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Die Wahrheit · 1922-10-27 · Heft 21 (27.10.1922) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 21 (27.10.1922)
Date
1922-10-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 7 Nr. 21 Der Zahn der Zeit hat sie proletarisiert. Kein SolidarÄätsgefühl der großen Völker und noch weniger der einzelnen Menschen untereinander. Während nun dieser Mangel an Zusammengehörigkeits- und Verantwortungsgefühl wenigstens innerhalb der Grenzen eines und desselben Staates für die nichtjüdischo Bevölkerung noch nicht zur Katastrophe geführt hat, wacht sich diese Erscheinung bei uns Juden für die Aermsten unter uns in schwerster Form fühlbar. Der Grund hiefür ist sehr einfach, Die einzelnen Humanitären Aktionen und Institute allgemeiner Art werden überall vom Fiskus erhalten; hingegen müssen die gleichen jüdischen Anstalten von Spenden, also von privaten Mitteln versorgt werden. Und so sehen wir heute, daß fast alle einst so sehr bekannten jüdischen Wahlsahrtsaktionen schon lange notleidend geworden sind und so sehen wir sogar die wichtigsten Institute, von denen einstens niemand dies für -möglich gehalten hätte, schon den letzten Todeskampf um ihren Fortbestand fuhren. Sogar die beste unter ihnen, die altehrwürdige, ich möchte sagen, in Wohltaten ergraute, jüdische Gemeinde, die Wiener israelitische Kultusgemeinde, mußte den Leidensweg eines Bittenden an treten. Sie, die einstens die Hoffnung und Zuversicht unser aller gewesen ist, konnte einen herzzerreißenden Schrei ihrer Not nicht mchr unterdrücken. Wer denkt nicht mchr daran, als noch jeder Jude, von Ost und West, von Nah und Fern, seinen Weg ruhig und fast ohne Sorgen nach Wien antreten konnte, weil er wußte, dort gibt es Institutionen der Kultusgemeinde. Der Kranke kam ebenso mittellos her wie der arbeitslose oder verfolgte JrM. Me kamen wir her. Und auch wir, die wir aus dier Enge" des' Ghetto uns flüchten wollten, um auch Nahrung für unseren Geist zu suchen, auch wir kamen her; wußte doch jeder, daß der jüdische Student nicht Hungers stirbt. Und die Kuldusgemeinde, sowie die durch sie ins Leben gerufenen Institute standen allen Juden offen. Man bekam nicht nur Reisegeld und rituelles Essen, man sorgte für Nachtquartiere und besorgte den Kranken die billigen Medikamente, ebenso wie die auch damals teuren Prothesen und Kuraufenthalte. Und wie hatte man für uns gesorgt I Brüderlich, ja väterlich war die Fürsorge. Wer denkt nicht mchr an den reichhaltigen Tisch in der Herminengasse und welchem von uns wurden nicht Schulgelder, Taxen und sonstige Subventionen gewährt? Ohne Blutvergießen war dies, denn es war ein „Geben im Verborgenen" und nichts als.gute Studienausweise hat man von uns gefordert. Wo sind all die Zeiten hin? Und wie anders ist es heute geworden? Dazumals waren keine Dollars oder Pfunde aus Amerika und England gekommen und dennoch war es anders als heute. Denn da gab es noch ein Verantwortungsgefühl bei uns; da gab es noch Menschen, die ihre ganze Kraft dazu verwendet haben, um die jüdische Gemeinde, in der dem Judentum so eigenen Art, im Wühltun, groß zu erhalten. Wen von uns erfüllt nicht der Name Dr. Gustav Kvhns mit Ehrfurcht und Dankbarkeit! Und mehrere waren ihrer, die sich noch ihres Judentums bewußt waren. Wer dieselbe Kultusgemeinde kann heute ihre Beamten nicht einmal 'bezahlen und fühlt die gleiche Not wie olle anderen Wohlfartswerke, Bersorgungshaus, Siechenheim, Gemeindespital*) und Mädchenheime, Kinder¬ *) Dem Verfasser scheint -es nicht -bekannt zu fein, daß das „Sanierungskomitee" (1. Bez., Seitenstettengasse 2) zur Erhaltung dieser Anstalten, wie auch des Taubstummen- und Blindeninstitutes, durch sein ersprießliches Wirken wesentlich Leigetragen hat. institute und Krankensiirsorge, alle leiden die gleiche Not, wenn sie nicht schon zusammengebrochen sind. Warum all dies? Weil das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl, der jüdische Verband und die jüdische Gemeinde sich sehr gelockert hat und nichts hält uns mehr zusammen. Die Religiosität wie überhaupt der geistige Wert haben für die Menschen unserer Zeit vieles verloren und nur eines beherrscht die Gemüter: Geld. Wo ist das -altbewährte Wiener Mische - Herz und wo unser Wohltätigkeitssinn hm? Als nach dem Kriege Tausende von jüdischen heimkehrenden Offizieren und Soldaten Wien überfluteten, da leuchtete zuinr letzten Mal der jüdische Funke auf und schon einer kleinen Schar war es gelungen, Tausende von jüdischen Menschen vor der größten Not zu bewahren. Aber bald war dieser Funke erloschen; die Quellen des einheimischen Kapitals wurden versiegt und zu Stahlkaffen die Herzen. Seit dem Jahre 1919 hat fast ausschließlich die Hilfe unserer auswärtigen Brüder die Aermsten geschützt; die Wohltätigkeit des jüdischen Wien im größeren Stile hat ansgehört. Frage sich nur jeder, was er für all diese Institutionen getan habe, und er wird im Süllen wenigstens mir Recht geben. Und dennoch kann man nicht sagen, daß die Judenschaft Wiens ganz besonders durch den Krieg verarmt worden wäre. Denn die Entwertung der Krone hat ja alle, Christen und Juden, gleich getroffen. Hingegen waren diese Jahre für den Kaufmann doch Konjunkdurjahre, wie sie nur eine solche Verheerung von Menschengut und Blut mit sich im Gefolge haben kann. Erst nicht zu reden von den unzähligen neuen Reichen. Wie anders waren doch die Reichen anderer Zeiten, die fast nie in einer so kurzen Spanne Zeit solche Reichtümer erwerben konnten! Was das hiesige jüdische Leben in den letzten Jahren ausgöfüllt hat, waren parteipolitische Kämpfe, die geradezu winzig klein sind im Verhältnis zu dem Gefühl, das das Judentum immer bewiesen und trotz der vielfachen Verfolgungen stark erhalten hat. Nächstenliebe heißt es. Ich bin sicherlich kein Optimist, wenn ich behaupte, daß alle diese Aktionen gedeihlich weiter geführt werden könnten, wenn -alle Juden und namentlich die Reichen ihre Pflicht ebenso täten, wie die Juden im allgemeinen und die Reichen früherer Zeiten im besonderen es getan haben. Wer dazu gehört zunächst Einsicht und Rückkehr. Denn unserer Feiere gM es so viele und die Not ist zu -groß. Vielleicht gehen -auch diesmal wieder die „alten" Juden voran. Aus aller Well. Der Hindenburg-Platz in Nürnberg wurde bekanntlich in Rathenau-Platz umgetauft. Die neuen Stvaßentafsln wurden jetzt von unbekannten Tätern entfernt. Ist es zu verwundern, wenn angesichts solcher Bubenstücke das allzulang verstummte deutsche Kulturgewiffen sich regt. In Schlesien ist sogar eine Anzahl führender politischer und geistiger Persönlichkeiten zur Abwehr der antisemitischen Knlturschande zusammengetreten. * * * In Rußland setzen -die jüdischen Kommunisten mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln den Kampf gegen die Religion fort. Durch ihre Umtriebe ist nunmehr auch die soeben.^ erst legalffierte Hechaluz-Organffadion totebet verboten worden. Das gesamte Eigentum der Organisation, wie Landbesitz, Landwirtschaftsgeräte und Werkzeuge, ist konfisziert worden.

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