdienstvolle patriotische Tat. In dem Leidiger Prozesse ist es zutage gekommen, daß all diele jugendlichen Seelen unter dem Bann der tausendfach als eine Fälschung, als ein von A bis Z erlogenes «antisemitisches Machwerk erwiesenen Schrift „Die Weisen von Zion" standen, daß sie fast daran glaubten, Rathenan sei einer von jenen dreihundert jüdischen Männern gewesen, die nach der Behauptung jenes Pamphlets die Geschichte der Welt leiteten, die politischen Ereignisse «und die wirtschaftlichen Gestaltungen «auf dem ganzen Erdball lenkten. So wird die Jugend des deutschen Volkes, seine Blüte und seine Zukunft mit ätzendem Gifte, mit der Lauge des Klassen- und Raffenhasses durchsäuert. Und ist e^ bei uns in Oesterreich «anders? Die Vorgänge an unseren Hochschulen, die geistige Entwicklung der deutschösterreichischen «Studentenschaft geben die An«twort aus diese Frage. Profefforen und Studenten wetteifern miteinander in der Betätigung antisemitischen und nationalen Geistes. Die Hochschulausschüffe sind unter der Patronanz der Rektoren Brutstätten des nationalen Haffes geworden und die Einführung des numerus clausus «an allen Fakultäten ist das Ideal, dem «sie zuströben. Auch bei uns erschöpft sich die «geistige Erziehung der Jugend in zwei Grundgedanken, welche von positiver wissenschaftlicher Arbeit abzishen: in dem nationalen Dogma «vom Anschluß an das Deutsche Reich und in der Pflege des Judenhasses. Gottlob, der politische Movd hat bei uns noch keinen Eingang gefunden, aber «wie lange ist es her, daß «die alldeutschen Burschenschafter die jüdische Mensa academica überfielen und daselbst alles kurz «und klein schlugen? Schon die Tatsache, daß die arische Studentenschaft «die Teilnahme der jüdischen Kollegen an der gemeinsamen Mensa nicht duldete und daß der akademische Senat diese Ausschließung ratifizierte, ist ein tief beschämendes Zeugnis für die „Universalität" der Wiener Universität. Aus Pflanzstätten der Wissenschaft sind unsere Hochschulen längst schon „Betriebs-

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