Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1922-10-27 · Heft 21 (27.10.1922) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 21 (27.10.1922)
Date
1922-10-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063949-3063969--11896-3079324
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Gerte 4 Die Wahrheit Nr. S1 kann nur auf Grund von Verhandlungen mit ihnen erfolgen, für die als Voraussetzung angenommen werden darf, daß die Rabbiner nunmehr in die ihnen gebührende Stufe in der Gehaltsskala eingereiht werden. Erinnert sei hiebei, 'daß nicht nur nach dem allgemeinen Herkommen, sondern ausdrücklich nach dem Landesgesetz die zu traue'lde Partei sich -dem Seelsorger vorzustellen hat. In diesem Sinne sind die Trauungsümter anzuweisen. Daß das Gehalt der Rabbiner derzeit nach dem Index sich steigert, kann zur Schmälerung ihrer rechtmäßigen Bezüge aus Mehrleistungen um so 'weniger ins Tressen geführt werden, als diese Gchaltssteigerung nur einen, wenn auch nicht voll entsprechenden Teuerung sZuschlag zu den fixen Bezügen 'darstellt, während die rechtmäßigen Emolumente einer solchen Regulierung nicht unterliegen. Vor allem aber ist es -den Rabbinern, die von ihrem Amte völlig in Anspruch genommen werden, nicht möglich, sich einen Nebenerwerb zu schaffen, selbst wenn ein solcher mit dem Charakter des Rabbineramtes vereinbar wäre. o) Auch bei Scheidungen und anderen rabbinischen Amtshandlungen hat der Rabbiner, insoweit diese den Rahmen der amtspflichtmäßigen Inanspruchnahme überschreiten, ein Anrecht auf besondere Honorierung, die dem Einvernehmen mit der Partei zu überlasten ist. 2. Die Verfügung des Kultusvorstandes, die in ein Lebensintereste einiger Kategorien von Gemeindeangestellten tief einschneidet, widerspricht dem Prinzip der Parität zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Sie durste nach diesem Pritizip nicht ohne vorhergegangene Verhandlungen mit der betroffenen Angestelltenschaft erfolgen. 3. 'Sollten, wie die Rabbinerfektion annehmen darf, vorstehende Argumente die geehrte Verbandsleitung von der Unzulässigkeit 'der Verfügung überzeugen, so wird sie nicht zögern dürfen, auch gegen die Msfübvung jener Verfügung durch Mitglieder de§ Verbandes der Angestellten Einspruch zu erheben. Die Rabbinersektion. Von einer -dem Kultusvorstainde nahestehenden Seite wurde uns mitgeteilt, daß die Erhöhung der Taxen für Trauungen, Ehescheidungen, Leichenbegängnisse usw., die durch die Mehrbelastung dies Gemeindebudgets erforderlich wurde, dem Publikum dadurch annehmbarer gemacht werden soll, daß man es von weiteren Leistungen -an die Funktionäre befreien will. Aus Kreisen dos Verband es d er Kultusangestellten erfuhren wir des weiteren, daß dieser „Anschlag" nicht der erste auf die Kultusfunktionäre sei. Schon seit langem wird einzelnen Gruppen von Angestellten nahegelegt: „Lasset -die Kultusfunktionäre fallen^ dann erhaltet Ihr anderen den Index!" Angesichts dieser Informationen müssen wir gestehen, daß wir den vorstehenden Ausführungen der Herren Rabbiner unsere Zustimmung nicht versagen können. Ist aber das Recht ans ihrer Seite, dann muß man sich fragen, was kann, ohne den Sachverhalt geprüft zu haben, einem Blatte, das die jüdische Ehre zu verteidigen und gegen jeden nichtjüdischon Antisemiten zu eifern sich nicht genug tun kann, zu einer solchen Selbstbeschimpfung den traurigen Mut gegeben haben? Sollten da nicht persönliche Feinde und ähnliche Hintermänner die Drähte ziehen, die es an der Zeit wäre, >ein wenig näher unter die Lupe zu nehmen? Daß aber der Knltusvorstand aus Kosten gerade der Angestellten, die doch den „Kultus" verwalten und mit ihren Leistungen der Kultusgemeinde die Einkünfte schaffen, sein schwankendes Budget ins Gleichgewicht bringen will, wäre selbst bann unfaßbar, wenn diese Möglichkeit sich als gegeben erweisen würde. In Wirklichkeit liegen die Dinge aber doch so, daß die Gemeinde nicht im Geringsten davon berührt wird, wenn die Partei ganz freiwillig und nach eigenem Ermessen sich gegen den Kultusfunktionär erkenntlich zeigt, der bei Sturm und Hagel auf den Friedhof fährt, seine Stimme gefährdet und seine Gej sundheit riskiert in einem Dienste, den er normalerweise I nur bis zu einer bestimmten Altersgrenze zu leisten imstande, i|ill»>ll|.l,ltltP,l.illllllll), lilllllllllL'lilP'iPIIIII .tfiiiin. 'iiimiiii1 .miiin.i ffleton lliiiiii,liiiiiiiii[|liiiiiiiiil Infolge Raummangels sind wir leider diesmal nicht in -der Lage, -die Fortsetzung des Artikels „Jüdische Erlebniste aus dem Weltkrieg" von Dr. Willy Cohn, Breslau, zu bringen Als Ersatz bieten wir unseren.Lesern das nachfolgende aktuelle Stirnmungs- Ibild aus der Feder desselben Autors, das gewiß allgemeinem Interesse begegnen 'dürfte. Brief aus Deutschland. Crew Jom-Kippur! Draußen plätschert der Rögen schon seit Tagen unablässig herab! Oktvberstrmmung, die sich wie ein Alb aus die Brust -legt und die trübsten Gedanken in uns weckt, eine Stimmung, die uns wie geschaffen zu sein scheint für den Tag des Gerichts! Und in tiefstem Erschauern werden sich unzählige Seelen heute mit ihrem.Gotte abzufinden suchen, werden im Gebet mit ihm ringen und die Worte des Unsannetaukes werden sie bis ins Innerste erschüttern, denn heute entscheidet es sich, wer leben und wer sterben soll! Vor uns liegt ein dunkles, ein 'düsteres Jahr! Möge der Herr sich seines Volkes erbarmen! Wir deutschen Juden sehen mit bangen Gedanken in die Zukunft. Deutschland steht vor dem schwersten Winter seit Jahrhunderten. Die Teuerung " hat rasende Fortschritte «gemacht und steigt noch weiter.. Die Banknotenpresse kann gar nicht schnell genug arbeiten, um den Bedarf zu decken. Wie wird das Volk dies jähe Ansteigen der Preise ertragen, mit dom die Einnahmen nicht Schritt hallten können? Wird es nicht zu Unruhen kommen und werden nicht gewissenlose Agitatoren diese uns die Juden abzulenken versuchen, wie man alles Unheil der Wolligeschichte stets auf uns abgewälzt hat? Wenn die große Masse eines 60 Millionenvolkes friert, dann ist sie ja zu allem fähig, darüber muß man sich klar sein. Und wenn das Volk als solches auch gut ist, wie leicht kann es durch Schlagworte irregeführt werden, denn die sogenannte Bildungsschicht in Deutschland ist antisemitisch durch und durch. Wohl ist man in letzter Zeit vorsichtiger 'geworden. Die neuen Gesetze zum Schutze der Republik sind eine starke Waffe gegen den verhetzenden Kampf der Deutschvölkischen geworden, und alle die, die im Dienst der Republik stehen, fürchten für ihr Amt, wenn sie sich in dieser Weise 'betätigen. Aber nur der politische Laie würde meinen, daß sich ein wirklicher StimmungsurNschwung vollzogen hat. Es sind genug Anzeichen dafür vorhanden, daß die nationalistische, das heißt antisemitische Agitation besonders in den östlichen, überwiegend agrarischen Provinzen noch lebendig genug ist. In unserer schnellrbigen Zeit scheint der Mord an Walther Rathenau schon eine Ewigkeit zuvückzuliegen. War er der letzte einer fast unendlichen Reihe ähnlicher Verbrechen, war er der Auftakt zu neuen? Wir loben in einer krisenhaften Zeit, sichen zweisollos mitten in einer revolutionären Epoche, die erst der Historiker späterer Jahrhunderte völlig überschauen wird, und wir Juden sind ein kleines Häuflein umbraudet gleich einer Insel vom tobenden Meer! Daß dem Judentum hinsichtlich seines Bestandes in Deutschland keine Gefahr droht, das bin ich gewiß. Denn gerade durch den Druck von außen wächst die Intensität des jüdischen Lebens noch i,nmer. Wir sehen es täglich, wie die Jugend aus Familien,- die dem Judentum schon i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.