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Die Wahrheit · 1922-10-27 · Heft 21 (27.10.1922) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 21 (27.10.1922)
Date
1922-10-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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VeröffeMliebunofen Wien IX, Setggaffe 4 der „Grrion deutscböstermcbtscbcr Juden** Telephorr Uv. 19 2-77 Palästinaproblem und Weltkongreß. Mit der Bestätigung des -englischen Palästinumandats durch den Völkerbund und die Bereinigten Staaten ist eine geschichtliche Tatsache geschaffen, an welcher kein Jude von polÄischem Urteil -achtlos vorübergehen kann. Man. kann für oder gegen dieselbe Stellung nehmeil, man kann sie -aber nicht ignorieren. Durch diese Ratifikation HM England die völkerrechtlich gesicherte Befugnis erlangt, 25 Jahre hindurch Palästina zu verwalten und daselbst für die Jaden ein „National Home“, eine nationale Heimstätte zu errichten. Damit ist der Weg zu einer intensiven jüdischen Besiedelung Palästinas geöffnet, wenn auch die Bezeichnung „National Home" nur im Sinne einer mehr oder weniger weitgehenden nationalen Autonomie der jüdischen Bevölkerung Palästinas, keineswegs aber im Sinne eines JudeiHaates oder auch nur einer Bevorzugung des jüdischen Elementes durch die englische Verwaltung zu verstehen ist. Einer solchen Auslegung stcht nicht nur die neue palästinensische Verfassung, welche die volle Gleichberechtigung -aller im Lande wohnenden Konfessionen und Nationalitäten statuiert, -sondern auch die politischen Interessen des britischen WÄtreiches gegenüber, welches mit der Besetzung Palästinas sich einerseits die Oftflanke des Suezkanals,«anderseits den Landweg nach Indien gesichert hat und «als Beherrscherin einer mohammedanischen Bevölkerung von 300 Millionen Seelen alle Ursache hat, sich mit den Arabern in Syrien, Palästina und Mesopotamien zu verhalten. England verfolgt vor allem fein eigenstes vitales Interesse, wenn es die Juden '-als «brauchbare Kolonisatoren ins Land -ernst und ihnen dafür Freiheit und Sicherheit ihrer Existenz, ihrer religiösen -und lkülturellen Interessen gewährt, ebenso wie es in Polen unter Kasimir den Großen gegenüber den rheinischen Juden geschah. Die Zionistische Organisation, die feit dem -ersten Baseler Kongresse eine mächtige Ausdehnung gewonnen hat, hat die Beschlüsse von San Remo und deren Bestätigung durch den Völkerbund mit großem Jubel begrüßt. Aber bald kam die nüchterne Erkenntnis nach drei Richtungen: 1. Daß das PailästinamandcL noch keineswegs die Verwirklichung des Baseler Programms sei, 2. daß die in der Pa-lästinaverfassung der dortigen jüdischen Bevölkerung gewährte nationale Autonomie durchaus nicht gleichbedeutend sei mit der Wiedererrichtung und staatlichen Auswirkung einer jüdischen Nation und' 3. daß zu einer großzügigen older auch nur genügenden jüdischen Besickelung Palästinas die Krast der zionistischen Organisation nicht entfernt -ausreiche, sondern daß hiezu die werktätige Mitarbeitder Judenschast derj ganzen Welt, also -auch der "bisher nicht zionistischen, erforderlich sei. Dieser Erkenntnis entsprang die Schaffung des „Keren Haj essod", des alljüd isch en Aufbaufonds für P a l ä st i n a, zu dessen Aufbringung sich die Zionisten unter Ausschaltung ihres 'bisherigen nationalistischen Standpunktes — aber nicht unter Verzicht auf denselben — an das Gchwmtjudentum in "beiden Hemisphären wenden. Die bisherige, von den Zionisten allein -öetrisbene Werbearbeit für diesen Fonds hat die -erhofften Resultate nicht -gebracht, uNd auf der jüngst in Karlsbad abgehaltenen JcchreUonferenz der zionistischen Organisation ist -deshalb -ein weiterer wichtiger Schritt beschlossen worden: Die Einberufung eines alljüdi «sch -en Weltkongresses, welcher einerseits die Werbung für 'den Keren Hajeffod «verallgemeinern, anderseits di-e Wahl -der von England geforderten „Jewish agency'4, das heißt einer legalen Vertretung des Weltjüdentums, mit welcher sich England in «allen Palästina und das. Wohl «und Wehe der dortigen Juden berührenden Fragen ibenehmen will, durchführen soll. Wie soll und wird' nunmehr die nicht in der zionistischen Organisation stehende Judenschast aller Länder — also der weitaus überwiegende Teil des GefamtjudeNtlums — sich zu diesen Beschlüssen -verhalten? Wir können und wollen diese Frage zunächst nur für die österreichischen Juden beantworten. Die ,Union deutschösterreichischer Juden" (früher „Oeisterröichisch-Jsraölitische Union") hat schon vor vier Jahren eine Resolution gefaßt, in welcher sie sich bereit erklärt, die Kolonisation P a l ästin-as im Interesse jener ( brüder, d i e i'm ihren derzeitigen Wo.hE sitzenni chtbleiben könn en od er wollen, zu unterstützen, allen Bestrebungen aber, in O e st e r r e i ch die A n e r k e n n u n >g einer eigenen jüdischen Nationalität durchzusetzen, e n t s ch i e d e n st e n Kampf a n s a >g t. Das gleiche haben wir uNd die uns angeschlossenen Organisationen in dem Programm -anläßlich der letzten Wiener Kultuswahlen gesagt. Wir haben aber noch hinzugejfügt, daß für uns das Judentum der ganzen Wellt eiine religiöse Einheit beideutet und daß wir nebst -der Sorge für Palästina die uncibweisliche Pflicht haben, die jüdischen Einrichtungen inder Diaspora zu «erhalten und anszubauen. Auf diesem Standpunkte stehen -wir -auch heute gegenüber dem, Palästin-apro-blem und gegenüber, dem jüdischen Weltkongreß. Wir wollen und werden -den Keren Hajessod fördern, soweit, damit unseren Pflichten gegenüber unseren heimischen Institutionen kein Abbruch geschieht, wir -wollen und werden mich an dem Weltkongreß teilnehmen, sofern uns dies nicht durch nationalistische Quertreibereien der zionistischen Organisation immöglich gemacht wird. Wir wiederholen, was unser Vorstand jüngst an dieser Stelle kund'gegeben ^-at: Wir wollen den Ausbau Palästinas fördern, wir wollen aber auch in Oesterreich, das uns Vaterland und Heimat bedeutet, nichts verkommen und verkümmern lassen, was Wischet Geist und jüdische Hände geschaffen haben und wir werden uns nach wi«e vor dagegen stemmen, daß die österreichische Judenschast durch nationale Schlagworte zerklüftet werde. In diesem Programm erblicken wir die Möglichkeit gemeinsamer und friedlicher Arbeit - mit Iber «zionistischen Organisation ginnt Wohle der jüdischen Gesamtheit. Zwei Forderungen müssen jedoch schon jetzt ausgesprochen werden. Es ist nicht denkbar und nicht möglich, ddß d-ie Be-

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