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Die Wahrheit · 1922-10-27 · Heft 21 (27.10.1922) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 21 (27.10.1922)
Date
1922-10-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 21 Die Wahrheit Seite 5 ist. Wenn-, vom Rechtsstandpunkt ganz abgesehen, diesen von der Gemeinde unzureichend bezahlten geistigen Arbeitern oder Künstlern ein Ehrenhonorar in angemessener Form zugsbilligt wird, wie es beim Advokaten, beim Architekten usw. als selbstverständlich gilt, wer kann vom moralischen, rein menschlichen, ja vom Ehrenstandpunkt hiegegen etwas einwenden? Und welcher Jude, der in den Traditionen seiner Religion erzogen ist, wird es nicht als eine Glaubens- und Herzenspslicht empfinden, dem Vorbilds seiner Eltern getreu, in dem Rabbiner nicht den „Funktionär" zu sehen und nach dem Rezept der Männer von der „Morgen-Zeitung" zu verachten, in dem Kantor, der sein Amt in Ehren versieht, nicht die Maschine, den „Schnorrer" zu bespötteln? Scheinbar stcht hier nur ein rein wirtschaftliches Moment in Frage. In Wirklichkeit wird jedoch damit der jüdische Name in der Achtung der Umwelt herabgesetzt, der Rabbiner, der ja zumeist auch als Religionslehrer wirkt, in den Augen der Schuljugend um den Rest von Autorität gebracht, der ihm noch geblisben ist. Damit wird die Axt an einen Grundpfeiler des Judentums, insbesondere der Wi'ener Kultusgemeinde, gelegt.. Die Kultusgemeinde hat jetzt, wo sie in aller Welt für ihren Notftandsfonds sammelt, alle Ursache, sich die Sympathien der jüdischen Gemeinden des Auslandes zu erwerben und zu erhalten. Deren geistige Führer, die Rabbiner, werden aber über soviel Solidaritätsgefühl verfügen, daß sie ein solches Vorgehen geg>en ihre Wiener Kollegen schwerlich gucheißen dürften. Oder glauben die Herren, die jetzt die Gemeinde rudern und steuern, die Steuerkraft der Gemeinde und das jüdische Gemeindeleben zu fördern, wenn .sie die Arbeitsfteudigkeit und Sölbstbeh auptungskraft ihrer Kultusbeamten lahmzulegen am Werke sind? Man braucht geldene Eier und schneidet, wie jene schlechtberatene Fran, g-antz entfremdet waren, wiüder zu uns kommt, wie sie sich mit d>er Sprache der Väter, mit der Geschichte unseres Stammes beschäftigt. Der krasse Materialismus, in dem ja so viele träge dahmleben, löst gerade in den jungen Menschen die Sehnsucht nach der geistigen Welt aus, und da finden viele den Weg zu den Propheten, zu den Psalmen, zum Gebetbuch! Nicht alle, wir wollen uns keinerlei Illusionen hingeben. Ein großer Teil der jüdischen Jugend Deutschlands, er sicht auch heute noch in der Jagd nach dem Geld den Zweck seines Daseins, vergeudet in flachsten Vergnügungen seine Zeit. Sie wissen nicht, daß sie 'auf einem Vulkan tanzen, aber sie sind nicht anders als die anderen ihrer Umwelt! Sie hüben sich auch hier völlig assimiliert. Einer der wesentlichsten Gedanken des Verisöhnungstages ist der Gedanke der Umkchr. Sicht man nicht, daß man aus einem falschen Wege wandelt, daß der Trieb nach dem Besitz, nach den irdischen Gütern, von denen man -auf dem letzten Wege nichts mitnchmen kann, ein völlig verfehlter, mißleiteter ist? Wir werden den furchtbaren Gedanken nicht los, daß für das luxuriöse Lsben und Treiben einer kleinen Oberschicht die gesamte jüdische Gemeinschaft in Deutschland einmal wird leiden müssen, und wir möchten warnen, che es zu spät ist. Die Gesamtheit des deutschen Volkes sicht nicht, daß es nur wenige unter den Juden sind, die unter den wirtschaftlichen Nöten der Zeit nicht leiden, sie glaubt, daß -es allen Juden glänzend geht. Wie falsch diese Ansicht ist, 'braucht im einzelnen nicht -erst bewiesen zu werden. Leidet nicht die gesamte jüdische Bildungsschicht ungcheuer unter der Geldentwertung? Ist nicht das Schicksal der zahldie Hühner auf, die ste allein der Gemeinde legen?! Die Gemeinde hat, wir wissen es zu würdigen, jetzt der Schmerzen nicht wenige. Aber warum wird denn alles andere -dem Auge und Ohr des Publikums ängstlich vorenthalten, alles andere, wirklich Gravierende, und „haltet den Dieb!" gerade denen nachgerufen, die man für das Debacle am allerwenigsten verantwortlich machen kann! Man erzählt von einem Juden, ider, als das Schiff in Seenot vom Ballast entlastet werden sollte, sofort Tallis und Tefillin über Bord warf. Damit glaubt man das -bedrohte Gemeindeschiff zu retten, daß man das bischen Jüdischkeit, die Achtung vor den Vertretern des Kultus preisgibt? Wir geben ohne weiteres zu, es benehmen sich nicht alle Kultusfunktionäre der Partei gegenüber so, wie es die Rücksicht auf die Würde und Ehre ihres Standes chnen gebieten sollte. Wir wissen von Fällen unfairer Konkurrenz, wo man idealere Auffassung des Berufes voraussetzen sollte. Auch das öffentliche Schnobern für die Angestellten, das ja in manchen Tempeln sogar den Rabbiner nicht verschont, dient nicht zur Hebung ihres Anscheins. Wem -es wirklich darum zu tun ist, den Kultusfunktionär nicht verhungern zu lassen, wie es leider noch immer vorkommt, wird andere und passendere Mittel und Wege für seine Hilfsbereitschaft finden. Aber wegen dieser, -gewiß unangenehm auffallenden Ausnahmen, einen ganzen Stand, eine ganze Kategorie ehrenhafter und pflichtgstreu-er Beamter zu verurteilen, ist das nicht waschechte Antisemitenlogik und -moral? Warum fragen die Herren, die im Verurteilen so voreilig sind, nicht, wie Familienväter, die vermöge aller vorauszusetzenden Qualifikationen auf gen-au dasselbe Niveau der Lebenshaltung, wie ste, ein Anrecht haben, wie diese, von der Gemeinde -ganz unzureichend Besoldeten ihren Hausstand bestreiten sollen? losen jüdischen Kleinrentner, der Witwen und Waisen ein ebenso schlimmes wie das ihrer christlichen Schicksalsgefährten? Wer diese schwer um das tägliche Brot ringenden Inden sie fallen nicht so ins Auge wie die Julden vom Kurfürstendanmn in Berlin! Das Wort ,/ganz Israel ist Bürge für einander", es hat auch hier seine Bedeutung. Auch die Schuldlosen müssen für die Schuldigen bürgen. Jüdisches Schicksal! Ich weiß, -daß an diesem Versvhnungstage von unzähligen Kanzeln dieser Gedanke immer wieder -betont werden wird. Wird er ans fruchtbaren Boden fallen, wird man zu einfacher, schlichter Lebensweise zurückkehren und damit die Quelle für so viel Haß verstopfen? .Wir wagen es kaum zu hoffen und doch kann damit das Schicks-al des jüdischen Volkes in Deutschland verbunden sein! Möchte das Wort Kvheleths: „Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist leite!" die erschüttern, für die es gemeint ist. Vielleicht aber haben wir auch schon in Deutschland den Höhepunkt des Judenhasses überwunden. Es sprechen einige Anzeichen dafür, daß man in den verständigen Kreisen der deutschen Intelligenz d-es Rassenhasses müde geworden ist. Man läßt den Ruf zur Sammlung ertönen! Man erkennt, daß es keinen Zweck mehr hat, sich gegenseitig zu zerfleischen, damit die anderen Mächte umso leichteres Spiel mit Deutschland haben. In diesem Sinne spricht vor allem der General Deimling. Möchte, es wahr sein -mochte die Giftsaat des Hasses verschwinden! Was Deutschland cm seinen Juden hat, es würde es wie Spanien erst merken, wenn es sie nicht mehr hatte.! Breslau. > Dr. Willy Cohn.

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