Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 21 (27.10.1922)
- Date
- 1922-10-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Serte 6 Nr 12 Di« Wahrheit Beamte, denen -es schon ihr Amt verbietet, wie andere Gemeindeangestellte, sogar in ihren Amtsstunden sehr lohnende Privatgeschäfte zu betreiben? Aus diesem Ausfall gegen unsere geistigen Führer und Kultusbeamten spricht ein solch angeh Luftes Maß von Kurzsichtigkeit, von Gehässigkeit, von unjÄdischem Gmpfinden, das wir angesichts solcher Ehvenretter des Judentums und Sanitätsrate unserer Knltusgemeind^, die hier mit den ärgsten Judenfeinden extra «muros Arm in Arm wandeln, an das alte Sprüchlein erinnert werden: '* PH Ylax beleidigt dich? Es sei! Pintscher verteidigt dich? Ei w>ei! Fahren wir in dieser Richtung fort, dann kann der Zeitpunkt nicht ferne sein, in dem die iStrudel, denen die Gemeinde zusteuert, verschlingen ,)den Schiffer und Kahn". Der letzte Akt. Der Verlauf des Prozeßes gegen die Mitmörder Rathenvns hat jene Kreise nicht befriedigt, die erregende Austritte heldischer Darsteller erwarteten, umwittert von allen Schauern der Vevbrecherromantik. Es war -aber Nur der Menschheit ganzer Jammer in seiner Alltagserbärmlichkeit. Landläufige Kriminalität gedungener Missetäter, die feige 'einer dem anderen Äi!e Hauptschuld auf-bürden.' Nichts von der großen Geste politischer Märtyrer, die vom Feuer der Ueberzeugung durchglüht, für diese auch er-- hobenen Hauptes ungebrochener Seelenstärke zu sterben bereit sind. Nichts von alledem. Der Leipziger Staatsgevichtshof, der die jüngste Weltgeschichte künden sollte, zeigte eine Gruppe junger Leute, entgleist und verdorben, die mit verteilten Rollen gegen mäßiges Spielhonorar an diesem blutigen Drama mitwirkten. Hier trat nichts Heroisches in Erscheinung, nichts, was mit dem Ungeheuerlichen des Attentates im entferntesten versöhnen konnte. Die Zuschauer des letzttzen Aktes waren um ihre Sensation betrogen. Uttd doch gab es eine große Szene, die matt in der Technik des Theaters die „Scene ä faire" nennt, packend und nufwülend. Das war, -als der PrWdenit jenen Brief der Mutter des Ermordeten an die. Mutter des Mordbuben verlas, jene Erklävung des Bevzeihens aus der Tiefe unendlichen Schmerzes, aber auch eines verstehenden Geistes. Wie nichtig erscheinen die klassischen Beispiele -antiker Fvauengvöße :an diesem jüdischen Edelweibe gemessen! Urü) noch ein zweiter verlesener Brief war von aufwühlendster Wirkung. Walther Rath'mau selbst hatte Hn mit vorahnend erkennendem Geist anläßlich der Ermordung Erzbergers 'an sein'en Freund geschrieben. Darin wur-de bemerkt: „Der sterbende Mittelstand ist das gefährlichste Gift im Organismus des Staates. Die Beamten Offiziere und Kleinrentner können mit ihrem Einkommen nicht mehr leben und fallen dem Elend anheim. Ihre Söhne aber, die konservativ erzogen worden sind, werden dann rechtsradikale Reaktionäre der Tat. Besonders die Studentenkorps, die bisher eine Brutstätte konservativer Erziehung «gewesen -sind, werden jetzt der Tummelplatz dieser Deklassierten. Man k-ann die Stimmung dieser jungen Leute begreifen, die durch 'das «gegenwärtige System in solche Verhältnisse gekommen sind, und aus diesen psychologischen Gründen ist eine solche Tat zu verstehen." Es gNb nur wenige Dinge, die Rathenau in Hren Bezichungen zum Komplex des 'politischen und wirtschaftlichen Lebens nicht verstanden und zum Wohl feines Vaterlandes genutzt hätte. Hier sei auch 'eines vernichtenden Worbes des Staatsgerichtshofes gedacht, das er bei 'der Urteilsverkündung sprach: „Das furchtbarste Produkt preußischer Disziplin ist, daß diese -einen Kadavergehorfam erzeugt, bei dem schwache Naturen auch gegen verbrecherisches Ansinnen nicht widerstandsfähig find. Der Staatsgerichtshos untersuchte dann die Frage, ob antisemitische Gesinnung überhaupt «als po l itis ches >Moti v 'angesehen werden dürfe, und kam dabei zu einer Verneinung. Auch politische Verbrechen können in ihren Gründen gemein und niederträchtig sein ohne jedes menschliche Verständnis. und dieser Fall trete beim Morde an Rath en an kraß zutage. Der Oberste/ Staatsgerichtshof sagt von der Tat, daß sie ein fluchwürdiges Verbrechen «gewesen fei, eines der abscheulichsten, das die Geschichte kennt. Durch feige Meuchlerhände sei? eines der edelsten Menschenleben ausgelöscht worden." Daß der Staatsgerichtshos antisemitische Gesinnung nicht als poMsches Motiv gelten läßt uNd daß er nicht möglichst alle solcher Gösinuungsträger vor sein Tribunal isordert, 'wurde in 'eingangs erwähnten Kreisen unliebsam vermerkt. Mit Unrecht. Die Justiz kann sich nur mit -den im Gesetzbuch verpönten Straftaten befassen. Gewiß, nach Verdienst hätten eine, erkleckliche Anzahl Exzellenzen, wirkliche Geheime Räte und ähnliche Stützen der Gesellschaft auf die Anklagebank -gehört. Aber sie hatten klugerweise das bessere Teil erwählt, den „Kadavergehorsam, der schwache Naturen gegen verbrecherische Ansinnen nicht widerstandsfähig macht", gebraucht. Mord'in übertragenem Wirkungskreise, Verbrechen durch Suggestion — die Psychophyfiker haben solche Fälle feftgeftöllt. Leider fehlten hier die Beweise. Die Großmeister der deutschen Maffia leben von mangelnden Indizien. Der Staatsgerichtshof kann nur feines Amtes walten, wenn die Staatspolizei. Hm vor^ear'beidet.hat, und hier ließe sich wohl mehr Eifer und.. WE wünschen. -; Dagegen können wir durchauqs nicht die Meinung jener jüdischen Presse teilen, die äus dem Prozeß gegen die Mordgesellen der Weisheit letzten 'Schluß holt, die Juden müssen/wieder ein Land haben, in dem sie ihr eigenes nationales Leben führen, offen und kontrollierbar vor aller Welt. Wahrlich, ‘ble JNden haben eine Kontrolle Hres Löbens auch ans -außerpalästinischen Boden nicht zu scheuen. Wer etwas 'anderes behauptet, erweist den Anhängern der „Weisen von Zion" einen Dienst. Haffen wir, der letzte Akt, der sich vor dem Leipziger Staatsgerichtshos abspielte, hübe eine Tragödie abgeschlossen, die nicht nur „Furcht und Mitleid" erregen, sodnern auch ,,die menschlichen Leidenschaften" reinigen wird. 6. Jüdische Wohltätigkeit vor und nach dem Kriege in Wien. Bon Benjamin Doll. Der fünfjährige Krieg und die Nachkriegswirtschaft haben bei -allen Völkern die gleichen Erscheinungen zutage gefördert. Ein Blick in eine Haupt- oder Großstadt, namentlich der besiegten Länder, beweist dies zur Genüge. In Berlin und in Wien, in Warschau, sowie in Krakau,, und in vielen anderen Großstädten schen wir immer das gleiche Bild. Eine ganz dünne Oberschicht der „Verdiener", die Milliardengewinne während und nach dem Kriegeeinzuheimsen verstanden haben, macht sich überall auffallend und unangenehm bemerkbar. Es wird dies mit wenigen Ausnahmen alle jene, die nichts zu verlieren hatten. Weder Ehre noch Ansehen, nicht den.Namen und nicht den Stand. Geld war ihr Losungswort. Hingegen sehen wir die großen Massen immer tiefer und tiefer sinken und von dem altehrwürdigen Publikum sind nur noch Schatten vorhanden.